1.-40. Espresso

März 27, 2011

Zum leichteren Nachlesen die vorhergehenden Kapitel in chronologischer Reihenfolge: 1. – 40. Espresso

36. Espresso

Februar 13, 2011

Unzählige Male hatte Georg jetzt schon auf die Uhr geschaut. Eigentlich sollte der Zug schon längst eingefahren sein. Es gab keine Durchsage. Andere warteten wie er, doch niemand lief so oft den Bahnsteig auf und ab. Endlich kam eine Stimme aus dem Lautsprecher. Sie war schwer zu verstehen. Etwas mit treno, ritardo und dieci minuti. Welcher Bahnsteig gemeint war, konnte Georg nicht heraushören. Aber er blieb auf dem Bahnsteig, da auch die anderen Wartenden keine anderen Anstalten machten.

“Hallo, wir waren eigentlich am Blumenladen verabredet.”

“Huch, hallo Monika! Wo kommst du denn jetzt her?”

“Wie gesagt, vom Blumenladen. Ich hab’ schon gedacht, du würdest mich versetzen. Ich hab’ schon eine ganze Weile gewartet. Jetzt bin ich etwas spazieren gegangen. Es ist nicht immer einfach in Italien als Frau eine längere Zeit alleine rumzustehen.”

“Oh, Mist, das tut mir leid. Ich wollte dich direkt vom Bahnsteig abholen. Ich hatte jetzt alle Züge aus der Richtung Tessin in den letzten eineinhalb Stunden abgepasst. Es ist mir schleierhaft, wie ich dich übersehen konnte.”

“Ganz einfach, du konntest mich hier nicht sehen. Ich bin aus Bergamo gekommen. Da war gestern eine Feier eines Großkunden meiner Firma. Ich bin dann gleich in einem Hotel über Nacht geblieben.”

“Wie dumm, jetzt hängen wir beide im Mailänder Bahnhof herum statt …”, Georg bemerkte wie gehemmt er plötzlich war, “aber ich freu’ mich, dass du da bist.”

“Ich mich auch. Und jetzt?”

“Ja, stimmt, du hast recht, das Spiel.”

“Du hast gar kein Fantrikot an, keinen Vereinsschal oder so etwas”, stellte Monika leicht überrascht fest.

“Doch, doch. Das Spiel war jetzt kein Vorwand. Man kann auch in normaler Kleidung ein Stadion betreten. Magst du erst einmal einen Kaffee trinken?”

35. Espresso

Februar 7, 2011

Seltsam unerwartet für Georg war diese Wendung am Ende des Gespräches. Die lärmende Schulklasse kam ihm nun entgegen und holte ihn zurück in den Park am Castello. Warum hatten sie sich ihrer Liebe versichert, wenn bei beiden keine großen Gefühle mehr da waren. Georg war durcheinander. War es Vertrautheit? War es vielleicht doch mehr, was sie zusammenhielt, als der Komfort einer eingespielten Gemeinschaft. Oder war es die Angst, den letzten Schritt zu machen. War es ein Neuanfang in ihrer Beziehung? Ein neues Feld tat sich für seine Tätigkeit als Neuanfangswissenschaftler auf. Wieviele Neuanfänge geschehen fast unbemerkt. Etwas ändert sich vollkommen im Innern, aber der äußere Rahmen bleibt bestehen.

Man müßte eine Liste von Zeichen entwickeln, an denen man ablesen könnte, dass es sich untrüglich um einen Neuanfang handelt, obwohl niemand ihn bemerkt. Damit wäre er in diesem Forschungszweig auf Jahre unerreichbar. Er sah bereits das Cover der dazu passenden Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse vor sich: ‘Das Neue im Alten’. Ein schöner offener Titel. Auch hervorragend für Vorträge zu jeglichen Anlässen geeignet. Er müsste versuchen herauszufinden, warum manche Menschen es nicht bemerken, dass sie ganz von vorne anfangen. Warum sie denken ‘Tja, ich mach’ mal weiter’, während sie es nun völlig neu angehen.

Nun gut, er würde die Neuanfangswissenschaft damit in die Nähe der obskuren philosophischen Wissenschaften führen. Georg war sich jedoch sicher, dass sich schon ein paar mathematische Formeln entwerfen ließen, die niemand verstehen würde, die aber den Status eines fundierten Universitätsfaches sicherten. “Summe der beibehaltenen Faktoren dividiert durch die Differenz von Änderungen und Beibehaltenem multipliziert mit dem Lebensalter abzüglich der Wurzel aus durchschnittlicher Lebenserwartung multipliziert mit dem Produkt aus p und der Anzahl von an der Situation beteiligten Daumen sowie der Differenz aus bisher erfolglosen und erfolgreichen Neuanfängen beim Untersuchungsobjekt. So ähnlich könnte das funktionieren”, dachte er sich.

