42. Espresso

April 10, 2011

 

Sehr geehrter Herr Dr. Wörgl, 

hiermit bitte ich Sie, meinen bestehenden Angestelltenvertrag mit sofortiger Wirkung aufzulösen. Ich bedanke mich für das in mich gesetzte Vertrauen in den letzten sechs Jahren und wünsche dem Verlag einen weiterhin erfolgreichen Weg.

Mit freundlichen Grüßen

Georg Haag

Eigentlich, fand er, ging es dann doch recht schnell, die Formulierungen auf das Briefpapier des Hotels zu schreiben. Lange hatte Georg es immer wieder vor sich hergeschoben. Das, was in seinem Kopf noch an Erinnerungen an sein Zimmer im Verlag hin und her schwappte. Immer wieder schob sich die Lust einer sarkastischen Abrechnung vor die nüchtern formulierte Fassung seiner Kündigung.

Warum er nicht zumindest einen ironischen Unterton in das Schreiben hineinbrachte, wußte er nicht. Zu verlieren hatte er nichts. Wieder als Lektor zu arbeiten war für ihn nicht mehr vorstellbar. Die sprachlichen Fehler größerer und kleinerer schriftstellerischer Talente zu begutachten und zu korrigieren. Dagegen sträubte sich bei der Erinnerung bereits sein Körper. Nur das in der Hand Halten eines frisch gedruckten Buches, das er mitgeholfen hatte auf die Welt zu bringen, war als angenehmes Gefühl in seinem Gedächtnis abgelegt.

Früher hatte er immer Freude an der Auseinandersetzung mit Sprache gehabt. Zumindest immer dann, wenn er als Junge mal nicht auf dem Bolzplatz zu finden war. Oder ein Spiel im Fernsehen übertragen wurde. Aber selbst die Reportagen von Fußballspielen, als dramatische Gattung, wie er später an der Uni lernte, mit all ihrer unfreiwilligen Komik, hatten ihn immer wieder begeistert.

Klassiker wie ‘Tor, Tor, Tor’ oder dramatische Elemente wie ‘noch ist das Spiel nicht zu Ende’ verdichteten für ihn das Leben auf das Wesentliche. Oder nach einem Schuß an den Pfosten: ‘So nah liegen Triumph und Niederlage beisammen.’

“Schade”, dachte Georg”, dass es von den Wörgl-Autoren niemand so knapp auf den Punkt bringen konnte.”

Gerade das Knappe faszinierte ihn. Werbesprache zum Beispiel. Das gesamte Glückserleben im Internetzeitalter mit einem Wort beschrieben: ‘drin’. Oder umfassend die Flirtfaszination der italienischen Männerwelt in die Worte gefasst: ‘Isch abe ga kein Auto’. Vielleicht wäre Werbung etwas für ihn. Jetzt, oder bald, wo er sich um seinen beruflichen Neuanfang kümmern müsste. Zumindest ab dem Zeitpunkt, wenn die Visa-Card nichts mehr hergeben würde.

Werbung war im Verlag immer verhasstes Terrain. Fünfhundert Seiten auf sieben Zeilen Klappentext einzudampfen galt im Grunde als verbrecherisch. Wobei er an nicht wenigen Romanen mitgearbeitet hatte, bei denen der Klappentext die wertvollere Fassung darstellte.

Die Kapitel eines Buches sollten, wie er fand, nicht länger als ein Espresso sein. Eher kürzer. Wäre ein Autor mit einem Romanmanuskript daher gekommen, das nur einen Satz enthielte, er hätte sich bei Wörgl für den Druck stark gemacht. Jeder Buchstabe eine Doppelseite. So in etwa sahen seine Tagträume im Verlag aus. Wäre dieser Traum Wirklichkeit, dann wäre er jetzt nicht in Mailand. Er hätte nicht Monika kennengelernt. Er hätte morgen keine Verabredung am Lago di Lugano. Georg fand, dass die Nichtexistenz dieses Höhepunktes der Weltliteratur auch sein Gutes hatte. Er sah seinem Schreiben nach, wie es hinter der Rezeption durch das Faxgerät lief.

37. Espresso

Februar 25, 2011

“Ein Vorwand für was?” hakte Monika nach.

“Ja, nun, also ein Vorwand, sich mit dir zu verabreden.”

“Nun, ja, in neunundneunzig von hundert Fällen hätte ein Mann bei mir mit der Einladung zu einem Fußballspiel auch keine Chance auf eine Verabredung.”

