Der Roman zum “Tag des Kaffees”
September 30, 2011
Heute ist “Tag des Kaffees”, passend hierzu der Blogroman ”Espresso”.
Morgen “Tag des Kaffees”
September 29, 2011
42. Espresso
April 10, 2011
Sehr geehrter Herr Dr. Wörgl,
hiermit bitte ich Sie, meinen bestehenden Angestelltenvertrag mit sofortiger Wirkung aufzulösen. Ich bedanke mich für das in mich gesetzte Vertrauen in den letzten sechs Jahren und wünsche dem Verlag einen weiterhin erfolgreichen Weg.
Mit freundlichen Grüßen
Georg Haag
Eigentlich, fand er, ging es dann doch recht schnell, die Formulierungen auf das Briefpapier des Hotels zu schreiben. Lange hatte Georg es immer wieder vor sich hergeschoben. Das, was in seinem Kopf noch an Erinnerungen an sein Zimmer im Verlag hin und her schwappte. Immer wieder schob sich die Lust einer sarkastischen Abrechnung vor die nüchtern formulierte Fassung seiner Kündigung.
Warum er nicht zumindest einen ironischen Unterton in das Schreiben hineinbrachte, wußte er nicht. Zu verlieren hatte er nichts. Wieder als Lektor zu arbeiten war für ihn nicht mehr vorstellbar. Die sprachlichen Fehler größerer und kleinerer schriftstellerischer Talente zu begutachten und zu korrigieren. Dagegen sträubte sich bei der Erinnerung bereits sein Körper. Nur das in der Hand Halten eines frisch gedruckten Buches, das er mitgeholfen hatte auf die Welt zu bringen, war als angenehmes Gefühl in seinem Gedächtnis abgelegt.
Früher hatte er immer Freude an der Auseinandersetzung mit Sprache gehabt. Zumindest immer dann, wenn er als Junge mal nicht auf dem Bolzplatz zu finden war. Oder ein Spiel im Fernsehen übertragen wurde. Aber selbst die Reportagen von Fußballspielen, als dramatische Gattung, wie er später an der Uni lernte, mit all ihrer unfreiwilligen Komik, hatten ihn immer wieder begeistert.
Klassiker wie ‘Tor, Tor, Tor’ oder dramatische Elemente wie ‘noch ist das Spiel nicht zu Ende’ verdichteten für ihn das Leben auf das Wesentliche. Oder nach einem Schuß an den Pfosten: ‘So nah liegen Triumph und Niederlage beisammen.’
“Schade”, dachte Georg”, dass es von den Wörgl-Autoren niemand so knapp auf den Punkt bringen konnte.”
Gerade das Knappe faszinierte ihn. Werbesprache zum Beispiel. Das gesamte Glückserleben im Internetzeitalter mit einem Wort beschrieben: ‘drin’. Oder umfassend die Flirtfaszination der italienischen Männerwelt in die Worte gefasst: ‘Isch abe ga kein Auto’. Vielleicht wäre Werbung etwas für ihn. Jetzt, oder bald, wo er sich um seinen beruflichen Neuanfang kümmern müsste. Zumindest ab dem Zeitpunkt, wenn die Visa-Card nichts mehr hergeben würde.
Werbung war im Verlag immer verhasstes Terrain. Fünfhundert Seiten auf sieben Zeilen Klappentext einzudampfen galt im Grunde als verbrecherisch. Wobei er an nicht wenigen Romanen mitgearbeitet hatte, bei denen der Klappentext die wertvollere Fassung darstellte.
Die Kapitel eines Buches sollten, wie er fand, nicht länger als ein Espresso sein. Eher kürzer. Wäre ein Autor mit einem Romanmanuskript daher gekommen, das nur einen Satz enthielte, er hätte sich bei Wörgl für den Druck stark gemacht. Jeder Buchstabe eine Doppelseite. So in etwa sahen seine Tagträume im Verlag aus. Wäre dieser Traum Wirklichkeit, dann wäre er jetzt nicht in Mailand. Er hätte nicht Monika kennengelernt. Er hätte morgen keine Verabredung am Lago di Lugano. Georg fand, dass die Nichtexistenz dieses Höhepunktes der Weltliteratur auch sein Gutes hatte. Er sah seinem Schreiben nach, wie es hinter der Rezeption durch das Faxgerät lief.
