1.-40. Espresso

März 27, 2011

Zum leichteren Nachlesen die vorhergehenden Kapitel in chronologischer Reihenfolge: 1. – 40. Espresso

41. Espresso

März 21, 2011

“Bist du eigentlich mit jemanden zusammen?” fragte sie mit nur schwach verhülltem Ernst.

Georg schossen unzählige Gedanken in den Kopf. Annas Gesicht tauchte vor ihm auf. Er wurde unsicher, ob das eben nicht aufzuhaltende Leidenschaft war oder ob bei der Gier auf Monikas Körper auch Rache an Anna dabei war.

“Gibt es jemanden, mit dem du gewöhnlich nach neunzig Minuten das Stadion verläßt?” Monikas Stimme wurde unsicherer.

Georg runzelte die Stirn: “Wie soll ich das beschreiben? Das ist so ähnlich wie mit dem Job in München.”

“Du hast also bei jemand noch Resturlaub, den du gerade abfeierst?”

“Wenn es so etwas klar Geregeltes gäbe”, seufzte Georg. “Um es kurz zu machen: ich bin im Prinzip mit einer Frau in München zusammen, aber es ist sehr unklar, ob ich das noch bin. Jedenfalls bin ich einfach ohne Bescheid zu geben nach Italien gereist. Seitdem führen wir per Handy das, was man wohl Krisengespräche nennt.”

Beide sagten erst einmal nichts. Georg sah Monikas leicht enttäuschtes Gesicht und fügte noch an: “Keine Ahnung, ob es nach dem Resturlaub auch hier zur Kündigung kommt. Jedenfalls wärst du und das, was gerade passiert ist, ein guter Kündigungsgrund.”

“Für dich oder die Frau in München?”

“Erst mal für mich. Aber wahrscheinlich auch für die Frau in München. Und wie sieht es bei dir aus? Gibt es einen Mann in Köln? Oder beschäftigst du dich ausschließlich mit Schokoladenwerbung?”

“Nein, es gibt keinen Mann im Moment. Auch nicht außerhalb von Köln. Es gab mal einen. Aber wir sind inzwischen geschieden.”

“Seitdem bist du solo?”

“So ungefähr. Seit eineinhalb Jahren habe ich nur Affären. Das heißt, am Anfang sehen sie nicht so aus. Aber letztendlich sind sie es dann nur gewesen.”

“Wie das?”

Monika holte kurz Luft. Dachte nach. “So in etwa wie sich das jetzt hier mit dir auch anhört. Ich war ein paar Male der mögliche Kündigungsgrund. Aber am Ende hat dann doch nie einer das Schreiben abgeschickt.”

“Deshalb hast du auch eben wenig begeistert geschaut.”

“Deshalb habe ich eben wenig begeistert geschaut. Ich dachte ‘halt immer dasselbe’ und ‘das wird ohnehin so wie die anderen Geschichten laufen’.”

Stille breitete sich wieder aus. Georg stand zwischen der Versuchung überschwenglich seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und der Warnung aus Kindertagen, nichts zu versprechen, was man nicht sicher halten könne.

“Ich weiß nicht wirklich was passieren wird. Aber ich würde dich gerne wiedersehen. Ich fände es schön, wenn du es probierst, oder riskierst, wieder in die nächste Enttäuschung reinzulaufen.” Er bemerkte selbst das abgehobene Pathos in seinen Worten und versuchte noch im gleichen Atemzug wieder auf dem Boden zu landen: “Hast du nächste Woche Zeit für mich am Feierabend?”

“Würdest du mich in Lugano besuchen kommen?”

“Ja, am liebsten morgen”, sprudelte es aus ihm heraus.

Monika dachte nach. Zu seiner Erleichterung begann sie wieder zu lächeln. “Sagen wir am Dienstag im Hotel. Dann habe ich noch eine Nacht für mich um zu überlegen, ob ich es riskieren will.”

31. Espresso

Januar 4, 2011

 

“Ja?”

“Hallo. Hier ist Georg Haag, der Kunstexperte aus Mailand.”

“Ach, hallo. Schön. Warte einen kleinen Moment.” Georg hörte ein paar Schritte. Eine Tür wurde geschlossen. “Schön, dass du dich meldest. Kunstexperte ist gut. War der Fußballfachmann denn erfolgreicher?”

“Ja, ich habe die Karten. Sonntag am Nachmittag. Kommst du?”