Andere Felder ergäben sich aus der Suche nach typischen Neuanfängern und notorischen Neuanfangsverweigerern. Aus letzteren müßte er dann die Gruppe der unbewußten Neuanfänger separieren. Wenn er die dazu notwendigen Indikatoren bestimmt hätte, könnte er sich dann selbst die Frage beantworten, zu welcher Gruppe er und Anna nun gehören würden. Ihm wurde klar, dass diese Forschungsaufgabe nicht so nebenher zu erledigen wäre. Ohne ein Heer an Assistenten, die ihm zuarbeiten würden, wäre eine derartige Fragestellung nicht einmal in Frage zu stellen.

Sofort stellte sich eine andere Frage seinen Gedanken in den Weg: “Musste das mit dem ‘Ich hab’ dich lieb – Ich dich auch’-Gesäusel wirklich sein?”

Erleichtert stellte er fest, dass auch hier die Wissenschaft von den Neuanfängen in Zukunft Erklärungen anbieten würde. “Vielleicht gehört das einfach zu dem Versuch neu anzufangen, ohne deutlich zu machen, das etwas geändert werden soll? Wer weiß. Hier wird man eine ausreichend große Menge an standardisierten Interviews führen müssen.” Georg sah zum Himmel. Es gab keinen Sonnenuntergang, keinen Sonnenaufgang. Hier müßte er, für den Fall, das tatsächlich gerade ein Neuanfang stattgefunden hätte, bei Haag eine Null in die Liste eintragen. “Vielleicht ist das mit den leuchtenden Farben am Himmel auch nur eine Neuanfangsform im Film und in mäßigen Manuskripten? Vielleicht fehlt hier tatsächlich jeglicher Bezug zur Realität?”

34. Espresso

Januar 24, 2011

“Auf lange Zeit”, kam es halb fragend zurück.

“Ja, genau das meine ich. Keiner von uns redet noch von Heirat. Von immer zusammen bleiben und so. Was sollen wir denn auf eine Einladungskarte schreiben? Das Team Wengen und Haag gibt die Verlängerung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit nun unbegrenzter Vertragsdauer bekannt? Wir leben eingespielt nebeneinander. Das ist alles komfortabel. Aber wir machen uns keine Gedanken mehr übereinander.”

“Also, ich mir schon”, fuhr Anna dazwischen.

“Auch schon, bevor ich in den Zug gestiegen bin?” Georg wartete, bevor er weiter sprach. “Ich bin vorhin stutzig geworden, dass ich mir nie Gedanken über dich und Peter gemacht habe. Ich habe keine Ahnung, woher ihr euch kennt. Ob ihr vor unserer Zeit schon mal ‘was miteinander hattet. Warum eure Art des Kontaktes, wenn wir mal zu dritt oder mit anderen zusammen waren, immer diese seltsame Mischung aus Herzlosigkeit und Vertrautheit hatte. Das Problem ist nicht, dass ich das nicht weiß – obwohl, das ist auch ein Problem, aber erst jetzt – das Problem ist, dass ich nie stutzig geworden bin, dass mich das nie interessiert hat.”

“Ja, eine gewisse Gleichgültigkeit hast du schon immer an den Tag gelegt. Ich wußte nie, ob ich sie als typische Zerstreutheit von überarbeiteten Menschen aus der vergeistigten Literaturszene tolerieren muss oder als großes Maß an Selbstbewusstsein bewundern soll. Meist war’s dann so, dass ich es klasse fand, wie sicher du dir meiner Liebe warst.”

“Ja, ich war mir da auch sicher. Aber nur, weil ich auch nie stutzig wurde, nie Fragen gestellt habe, alles als in Ordnung bezeichnet hätte. Was war mit Carlo. Warum musstest du immer unterstreichen, dass er bi war? Was war mit Peter früher oder vielleicht sogar, als wir schon zusammen waren? Ich weiß es nicht. Ich wollte es nicht wissen. Und ich frage mich, warum es mich nicht interessiert hatte.”