“Stimmt. Die Nummer habe ich auch noch nie probiert. Bin auch immer davon ausgegangen, dass sie keine Erfolgsaussichten hätte. Hab’ ich mich wohl getäuscht.”

“Welche Nummern probierst du sonst immer?”

Georg überlegte. In seiner Selbstdarstellung gegenüber Monika war das ein Scheidepunkt. Entweder würde er den Lockeren mimen, der nichts bei schönen Frauen unversucht lässt und kühl seine Vorgehensweise plant. Oder er würde zu dem stehen, wie er sich selbst sah. Als einen ziemlichen Trottel in seinen spärlichen Versuchen der Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht. Die eine Alternative erschien ihm so unangemessen für seine Person, wie die andere für die Situation, in der er steckte.

Monika ließ nicht locker. “Auf welche anderen einstudierten Nummern und Zaubertricks fallen die Frauen bei dir sonst herein?”

Georgs Verlegenheit wurde größer. Er versuchte es mit Selbstironie. “Besonders groß ist mein Repertoire nicht. Es liegt daran, dass ich es kaum anwenden kann. Mir laufen die Frauen so schon immer nach. Schau, da”, und er blickte zu Monika herüber, “schon wieder eine.”

Monika konnte, obwohl sie ganz leicht errötete, ein Grinsen nicht unterdrücken. “Auf den Mund gefallen bist du ja nicht”, sagte sie anerkennend.

Derart ermuntert versuchte Georg gleich den Ball zurückzuspielen. “Und welche Tricks hast du drauf, wenn du einen Mann auf dich aufmerksam machen willst?”

Monika musste nicht lange nachdenken. “Ich warte an Museumseingängen bis ein hübscher Hintern vorbei kommt, stelle mich dahinter in die Reihe und schenke ihm eine Eintrittskarte”, kam es zurück. “Klappt immer”, fügte sie lapidar nach.

Georgs Gesicht verfärbte sich nun rötlich. Mit derartiger Direktheit hatte er nicht gerechnet. Auf die eindeutige Richtung des Komplimentes hatte er die letzten Tage nur heimlich gehofft. Sprachlosigkeit gewann an Raum in ihm.

“Wenn du dich wieder gefasst hast, kannst du mir ja mal sagen, welches Café du ansteuerst”, sagte Monika mit unschuldigem Gesichtsausdruck.

“Ja, also nur die Bar hier vorne. Nur kurz auf einen Espresso. Es ist nicht mehr soviel Zeit bis zum Anpfiff.”

Zum Nachlesen die ersten fünfundzwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr:

 1. – 25. Espresso

24. Espresso

August 28, 2010

Zwei Sachen wollte er in Mailand sehen: das Bild von Bellini und ein Fußballspiel im San Siro Stadion. An der Rezeption ließ er sich den Weg zur Pinacoteca di Brera erklären. Vor der Museumskasse wunderte er sich zuerst über die Preise und dann über die lange Schlange.

“Ob die alle wegen Bellini hier sind”, fragte er sich. Georg wußte nicht im Geringsten, um was für ein Museum es sich handelte. Ob dort van Goghs hingen, die Lieblingsbilder von Anna, ob dort griechische Vasen in Massen die Säle füllten oder zeitgenössische Kunstwerke ausgestellt werden mit dem Zweck, ihn zu erschrecken. Für was auch immer man sich anstellte, Georg bemerkte, dass nicht nur er dies als eine brauchbare Alternative zu einem Spaziergang durch das verregnete Mailand ansah.

Als er nach einer kleinen Ewigkeit endlich an der Reihe war, versuchte er sofort die vielleicht auf ihn lauernde moderne Kunst oder die ihn wahrscheinlich langweilenden antiken Säle zu umgehen.

“Scusi, dove trovare io Bellini?”

“Signora Bellini o Bellini, il artista?”

Georg war verwirrt. Auf Gegenfragen war sein Italienisch nicht eingerichtet. Mit den Händen machte er Bewegungen, die zusammengenommen die rechteckigen Umrisse eines Bilderrahmens darstellen sollten.

Der Mann an der Kasse schien ihn zu verstehen. “Allora, signora Bellini é cosi”, wozu er die Formen einer sehr weiblich gerundeten Mailänderin beschrieb, “questa tu non cerca, é vero?”

“Si, si”, nickte Georg.