“Ja sicher. Ich freue mich schon darauf. Bin froh, hier mal wieder raus zu kommen.”

“Hast du Probleme in Lugano?”

“Ja, ich habe immer Probleme, ob in Lugano oder in Köln. Mein Job ist es”, ihre Stimme verfärbte sich ironisch “Probleme zu lösen, die andere nicht erledigen können. Oder Probleme zu erkennen, bevor sie zu richtig großen Schwierigkeiten werden. Oder”, nun eher nachdenklich klingend, “neue Probleme zu schaffen, damit niemand auf die Idee kommt, ich wäre hier überflüssig.”

“Und das macht dir Spaß?”

“Grundsätzlich ja”, Georg konnte selbst am Telefon ihr Grinsen sehen, “ich lebe mit dem sicheren Gefühl, dass ohne meine genialen Ideen hier keine einzige Tonne Schokolade verkauft werden würde. Nur, am Freitagnachmittag ist nicht nur die Woche am Ende. Da will ich dann auch raus hier. Am besten irgendwohin, wo ich auf keinen Fall Probleme bearbeiten muss.”

“O.k., ich werde mein Bestes versuchen. Wie darf ich das Problem lösen, dass wir uns in Mailand nicht verfehlen? Kommst du mit dem Zug?”

“Ja, das ist wohl das Einfachste.”

“Also, ich hole dich dann am Blumenstand auf dem Bahnhof ab. So gegen 13 Uhr? Weißt du, wann ein Zug kommt?”

“Nein.”

“Gut, dann werde ich ab 12 auf dich warten. Es wird schon einer eintreffen.”

“Genau so problemlos hätte ich es gerne nach einer solchen Arbeitswoche. Also, ich seh’ dich übermorgen. Ich muss jetzt weiter machen.”

“Ja, ich auch”, sagte Georg unwillkürlich.

“Was hast du denn heute noch Schwieriges zu tun, mal abgesehen vom Belauschen von kunsthistorischen Gesprächen an benachbarten Cafétischen?”

“Ja, stimmt. Du hast recht. So richtig anstrengend ist das nicht”, räumte Georg ein, froh darüber noch einmal das Thema ‘Anna’ vermieden zu haben, “war nur so gewohnheitsmäßig daher gesagt.”

“Also dann. Ciao.”

“Ja, ciao.”

Georg war froh darüber, dass Monika ihm nichts angemerkt hatte. Und er freute sich darüber, dass er, durch die Verabredung mit einer anziehenden Frau gestärkt, Anna anrufen konnte. Zumindest beinhaltete diese Verabredung die Möglichkeit, es Anna heimzuzahlen. Die Eifersucht begann sich mit Rachegelüsten zu paaren. Untermischt waren diese Gefühle jedoch auch mit etwas schlechtem Gewissen. Schließlich war er es gewesen, der einfach so eines Abends nicht nach Hause gekommen war. Dieses ‘einfach-so’ allerdings machte es ihm jedoch auch schwer, sich schuldig zu fühlen. Es passierte einfach so. Vielleicht ist Anna das mit Peter auch einfach so passiert. Gut, aber was haben wir dann zu besprechen? Georgs Lust auf dieses Telefonat schwand zunehmend.

Die ersten 30 Kapitel

November 23, 2010

Zum leichteren Nachlesen die ersten 30 kurzen Kapitel als PDF zum Download: 1. – 30. Espresso

30. Espresso

November 17, 2010

Inter Mailand gegen AS Rom. Schön, dass dieses Wochenende nicht der AC Mailand mit einem Heimspiel dran war. Bei Inter haben Rummenigge, Klinsmann und Brehme gespielt. Bei Rom waren früher Völler und Häßler. All diese Leute, die das Leben hatten, das Georg eigentlich als Kind für sich erträumt hatte. Tore schießen, Pokale hochhalten, in Italien zum Millionär werden und sich beim kurzen Espresso in der Bar von Fans aus der Distanz bewundern lassen. Nun war er schon stolz darauf, trotz seiner begrenzten Sprachkenntnisse die Karten besorgt zu haben. Aus Rücksicht darauf, dass es für Monika das erste Fußballspiel sein würde, kaufte er Sitzplatzkarten. Aber auch er hatte etwas Unbehagen bei der Vorstellung, einen Stehplatz inmitten eines Pulks italienischer Tifosi einzunehmen.