“Na wenigstens hast du jetzt Interesse dafür gefunden.” Anna holte Luft. “Also, mit Peter hat sich viel aufgestaut. Wir hatten vor unserer Zeit ein längeres Verhältnis zusammen. Immer nur heimliche Geschichten, weil er noch mit Susanne und ich, hm, ja, eigentlich noch mit Frank zusammen war. Also wir waren öfters im Bett. Ich wäre bereit gewesen mich zu trennen. Aber er wollte nicht. Und später tauchte er immer mit diesen aufgedonnerten blonden Tussis auf und ich dachte ‘warum jetzt so eine, wenn er mich hätte haben können’. Ja, und”, mit leiserer Stimme, “in letzter Zeit, das heißt auch schon vor deiner seltsamen Abreise, haben wir uns wieder ab und zu auf einen Kaffee im Tambosi getroffen. Und es ging da auch schon in die Richtung, die es jetzt genommen hat, ohne dass da jetzt etwas war. Es war oder ist, wie auch immer, eine Spannung da. Von früher wahrscheinlich.”

Georg dachte nach. Nach einer Weile sagte er: “Spannung ist auch so etwas, was mir fehlt. Wie gesagt, ein gutes Duo. Aber die heißen überschwenglichen Gefühle sind nicht da. Nicht mehr da.”

“Geht mir so ähnlich. Leider.”

Keiner von beiden wusste etwas zu sagen. Eine lärmende Schulgruppe zog an Georg vorbei. Anna fasste als erste Mut, das anzusprechen, was in der Luft lag, was zunehmend unvermeidlich wurde.

“Und was nun?”

“Keine Ahnung.”

“Wo sollen wir die großen Gefühle herzaubern?”

“Weiß ich auch nicht. Vielleicht müsste ich nur etwas mehr hinschauen. Vielleicht kommen wieder heftigere Gefühle.”

“Wäre schön.” Nach einer Pause, in der Anna sich Mut machen musste auch endlich das anzusprechen, was keiner von beiden in den letzten Wochen nur annäherungsweise in Worte kleiden wollte: “Ich will mich nicht trennen.”

“Ich mich auch nicht.”

“Ich hab’ dich lieb. Trotzdem.”

“Ich dich auch.”

33. Espresso

Januar 17, 2011

 

Spazierend im Park wählte er Annas Nummer bei der Bergwacht. Unruhe breitete sich in ihm aus.

“Ja, schön, dass du anrufst.”

“Ja, schön. Hast du Zeit?”

“Klar, mein nächster Termin ist erst in zwei Stunden.”

“O.k., ich weiß Bescheid. Ich hatte vorhin Peter am Apparat.”

“Ah. So. Dann weißt du, dann hast du schon gehört, dass , ähm …”

“Ja, was?”

“Ja, also, dass da was war. Dass also eigentlich nichts war.”

“So ähnlich hat es Peter auch ausgedrückt. Und?”

“Und was?”

“Trefft ihr euch wieder?”

“Keine Ahnung. Ich weiß nicht.”

“Was weißt du nicht?”

“Ja, was wohl du Blödmann? Du haust ab. Ich muss dir hinterher telefonieren. Ich habe keine Ahnung, was du nachts treibst und dann meinst du auch noch, dich hier als Untersuchungsrichter aufspielen zu können. Du tickst ja nicht sauber.”

“Äh, kann sein.”

Eine Gruppe lachender Mädchen kreuzte Georgs Weg.

“Hier geht es nicht um Peter. Hier geht es nicht darum, ob ich mich wieder mit ihm treffe. Es geht um dich und mich.” Anna wartete auf eine Reaktion. “Falls dies für dich noch ein Thema ist.”

“Ja, das ist für mich ein Thema. Hör zu, ich habe schon mehrmals versucht zu erklären, dass ich nicht weiß, warum ich damals am Feierabend nach Italien und nicht nach Hause gefahren bin. Ich kann auch nicht sagen, warum ich hier geblieben bin. Ich bin kein Psychologe. Aber es liegt doch auf der Hand, dass es etwas mit dir und mir zu tun hat. Ich weiß nur nicht was.”

“Nach drei Wochen könntest du aber doch eigentlich schon mal mindestens auf Ideen gekommen sein, wenn man bedenkt, dass du nicht wie ich auch noch nebenbei arbeiten musst.”

“Klar geht es mir durch den Kopf, dass mir etwas fehlt in unserem Zusammensein.”

“Was zum Beispiel?”

“Das Dämliche ist, es zu benennen. Es sind halt nur Kleinigkeiten.”

“Dann nenn’ sie trotzdem. Wie ich dich kenne, sind das für mich keine kleinen Sachen.”

“Mir fehlt halt etwas Besonderes in unserem Zusammenleben. Es ist doch eher ein Nebeneinanderleben. Gut, wir sind ein gutes Team. Aber das kann es doch auf Dauer nicht sein.”

“Ein Team also”, hallte es verbittert zurück.

“Ja, wir sind erfolgreich, jeder für sich in seinem Beruf, nicht unbedingt glücklich. Und wir helfen uns gegenseitig, wo wir können. Aber das allein kann es nicht sein, was auf lange Zeit reichen soll.”