40. Espresso
März 18, 2011
“Haben deine Mailänder eigentlich gewonnen?”
“Ja, wenn sie das 1:0 über die restlichen fünfzig Minuten gebracht haben.”
“Und dann wäre Inter Mailand Meister?”
“Nein, es war nur ein Spiel, bei dem es drei Punkte für eine möglichste gute Platzierung in der Meisterschaft gab.”
“Klingt nicht nach viel. Und trotzdem freuen die sich alle so?”
“Ja, die sind dann in dem Moment mehr als glücklich. Auch wenn es nur ein Spiel von vielen war. Insgesamt 38 in der Meisterschaft, dazu die im Pokal und dann noch die Spiele in den europäischen Wettbewerben …” Georg bemerkte mit leichtem Entsetzen das Unpassende seiner Ausführungen angesichts zweier nackter Körper, im Zimmer herumliegender Kleidungsstücke und einer zerwühlten Bettdecke.
“Ich nehme das als das höchste Kompliment, das du zu vergeben hast. Dass jemand wie du das Stadion schon in der ersten Halbzeit verläßt, um mit mir sofort auf die Matratze zu kommen”, sagte sie mit einem von Verständnislosigkeit gespeisten Grinsen.
“Ist mir auch noch nie passiert.”
39. Espresso
März 13, 2011
Vor beiden erhoben sich plötzlich alle von den Plätzen. Zwischen den aufgeregten Köpfen hindurch konnten sie gerade noch erkennen, dass ein Mailänder alleine auf den römischen Torhüter zulief. Ein Verteidiger kam dazwischen, grätschte jedoch ins Leere. Dadurch hatte der Torwart keine Chance mehr zum Eingreifen. Der Spieler von Inter, nun als Milito in seinen Bewegungen zu erkennen, umkurvte beide und schob den Ball ins leere Tor.
Ein tausendfacher Jubelschrei ertönte. Alle im Block von Monika und Georg rissen die Arme hoch und fielen sich um den Hals. Georg und Monika jubelten mit, die Hände in der Höhe. Alle um sie herum lagen sich in den Armen. Beide bemerkten gleichzeitig das Außergewöhnliche ihres alleinigen Jubels. Etwas verhalten ließen beide ihre Arme einfach in der Höhe. Monika schaute zu Georg und dann wieder schnell weg, als er sich ein wenig zu ihr drehte. Georg wendete seinen Blick wieder auf das Spielfeld, auf dem sich ein Knäuel von blau-schwarzen Trikots gegenseitig umarmten. Als er sich wieder zu Monika umdrehte war ihr Blick fest auf ihn gerichtet. Endlich nahmen sie sich in die Arme und feierten das Tor wie alle um sie herum. Auf und ab gemeinsam hüpfend. Ein neuer Schrei hallte durch das Stadion, als der Torschütze ausgerufen wurde. Georg und Monikas Blicke trafen sich nochmals, diesmal aus nächster Nähe.
Fast hätte ein Rempler von benachbarten Fans den Kuss noch verhindert oder zu einer zahnärztlichen Nachbearbeitung Anlass gegeben. Georg wußte nicht, wie er es geschafft hatte, aber er hatte den Stoß irgendwo im Oberkörper aufgefangen ohne ihn mit den Lippen weiterzugeben. Das Gefühl an der Zungenspitze war für Georg so überwältigend, dass er nicht mehr wußte, ob es um ihn herum tatsächlich wieder ruhiger wurde oder ob er den Lärm der Inter-Fans einfach nicht mehr wahrnahm. Nach noch nicht einmal einer Minute beschwerten sich die ersten unromantisch veranlagten Zuschauer darüber, dass die beiden die Sicht auf das mittlerweile wieder begonnene Spiel versperren würden. Beide sackten auf ihre Sitze zurück. Georg versuchte Monikas Lippen wieder zu erreichen. Sie schaute ihn verständnislos an. Georg blickte sie fragend an. Beide standen auf und zwängten sich an den aufgereihten Knien entlang zum Ausgang des Blocks.