“Da Bellini, il artista, abbiamo molte pitture.”

Was mochte dies nun bedeuten? Er war zunehmend ratlos. Hinter ihm nahm in der Schlange das Verständnis für zeitraubende seltsame Fragen ab. Murren wurde deutlich wahrnehmbar. Er wurde nervös. Ein letzter Versuch schnell an sein Ziel zu gelangen.

“Parla tedesco?”

“No, mi dispiace”

Ein allerletzter Versuch. “Parla inglese?”

“Si, un po’”

“Can you show me the way to the picture of Bellini?”

“Yes, signore, it is a bit difficult. Because we are having a lot of rooms under construction. You go up, turn right, go along the floor, at the Veronese you turn right again and then the third room to the left and you will stand just in front of one of the Bellinis.”

“Oh, there is more than one Bellini?”

“Si, I know two paintings from Bellini here. Maybe we have more. I don’t know. I’m just an old man here a la cassa. For this question you have to ask the direzione.”

“Ah, si. Grazie. Molto grazie, signore.”

Ein erleichtertes Seufzen ging durch die Schlange, als Georg endlich zur Seite trat. Um so unwilliger war das Murren, als er kurz vor dem Eingang ins Museum umdrehte und Anstalten machte, sich wieder an den Kassierer zu wenden.

“Scusi, un biglietto, prego. Per favore.”

Wortfetzen wie “Idiot”, “it’s ridicolous”, “what a fuckin’ artsucker” drangen bis nach vorne.

Die Frau, die gerade an der Reihe war, rettete Georg mit der Bemerkung “Allora, due bigletti per me”, vor übleren Beschimpfungen.

“Die ist für Sie”, wandte sie sich an Georg.

“Oh, danke, dass Sie mir aus der Patsche geholfen haben. Ich hätte mich sonst zwischen nochmaligem Anstellen und Tumult entscheiden müssen. Was hat die Karte gekostet?”

“9 Euro.”

Georg begann in seinem Portemonnaie zu kramen.

“Lassen Sie es gut sein. Sie laden mich nachher zum Kaffee ein und vorher zeigen Sie mir die Bilder von diesem Bellini. Müssen ja ganz besondere Kunstwerke sein.”

“Oh, ähm, danke, sicher. Also sicher lade ich Sie auf einen Kaffee ein. Gerne. Aber, ähm, was dieses Bild, also diese Bilder angeht, also ich weiß nicht, ob ich Ihnen da dienen kann.”

“Na, jetzt kein falsches Understatement. Sie sind bestimmt ein großer Kenner der frühen italienischen Renaissancemalerei.”

23. Espresso

August 16, 2010

Er wurde mit einem Mal aus seiner Urlaubsstimmung heraus gerissen. Daran hatte er jetzt fast zwei Wochen nicht mehr gedacht. Dass er sich klar werden musste über die Frage, ob dies nur eine Reise war oder ein Anfang von einem Ende. Oder von mehreren Enden. “Und was passiert, wenn dann wirklich etwas zu Ende gehen würde? Fängt dann etwas Neues an? Was fange ich dann Neues an?” Unschlüssig lag er auf dem Bett. Er starrte an die Decke.

Nach einer Stunde stand er auf und packte die Sachen aus dem Koffer. Nach wenigen Augenblicken war diese Arbeit getan. Er setzte sich auf die Bettkante. Das Bild an der Wand zeigte den Mailänder Dom. Das Zimmer war etwas muffig. Gegen das Fensterglas prallten einige Regentropfen. Er nahm den Zimmerschlüssel und sein Jackett, schloß hinter sich ab, fragte an der Rezeption, wie er ins Zentrum gelangen könnte und verließ das Hotel. Lange musste er an der Bushaltestelle warten.

Er wollte sich ablenken. Er wollte wieder in diese freudige Ungewißheit seiner Stimmung in Verona zurück. Der Regen, auch wenn er nicht heftig war, beschnitt seine Pläne, einfach etwas herum zu streunen. Es wurde eher ein Weg von einer Bar, die ihm Unterschlupf bot, zur nächsten. Irgendwann erreichte er den Dom, ging hinein und versuchte sich in das Betrachten der Architektur zu versenken. So wie die anderen kunstbeflissenen Touristen wollte er sein.