Voller Vorfreude auf die Erfüllung, wenn auch nur teilweise, seines Jungentraumes griff er noch auf der Straße nach seinem Handy, um im Tessin anzurufen. Das Display zeigte zwei Nachrichten an. Beide von Anna.

“Hallo Georg, kannst du mich mal zurückrufen?”, war die eine. “Hallo Georg, ruf’ mich doch bitte mal zurück”, die andere. Der fragende und zugleich vorwurfsvolle Ton der letzten Wochen war nicht mehr vorhanden. Ihre Stimme klang wie bewusst ins Unbestimmte gesteuert. Georg überlegte, was er zuerst tun sollte. Monika anrufen, um sich endgültig zum gemeinsamen Besuch des San Siro Stadions zu verabreden. Oder doch zuerst das Unangenehme hinter sich bringen. Mit dem wahrscheinlichen Geständnis eines Fehltrittes, der laut Peter so gar nicht stattgefunden hat.

Das Unangenehme an dieser Vorstellung war weniger das Darüber-Sprechen, was oder was nicht vorgefallen war, als der ungewisse Ausgang des Gespräches. “Es wird nicht mehr lange so weitergehen können hier in Italien”, ging es ihm durch den Kopf, “Anna fordert auf ihre Art langsam eine Entscheidung.”

Georg entschied sich, sich erst einmal andere Gedanken zu machen. Leichtere Gedanken. Erst einmal eine Verabredung mit einer anderen attraktiven Frau treffen, bevor er sich vielleicht mit Anna im Diskutieren und Streiten verheddern würde. Ein Gespräch, das, wenn es ungünstig läuft, von ihm Entscheidungen fordern würde. Ihm war nicht klar, wie er sich entscheiden würde. Bis eben war ihm nicht einmal bewußt, dass er sich irgendwann entscheiden müsste.

Die Entscheidung gegen seinen Arbeitsplatz, an dem diese unsägliche Zeile auf ihn wartete, hatte ihn genügend Mühe gekostet. Allein die Tatsache, dass er keine weiteren Urlaubstage mehr besaß, hatte seinen Entschluss forciert. Das Fast-nicht-mehr-Lektor-Dasein hätte er noch lange ausgehalten. Nun kam ihm auch noch seine Eifersucht wegen Anna in die Quere.

“Was, wenn Monika mir für das Spiel auch noch einen Korb gibt? Was, wenn sie mich fragt, warum ich heute so ganz anders klinge?”

29. Espresso

November 6, 2010

 

Mit der Karte in der Hand stand er vor dem Museumscafé. Die Karte erinnerte ihn entfernt an den fälligen Anruf im Verlag. Und an die Fragen von Anna, die noch immer im Handy gespeichert waren. Er ging durch den Regen in sein Hotel zurück. Die nassen Kleidungsstücke hing er im Badezimmer auf. Er kuschelte sich unter die Bettdecke und wurde langsam wieder wärmer. Kurz überlegte er, ob er die frischen Erinnerungen an die Museumsbekanntschaft als Vorlage zum Selbstbefriedigen nutzen sollte. “Ein phantastischer Hintern”, ging es ihm durch den Kopf. Pflichtbewußt griff er jedoch zum Handy und rief Peter an.

“Hallo Peter, hier ist Georg.”

“Oh, hallo.”

“Wieso ‘oh’?”

“Ähm, ich habe gerade mit einem anderen Anruf gerechnet.”

“Soll ich auflegen?”

“Nee, passt schon.”

“Ja, ich habe gestern und heute Morgen schon versucht dich zu erreichen, aber dein Handy war ausgestellt.”

“Ja, kann sein.”

“Hattest du ein Date?”

“Hm, so etwas ähnliches.”

“Also keine Frau, nur so was ähnliches wie eine Frau?”

Georg wollte witzig sein. Die Stimmung etwas auflockern. Bevor er Peter mitteilen würde, dass es den Kollegen Georg nicht mehr gab.

“Also schon eher Frau, aber …”, Peter stockte.

“Ja, was, ein Transvestit oder doch eher eine Frau?”

“Ja, eine Frau, aber ich weiß nicht, ob die Frau will, dass ich darüber rede.”

“Na jetzt red’ schon, ich krieg’ es ja eh irgendwann mit.”

Peter schwieg.