38. Espresso
März 8, 2011
”Warum jubeln die jetzt alle hier im Stadion? Der Mailänder hat doch einen üblen Tritt abbekommen.”
“Deshalb haben sie auch zuerst alle gepfiffen. Jetzt hat der Schiedsrichter dem römischen Spieler aber eine rote Karte gegeben.”
“Schön. Und die darf er jetzt behalten?” fragte sie mit ironischem Lächeln.
“Nein, die behält der Schiedsrichter. Er hat die Karte nicht wirklich gegeben sondern nur gezeigt. Das ist das Zeichen, dass dieser römische Spieler nicht mehr mitspielen darf. Was die eigentliche Strafe jedoch ist: seine Mannschaft darf für ihn niemanden einwechseln. Sie muss mit zehn Mann gegen elf Mailänder weiterspielen.”
“Wie ungerecht. Die anderen zehn können doch nichts dafür, dass der eine Römer so gefoult hat.”
“Beim Fußball geht es immer um zwei Mannschaften. Die einzelnen Spieler helfen oder schaden immer dem eigenen Team. Wenn der Borriello ein Tor machen würde, steht es auch nicht 1:0 für Borriello, sondern für Rom.”
“Aber mit zehn Mann haben die doch keine Chance, da ist doch dann immer einer frei.”
“Genau, sonst wäre es ja keine Strafe dafür, dass der eine Mailänder nur noch humpeln kann. Aber manchmal gewinnen auch zehn Spieler gegen elf. Weil bei den elf Spielern immer einer denkt, man könnte es jetzt langsamer angehen und die anderen zehn Mitspieler die zehn Gegenspieler schon im Griff haben.”
Eine neue Pfeiforgie gellte durch das Stadion.
“Wenn zwei Mailänder jetzt so denken, stehen sich konzentrationsmäßig zehn Römer und nur noch neun Mailänder gegenüber. So etwas kann dann schnell kippen.”
“Mein Gott ist das kompliziert. Ich dachte, die rennen alle dem Ball hinterher und versuchen ihn ins Tor zu bugsieren.” Ein Konter der Römer riss alle Mailänder Fans entsetzt von den Sitzen. Der Flachschuss aus 15 Metern verfehlte jedoch knapp das Tor. “Aber dann ist das doch doppelt ungerecht. Der Mailänder humpelt nur noch, zwei Mailänder spielen nur noch mit halber Kraft, dass sind eigentlich nur noch 8 gegen zehn Römer. Es war dann doch falsch, dass der Schiedsrichter den vom Platz gestellt hat.”
“So gesehen schon. Aber Mailand kann den humpelnden Spieler vom Platz nehmen und einen gesunden frischen Spieler einwechseln, und der Inter-Trainer muss seine Spieler halt wachrütteln, wenn sie nur noch mit halber Kraft arbeiten, dann ist Mailand wieder im Vorteil.”
“Aber nur dann, der gesunde Spieler ist ja nur Ersatzspieler gewesen. Also muss er ja schlechter sein, als der, der dort hinten über den Rasen humpelt. Sag mal, ist das immer so laut?”
“Ja. Also nicht immer. Ich schätze in Italien öfter als in Deutschland. Vor allem, wenn das Spiel spannend ist.”
“Um ehrlich zu sein, ich war etwas erschrocken, als wir hier herein gekommen sind. So viel Lärm, obwohl das Spiel noch gar nicht angefangen hatte.”
“Du hast gar nichts gesagt.”
“Ich wollte nicht gleich schlapp machen. Obwohl ich es mit der Angst bekam. Vor allem war ich innerlich sauer, dass ich jetzt am Wochenende auch noch tough sein muss”, und nach kurzem Zögern, “oder will.”
“Aber jetzt bist du o.k.?”
“Ja, wenn man sich daran gewöhnt hat, macht’s sogar etwas Spaß, wenn alles so tobt und schreit. Auch wenn ich noch nicht begreife, nach was für einem Schema die sich da unten bewegen. Warum die nach außen zu einem Mitspieler schießen statt zu einem Mitspieler, der vor dem Tor steht. Denn darum geht es doch”, und etwas kleinlaut, “dachte ich zumindest, dass die den Ball ins Tor bringen.”