Am Abend saß er alleine in einer Trattoria. Georg spielte Möglichkeiten durch, wie er die nächsten Gespräche mit Anna und mit Peter führen wollte. Weit kam er nicht. Die Unschlüssigkeit war größer. Das Einzige, was ihm klar vor Augen stand, war, dass er den Moment nicht aushalten könnte, zurück an seinem Schreibtisch zu kehren. Dort das begonnene Manuskript weiter lesen zu müssen und dabei ohne Zweifel auf die Zeile zu stoßen, die von einem fiktiven Neuanfang handelte. Diese Zeile zu lesen und dabei dumpf wie immer im Verlag zu sitzen, diese Situation, so stellte er sich vor, würde er nur schwer aushalten.

Der Espresso nach dem Essen beflügelte ihn zu einer endgültigen Entscheidung. “Ich werde noch heute Abend Peter anrufen.” An Anna wollte er nicht denken. Schon gar nicht an Entscheidungen. Trotzdem rief er dort zuerst an, nachdem er wieder in seinem Hotelzimmer war. Nur die Mailbox war erreichbar. Da es sonst nichts mehr zu tun gab, wählte er Peters private Nummer. Ein Anrufbeantworter meldete sich. Georg legte auf.

“Also dann erst morgen”, fluchte er leise.

Kurz vor acht am nächsten Morgen versuchte er es wieder bei Peter. Er wollte es nun hinter sich bringen, eine Entscheidung unumkehrbar machen und endlich wieder zum Urlauber werden. Wieder war nur der Anrufbeantworter erreichbar.

“Verdammt.”

21. Espresso

August 5, 2010

Der frisch erworbene Koffer lag geöffnet auf dem Hotelbett. T-Shirts und Hemden, Unterhosen und Strümpfe wanderten hinein. Zwei Wochen war Georg nun in Verona. Er hatte nicht viel gesehen von der Stadt. Eigentlich saß er die meiste Zeit in Straßencafés und ließ das Leben an sich vorbeihuschen. Einmal schloss er sich diesem Leben an. Er kaufte ein Ticket für die abendliche Aufführung in der Arena. Die Oper beeindruckte ihn weniger als die erwartungsvollen Gesichter der anderen Zuschauer. Das Erleben von etwas Einmaligem spiegelte sich in ihren Augen. Die milde Abendluft. Der Himmel über ihnen. Das bunte Bühnenbild. Die Stimmen der Sänger. Auch diese Erinnerungen wanderten in seinen Koffer.

Er hatte mehrere Gespräche mit Anna gehabt. Sie bestanden aus ihren Fragen und seinen nicht gegebenen Antworten. Die schweigenden Anteile an diesen Gesprächen wurden immer länger, während die Gespräche immer kürzer wurden. Anna vermied es, Entscheidungen zu fordern. Ihm schien es, als ob Anna insgeheim hoffe, dass sich alles in Luft auflösen würde. So lange müsste sie versuchen, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Gleichzeitig nahm er jedoch auch wahr, dass sie ihn vom Mann zum Jungen herabstufte. Ein Junge, der sich mal austoben muss. Sie müsste nur eine Weile die geduldige Mutter spielen, dann würde er wohl, hoffentlich endgültig erwachsen geworden, zurückkommen.

Der Koffer war gepackt. Ein letzter Blick aus dem Fenster. Ein Blick durch das Zimmer. Er würde ein Hotelzimmer verlassen, in dem er keine einzige Seite eines Buches gelesen hatte. Ein Zimmer, in dem er sich die Zeit mit Tagträumen vertrieben hatte. Er bezahlte an der Rezeption. Seinen Schlüssel gab er ab und nahm den Bus zum Bahnhof.

“Das war also Verona, die Stadt von Romeo und Julia,” ging es ihm durch den Kopf. Er ging zum Schalter und besorgte sich ein Ticket. Anschließend ging er in die Bar, die er vor vierzehn Tagen noch gemieden hatte. Ein letzter Espresso, bevor er in den Zug steigen würde. Die Barista, eine blondierte Sophia-Loren-Kopie, die ihn bediente, brachte ihn kurzfristig aus der Bahn. Außer einer vom Espresso verbrannten Unterlippe zog er sich jedoch keine weiteren Schäden zu. Er ging zum Bahnsteig, suchte sich im Zug einen freien Platz und verstaute den Koffer.