“Mach es nicht so spannend! Und keine falsche Namen, ich krieg’ sowieso mit, wenn du flunkerst. Ich kenn’ dich doch. Oder ist es doch ein Transvestit?”

Peter stotterte: “Nein, schon Frau, aber halt Anna, also deine Frau, also deine Freundin.”

Georg schwieg. Er musste sich fassen, bevor er zu weiteren Fragen fähig war.

“Und du hattest dein Handy ausgeschaltet?”

“Ja.”

“Die ganze Nacht?”

“Ja, kann sein, aber da war nichts. Also nichts Richtiges. Wir haben uns auf einen Kaffee getroffen im Tambosi. Anna wollte sich treffen, über dich reden.”

“Und dann?”

“Wir sind ins Kino gegangen. Und dann noch zu ihr. Also zu euch. Das heißt zu ihr. Aber da war nichts gelaufen. Nur halt ein Kuss. Du musst Anna verstehen ….”

“Und wie soll ich dich verstehen?”

“Keine Ahnung. Letztlich ist ja nix passiert.”

“Letztlich”, Georg schluckte. “Gut, ich höre sowieso im Verlag auf. Sag schon mal dem Chef Bescheid. Ich wollte es dir vorher sagen, bevor ich’s dem Verlag schreibe. Na, ja. Und Anna kannst du es auch gleich ausrichten. Damit sie auf dem Laufenden bleibt.” Georg versuchte, nicht sauer zu klingen. “Mach’s gut. Ciao.”

Fast schon lässig das ‘ciao’. Trotzdem, damit hatte er nicht gerechnet. Anna verbringt mit seinem vertrautesten Kollegen die Nacht. Ausgerechnet mit Peter, mit dem er ein fast freundschaftliches Verhältnis hatte. Eifersucht stieg in ihm auf und entglitt ihm wieder. Er hatte sich Gedanken über sein Verhältnis zu Anna gemacht in den letzten zwei Wochen. Auch wenn nicht wirklich etwas dabei heraus gekommen war. Aber die Möglichkeit, dass Anna auch ihre Gefühle zu ihm auf den Prüfstand stellen würde, daran hatte er nicht gedacht. Sollte er Anna zur Rede stellen? Nach einigen wütenden Minuten begriff er, dass er im Grunde kein Recht dazu hatte. Sofort war jedoch auch die Eifersucht wieder da.

Zum Nachlesen die ersten fünfundzwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr:

 1. – 25. Espresso

25. Espresso

September 5, 2010

“Nicht wirklich. Eigentlich …”

“Jetzt tun Sie nicht so zurückhaltend. Sie werden ja schon wissen, warum Sie unbedingt die Bellinis sehen wollten.”

“Also im Grunde nicht. Ich habe nur woanders davon gehört. Dass heißt, dass sie bedeutend sein sollen. Deshalb bin ich nach Mailand gefahren.”

“Im Radio, im Fernsehen oder auf einer Kunsthistorikertagung gehört?”

“Nein, an einem Nachbartisch in einem Café in Verona.”

“Und dann reisen Sie nach Mailand, weil zwischen Cappuccino und Gelato jemand über schöne Bilder geredet hat.”

“Letzten Endes ja.”

“Nicht gerade üblich so eine Urlaubsplanung. Ich weiß nicht ob ich Ihnen das glauben soll.” Sie musterte ihn von oben bis unten. “Sie sehen, wenn ich ehrlich sein darf, nicht so aus wie ein Mann, der sich ziellos dem Müßiggang widmet.”

“Tja, dass kann sein. Also, dass ich nicht so ausschaue.”

“Wie auch immer. Egal, ob Sie Kunstkenner oder Müßiggänger sind, suchen wir die Bellinis und dann können Sie ja beim Kaffeetrinken brillieren. Wenn ich Ihnen glauben soll, ist das ja eher Ihre Welt als das Innere von Museen. Aber eigentlich kaufe ich Ihnen Ihre Zurückhaltung nicht ab. Wahrscheinlich werden Sie mich gleich vor den Bildern mit Fachbegriffen erschlagen, und” mit einem verschmitzten Lächeln, “können anschließend noch nicht einmal einen Cappuccino von einem Caffelatte unterscheiden.”