“Also, das ist alles Taktik. Sowohl von den Römern als auch von den Mailändern. Zuerst nach rechts, dann nach links den Ball schieben, das Tempo aus dem Spiel nehmen, um auf die große Chance zu warten, wo die halbe Mannschaft unerwartet vor dem gegnerischen Tor auftaucht und …” Georg war jetzt in seinem Element. Er beschrieb die Feinheiten von kontrollierter Offensive, Raumdeckung, Tempodrosselung, Forechecking, Kontertaktik und den Vorteilen einer Vierer-Abwehrkette.
“So auf dem Niveau hatte ich mir das vor den Bellinis vorgestellt mit dir”, kommentierte Monika.
32. Espresso
Januar 10, 2011
Er schlenderte durch die Stadt. Es regnete nicht mehr. Die Wolken hingen trotzdem weiterhin tief über Mailand. Die in jedem Reiseführer angepriesenen Bauwerke nahm er nur am Rande wahr. Sein Blick ging nach innen. Er musste daran denken, was mal war zwischen ihm und Anna. Wie er sie auf einer Veranstaltung der Bergwacht, wo sie als Rechtsreferentin angefangen hatte, kennengelernt hatte. Oder besser sie ihn. Wie sie zusammen die erste Nacht verbracht hatten. Obwohl es eigentlich eher ein später Nachmittag war. Nachts waren sie schon wieder aus dem Bett und tanzten wie wild in einem Laden, von dem ihm jetzt nicht einmal mehr der Namen einfallen wollte. Wie sie zusammen das erste Mal in Italien waren, bei Freunden von Anna in der Nähe von Neapel. Bei Carlo und Sebastiano. Ein schwules Pärchen. “Warum bestand eigentlich Anna immer so vehement darauf, dass zumindest Carlo bi war?” Georg fiel plötzlich ein, wie oft sie etwas getrennt in diesem Urlaub unternommen hatten, er mit Sebastiano, Anna mit Carlo.
Über lärmende Straßen erreichte er das Castello Sforzesco. Er schaute in seinem Plan von der Tourist Information nach. Hinter dieser Burganlage lag ein Park. Hier müsste sich eine Stelle finden lassen, wo er sich niederlassen und ungestört nachdenken könnte. Wo er, falls es denn doch etwas zu besprechen gäbe, ohne Aufsehen zu erregen in München anrufen könnte.
Das Castello, so wußte er aus seinem Plan, war angeblich weltberühmt. Es sah sehr abweisend aus. “Sollte es wohl auch”, dachte er sich. Er hatte während seines Studiums genügend Bücher lesen müssen, in denen Burgen noch Menschen abschrecken sollten, statt Kunstpilger anzuziehen. Georg widerstand dem Impuls, der Beschilderung ‘museo’ und ‘bar’ zu folgen. Er wollte sich zwingen, sich nicht wieder ablenken zu lassen von seinen Gedanken an Anna.
“Wie hatten sich Anna und Peter eigentlich kennen gelernt?” Nach langem Grübeln fiel ihm ein, dass die beiden sich schon länger kannten als er Anna oder seinen neuen Ex-Kollegen. Wie lange sie sich kannten, hatte er nie erfahren. Woher sie sich kannten auch nicht. Anna war nie abweisend gegenüber Peter, aber oft sehr reserviert. Sie sagte nie etwas Abwertendes über ihn. Außer an dem Tag, an dem Peter mal wieder mit einer neuen Frau auf einer Geburtstagsfeier auftauchte. Eine kurzberockte Blondine, extrem hohe Stiefelabsätze und eine unerträglich schüchterne Stimme. “Typisch Peter”, hatte Anna ihm damals nur zugezischt. “Was war da früher mal gewesen?” Georg hatte nie danach gefragt. Er hatte sich auch nie Gedanken über Annas Leben vor ihm gemacht. Jetzt kam es ihm vor, als ob er sich auch für die Zeit danach nur wenige Gedanken gemacht hätte. Zumindest was Annas Verhältnis zu seinem engsten Kollegen anging.