Die ganze Strecke bis Mailand schaute er zum Fenster hinaus. Die Po-Ebene rauschte an ihm vorbei. Er genoss es, bei strömendem Regen geschützt im Zug zu sitzen. Es regnete noch immer als er in Mailand ankam. In der Tourist Information ließ er sich telefonisch ein preiswertes Zimmer reservieren. Es lag etwas außerhalb des Zentrums und schien nur beschwerlich mit Bussen erreichbar zu sein. Er nahm ein Taxi. Als er sich gewohnheitsmäßig eine Quittung geben lassen wollte, fiel ihm ein, dass er diese Taxifahrt nicht beruflich unternommen hatte. “Verflixt. Der Verlag. Ich muss dort anrufen. Hatte ja nur wegen zwei Wochen Urlaub angefragt. Wie viele Urlaubstage habe ich noch? Was ist, wenn der Boss sich quer stellt? Mist.”

Zum Nachlesen die ersten zwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr: 1. – 20. Espresso

20. Espresso

Juli 25, 2010

Am nächsten Tag saß er bereits am späten Vormittag in dem Café an der Piazza Bra. Die nötigsten Einkäufe hatte er schnell erledigt. Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm, Deo. Eine grundsätzliche Entscheidung verlangte der Besuch der Herren-Unterwäsche-Abteilung. Sollte er sich eine Unterhose kaufen, ein Doppelpack oder gleich das preisgünstige Zehnerpack? Er ging etwas unschlüssig zwischen den Sonderangebotsständen auf und ab. Der Hilfe anbietenden Verkäuferin gegenüber versuchte er so zu tun, als ob er sich nicht zwischen den Materialien und Qualitäten entscheiden könnte. Um in naher Zukunft solche schwerwiegenden Entscheidungsprozesse zu umgehen, verließ er das Kaufhaus mit zwei Zehnerpaketen Unterhosen, ebenso vielen Paar Socken, zehn T-Shirts, einer Jeans, einem Hemd und einem kleinen Koffer.

Er gehörte ab jetzt zu dem Heer der Touristen in Verona. Sein Aufenthalt war nun nicht mehr ein vorübergehender. Ungeplant. Für ihn selbst nicht erklärbar. Georg versuchte sich – der Inhalt der Plastiktüten neben seinem Cafétisch drängte ihn dazu – seine nächsten Tage vorzustellen. Er würde herumreisen. Nach Venedig. Nach Padua. Nach Mailand. Nach Turin. Er würde sich die Kunstschätze Italiens ansehen. Er würde ans Meer fahren. Tagelang am Strand liegen. Er würde sich eine Vespa leihen und durch Umbrien und die Toskana trödeln. Im Chianti würde er länger verweilen. Die unterschiedlichsten Weine wollte er kennenlernen.

Am Nachbartisch saß eine Gruppe vertieft in die Diskussion, ob die Bilder eines Bellini in Museen in Venedig oder in Mailand von größerer Bedeutung wären für die Entwicklung eines anderen Malers. Auch der zweite Künstlername sagte Georg nichts. Aber Bellini hörte sich gut an für ihn. Seine Italienischkenntnisse waren immerhin so groß, dass er wusste, was eine Bella war. Damit waren auch seine Gedanken wieder bei der Frau in Trento, die nicht am Bahnsteig erschienen war. Ab und zu nahm er zwischen seinen Tagträumen Fetzen aus dem Gespräch vom benachbarten Tisch auf. Illusionäre Tiefenwirkung, Übersteigerung des Symbolgehaltes, fast schon expressiv zu nennende Farbkontraste und präraffaelitische, coloristische Interdependenz. Über was dort gesprochen wurde, blieb ihm verschlossen. Allein der Name des Malers war etwas, das ihn anzog. Georg beschloss, auch die Bilder dieses Bellini in seine Urlaubsplanungen zwischen Chianti und Vespa einzufügen.

Erst nach etwa einer Viertelstunde halb abwesenden Zuhörens bemerkte er, dass sich hinter einem Teil der ihm unverständlichen Bildbeschreibungen ein schönes Gesicht verbarg. Sofort setzte sich bei ihm die Tagtraummaschine in Gang. Er schätzte das Gesicht auf Ende zwanzig. Er wusste nicht, was ihm daran gefiel, nahm sich jedoch nach weiteren dreißig Minuten vor es anzusprechen. Fast im gleichen Moment brach die Gruppe auf.