Georg fiel nichts Geistreiches darauf ein. Noch nicht einmal etwas Dummes. Wahrscheinlich sah er immer noch wie ein akribischer Lektor aus, dem man zutrauen konnte, dass er nach der Arbeit noch riesige Wälzer über die Kunst der Renaissance durchblättern würde. Gleich wieviel müßiges Nichtstun er in den letzten zwei Wochen vollbracht hatte, man sah es ihm nicht an. Georg stutzte darüber, dass von außen keiner wahrnahm, dass er im Innern nicht mehr der war, der damals aus dem Büro in den Feierabend gegangen war.

Die Frau, die all diese Gedanken in ihm ausgelöst hatte, befreite ihn auch wieder davon. “Ich heiße Monika Lyskirchen. Wenn Sie sich im Museum noch als heimlicher Spezialist für die schönen Künste entpuppen also Frau Lyskirchen, wenn Sie doch mehr von Kaffee verstehen, einfach Monika.”

Georgs Verunsicherung wurde immer größer. Trotzdem nahm er noch einmal einen Anlauf lässig zu erscheinen.

“Georg Haag, mein Name. Und weil ich weiß, dass ich nichts weiß, können wir gleich zu den Vornamen übergehen.”

“Das hat Sie jetzt endgültig verraten. Wer Philosophen zitiert, hat in der Regel keine Ahnung von den feinen Unterschieden in italienischen Bars. Also doch Frau Lyskirchen für Sie.”

Georg merkte, dass er mit dem Spruch von Sokrates endgültig keine Chance mehr hatte, als der zu erscheinen, als der er sich in den letzten Tagen gefiel.

“O.k., taktischer Fehler, um beim ‘Du’ bleiben zu dürfen. Los, bringen wir die Bellinis hinter uns. Ich werde versuchen, Sie so stark zu enttäuschen, dass Sie mich dann doch Georg nennen.”

“Ich bin gespannt auf die Enttäuschungen, die Sie mir zu bieten haben.”

23. Espresso

August 16, 2010

Er wurde mit einem Mal aus seiner Urlaubsstimmung heraus gerissen. Daran hatte er jetzt fast zwei Wochen nicht mehr gedacht. Dass er sich klar werden musste über die Frage, ob dies nur eine Reise war oder ein Anfang von einem Ende. Oder von mehreren Enden. “Und was passiert, wenn dann wirklich etwas zu Ende gehen würde? Fängt dann etwas Neues an? Was fange ich dann Neues an?” Unschlüssig lag er auf dem Bett. Er starrte an die Decke.

Nach einer Stunde stand er auf und packte die Sachen aus dem Koffer. Nach wenigen Augenblicken war diese Arbeit getan. Er setzte sich auf die Bettkante. Das Bild an der Wand zeigte den Mailänder Dom. Das Zimmer war etwas muffig. Gegen das Fensterglas prallten einige Regentropfen. Er nahm den Zimmerschlüssel und sein Jackett, schloß hinter sich ab, fragte an der Rezeption, wie er ins Zentrum gelangen könnte und verließ das Hotel. Lange musste er an der Bushaltestelle warten.

Er wollte sich ablenken. Er wollte wieder in diese freudige Ungewißheit seiner Stimmung in Verona zurück. Der Regen, auch wenn er nicht heftig war, beschnitt seine Pläne, einfach etwas herum zu streunen. Es wurde eher ein Weg von einer Bar, die ihm Unterschlupf bot, zur nächsten. Irgendwann erreichte er den Dom, ging hinein und versuchte sich in das Betrachten der Architektur zu versenken. So wie die anderen kunstbeflissenen Touristen wollte er sein.

Am Abend saß er alleine in einer Trattoria. Georg spielte Möglichkeiten durch, wie er die nächsten Gespräche mit Anna und mit Peter führen wollte. Weit kam er nicht. Die Unschlüssigkeit war größer. Das Einzige, was ihm klar vor Augen stand, war, dass er den Moment nicht aushalten könnte, zurück an seinem Schreibtisch zu kehren. Dort das begonnene Manuskript weiter lesen zu müssen und dabei ohne Zweifel auf die Zeile zu stoßen, die von einem fiktiven Neuanfang handelte. Diese Zeile zu lesen und dabei dumpf wie immer im Verlag zu sitzen, diese Situation, so stellte er sich vor, würde er nur schwer aushalten.

Der Espresso nach dem Essen beflügelte ihn zu einer endgültigen Entscheidung. “Ich werde noch heute Abend Peter anrufen.” An Anna wollte er nicht denken. Schon gar nicht an Entscheidungen. Trotzdem rief er dort zuerst an, nachdem er wieder in seinem Hotelzimmer war. Nur die Mailbox war erreichbar. Da es sonst nichts mehr zu tun gab, wählte er Peters private Nummer. Ein Anrufbeantworter meldete sich. Georg legte auf.

“Also dann erst morgen”, fluchte er leise.

Kurz vor acht am nächsten Morgen versuchte er es wieder bei Peter. Er wollte es nun hinter sich bringen, eine Entscheidung unumkehrbar machen und endlich wieder zum Urlauber werden. Wieder war nur der Anrufbeantworter erreichbar.

“Verdammt.”

21. Espresso

August 5, 2010

Der frisch erworbene Koffer lag geöffnet auf dem Hotelbett. T-Shirts und Hemden, Unterhosen und Strümpfe wanderten hinein. Zwei Wochen war Georg nun in Verona. Er hatte nicht viel gesehen von der Stadt. Eigentlich saß er die meiste Zeit in Straßencafés und ließ das Leben an sich vorbeihuschen. Einmal schloss er sich diesem Leben an. Er kaufte ein Ticket für die abendliche Aufführung in der Arena. Die Oper beeindruckte ihn weniger als die erwartungsvollen Gesichter der anderen Zuschauer. Das Erleben von etwas Einmaligem spiegelte sich in ihren Augen. Die milde Abendluft. Der Himmel über ihnen. Das bunte Bühnenbild. Die Stimmen der Sänger. Auch diese Erinnerungen wanderten in seinen Koffer.

Er hatte mehrere Gespräche mit Anna gehabt. Sie bestanden aus ihren Fragen und seinen nicht gegebenen Antworten. Die schweigenden Anteile an diesen Gesprächen wurden immer länger, während die Gespräche immer kürzer wurden. Anna vermied es, Entscheidungen zu fordern. Ihm schien es, als ob Anna insgeheim hoffe, dass sich alles in Luft auflösen würde. So lange müsste sie versuchen, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Gleichzeitig nahm er jedoch auch wahr, dass sie ihn vom Mann zum Jungen herabstufte. Ein Junge, der sich mal austoben muss. Sie müsste nur eine Weile die geduldige Mutter spielen, dann würde er wohl, hoffentlich endgültig erwachsen geworden, zurückkommen.

Der Koffer war gepackt. Ein letzter Blick aus dem Fenster. Ein Blick durch das Zimmer. Er würde ein Hotelzimmer verlassen, in dem er keine einzige Seite eines Buches gelesen hatte. Ein Zimmer, in dem er sich die Zeit mit Tagträumen vertrieben hatte. Er bezahlte an der Rezeption. Seinen Schlüssel gab er ab und nahm den Bus zum Bahnhof.

“Das war also Verona, die Stadt von Romeo und Julia,” ging es ihm durch den Kopf. Er ging zum Schalter und besorgte sich ein Ticket. Anschließend ging er in die Bar, die er vor vierzehn Tagen noch gemieden hatte. Ein letzter Espresso, bevor er in den Zug steigen würde. Die Barista, eine blondierte Sophia-Loren-Kopie, die ihn bediente, brachte ihn kurzfristig aus der Bahn. Außer einer vom Espresso verbrannten Unterlippe zog er sich jedoch keine weiteren Schäden zu. Er ging zum Bahnsteig, suchte sich im Zug einen freien Platz und verstaute den Koffer.

Die ganze Strecke bis Mailand schaute er zum Fenster hinaus. Die Po-Ebene rauschte an ihm vorbei. Er genoss es, bei strömendem Regen geschützt im Zug zu sitzen. Es regnete noch immer als er in Mailand ankam. In der Tourist Information ließ er sich telefonisch ein preiswertes Zimmer reservieren. Es lag etwas außerhalb des Zentrums und schien nur beschwerlich mit Bussen erreichbar zu sein. Er nahm ein Taxi. Als er sich gewohnheitsmäßig eine Quittung geben lassen wollte, fiel ihm ein, dass er diese Taxifahrt nicht beruflich unternommen hatte. “Verflixt. Der Verlag. Ich muss dort anrufen. Hatte ja nur wegen zwei Wochen Urlaub angefragt. Wie viele Urlaubstage habe ich noch? Was ist, wenn der Boss sich quer stellt? Mist.”

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