Georg legte Münzen auf den Tisch, die für fünf Cappuccini ausreichen müssten und folgte ihr. Das Gesicht verwandelte sich plötzlich in lange braune Haare und einen magnetisch anziehenden Hintern. Die Gruppe lief mit eiligem Schritt durch Gassen, verweilte vor bestimmten Fassaden und machte an keiner Bar halt. Er hielt sich in größerem Abstand. Niemand schien sein Verfolgen zu bemerken. Er kam sich komisch vor, sich selbst beim Herumdrücken an Hausecken zu beobachten. Über was bei der Betrachtung von Häusern und Kirchen gesprochen wurde, konnte er nicht verstehen. Nach etwa drei Stunden verschwanden die langen Haare, die Pobacken und die restliche Gruppe in einem Hoteleingang. Georg schaute irritiert auf sein Spiegelbild in der Scheibe der Tür.

18. Espresso

Juli 4, 2010

Mit halber Aufmerksamkeit betrachtete Georg das Leben vor der Arena. Der Stuhl, den er vor dem Café seit vier Stunden besetzte, gab ihm die Möglichkeit, das Treiben aus der ersten Reihe betrachten zu können. Der Platz füllte sich seit Stunden mit Menschen, die noch eine Karte für die Opernaufführung ergattern wollten. Es traten Menschen auf Georgs Bühne, die während der Stunden vor dem Konzert das Flair der Piazza genießen wollten. Das, was der Reiseführer ihnen versprochen hatte. Junge Leute aus der Stadt mischten sich, je später es wurde, in immer größer werdenden Gruppen unter die Touristen, die den Platz am späten Nachmittag noch in ihrer Hand wähnten.

Georg hatte in diesen vier Stunden mehrere Stücke auf seiner Bühne erlebt. Zwei Aufführungen davon ähnelten sich sehr und handelten von einem erfolgreichen Taschendiebstahl. Auch bemerkte er, dass in beiden Darbietungen die Hauptrolle von dem gleichen Darsteller gespielt wurde. Georg erlebte die Ehedramen, die sich abspielten, wenn es für die ersehnte Opernaufführung in der Arena keine Karten oder nur welche niederen Ranges zu erwerben gab. “Ich habe dir schon zu Hause gesagt, du sollst dich besser in Deutschland drum kümmern. Aber immer denkst du nur an andere Dinge. Nie an mich!” Und nachdem sich der Besitzer einer Karte der preiswerteren Ränge mit dem Vorzeigen des Billets zu verteidigen suchte. “Soviel bin ich dir also wert.” Auch dieses Stück erlebte auf der Bühne vor der Arena mehrere Aufführungen, wobei die Dialoge manchmal variierten, niemals aber die Gesten.

Zu Wiederholungen auf dem Spielplan kam es auch bei einem Stück für verschieden große Ensembles. Der Protagonist erschien auf der Bühne, schoss ein Photo von der Arena. Er blätterte in seinem Reiseführer, peilte sein nächstes Ziel an. Währenddessen kam eine Gruppe aus der Tiefe der Bühne, bestehend aus einer Frau und mehreren quengelnden Kindern, die um die Gnade baten, eine Pause machen zu dürfen. Die meisten Aufführungen endeten mit der unerbittlichen Stimme des Hauptdarstellers, dessen Herz sich nicht erweichen ließ. Worauf die gesamte Gruppe eiligen Schrittes wieder von der Piazza verschwand. Lediglich eine Aufführung dieses Stückes endete mit dem Satz “Wenn du mir diese Freude auch noch nehmen willst, dann sind wir geschiedene Leute!”, worauf sich der Protagonist von der Gruppe entfernte.

Georg genoß diese Schauspiele und bestellte mittlerweile seinen sechsten Cappuccino. Er wunderte sich selbst über seine stille Freude über die Dramen, die sich vor ihm abspielten. Sein Handy hatte er im Hotel gelassen. Es konnte ihn nicht mehr dabei stören, sich von seiner eigenen Bühne stückweise zu entfernen. Im Verlag hatte er nicht angerufen. Er verspürte kein Interesse etwas erklären zu müssen, das ihm selbst unerklärlich war, ihm selbst aber bereits als überraschendes Erlebnis vertrauter wurde. Sollte er Anna nochmals anrufen? Auch sie würde Gründe wissen wollen. Ihm wurde die Suche danach zunehmend gleichgültiger.

Auf mehrfachen Wunsch die ersten 15 Kapitel in einem Dokument zum leichteren Nachlesen:  1. – 15. Espresso

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