Die ersten 30 Kapitel

November 23, 2010

Zum leichteren Nachlesen die ersten 30 kurzen Kapitel als PDF zum Download: 1. – 30. Espresso

29. Espresso

November 6, 2010

 

Mit der Karte in der Hand stand er vor dem Museumscafé. Die Karte erinnerte ihn entfernt an den fälligen Anruf im Verlag. Und an die Fragen von Anna, die noch immer im Handy gespeichert waren. Er ging durch den Regen in sein Hotel zurück. Die nassen Kleidungsstücke hing er im Badezimmer auf. Er kuschelte sich unter die Bettdecke und wurde langsam wieder wärmer. Kurz überlegte er, ob er die frischen Erinnerungen an die Museumsbekanntschaft als Vorlage zum Selbstbefriedigen nutzen sollte. “Ein phantastischer Hintern”, ging es ihm durch den Kopf. Pflichtbewußt griff er jedoch zum Handy und rief Peter an.

“Hallo Peter, hier ist Georg.”

“Oh, hallo.”

“Wieso ‘oh’?”

“Ähm, ich habe gerade mit einem anderen Anruf gerechnet.”

“Soll ich auflegen?”

“Nee, passt schon.”

“Ja, ich habe gestern und heute Morgen schon versucht dich zu erreichen, aber dein Handy war ausgestellt.”

“Ja, kann sein.”

“Hattest du ein Date?”

“Hm, so etwas ähnliches.”

“Also keine Frau, nur so was ähnliches wie eine Frau?”

Georg wollte witzig sein. Die Stimmung etwas auflockern. Bevor er Peter mitteilen würde, dass es den Kollegen Georg nicht mehr gab.

“Also schon eher Frau, aber …”, Peter stockte.

“Ja, was, ein Transvestit oder doch eher eine Frau?”

“Ja, eine Frau, aber ich weiß nicht, ob die Frau will, dass ich darüber rede.”

“Na jetzt red’ schon, ich krieg’ es ja eh irgendwann mit.”

Peter schwieg.

“Mach es nicht so spannend! Und keine falsche Namen, ich krieg’ sowieso mit, wenn du flunkerst. Ich kenn’ dich doch. Oder ist es doch ein Transvestit?”

Peter stotterte: “Nein, schon Frau, aber halt Anna, also deine Frau, also deine Freundin.”

Georg schwieg. Er musste sich fassen, bevor er zu weiteren Fragen fähig war.

“Und du hattest dein Handy ausgeschaltet?”

“Ja.”

“Die ganze Nacht?”

“Ja, kann sein, aber da war nichts. Also nichts Richtiges. Wir haben uns auf einen Kaffee getroffen im Tambosi. Anna wollte sich treffen, über dich reden.”

“Und dann?”

“Wir sind ins Kino gegangen. Und dann noch zu ihr. Also zu euch. Das heißt zu ihr. Aber da war nichts gelaufen. Nur halt ein Kuss. Du musst Anna verstehen ….”

“Und wie soll ich dich verstehen?”

“Keine Ahnung. Letztlich ist ja nix passiert.”

“Letztlich”, Georg schluckte. “Gut, ich höre sowieso im Verlag auf. Sag schon mal dem Chef Bescheid. Ich wollte es dir vorher sagen, bevor ich’s dem Verlag schreibe. Na, ja. Und Anna kannst du es auch gleich ausrichten. Damit sie auf dem Laufenden bleibt.” Georg versuchte, nicht sauer zu klingen. “Mach’s gut. Ciao.”

Fast schon lässig das ‘ciao’. Trotzdem, damit hatte er nicht gerechnet. Anna verbringt mit seinem vertrautesten Kollegen die Nacht. Ausgerechnet mit Peter, mit dem er ein fast freundschaftliches Verhältnis hatte. Eifersucht stieg in ihm auf und entglitt ihm wieder. Er hatte sich Gedanken über sein Verhältnis zu Anna gemacht in den letzten zwei Wochen. Auch wenn nicht wirklich etwas dabei heraus gekommen war. Aber die Möglichkeit, dass Anna auch ihre Gefühle zu ihm auf den Prüfstand stellen würde, daran hatte er nicht gedacht. Sollte er Anna zur Rede stellen? Nach einigen wütenden Minuten begriff er, dass er im Grunde kein Recht dazu hatte. Sofort war jedoch auch die Eifersucht wieder da.

24. Espresso

August 28, 2010

Zwei Sachen wollte er in Mailand sehen: das Bild von Bellini und ein Fußballspiel im San Siro Stadion. An der Rezeption ließ er sich den Weg zur Pinacoteca di Brera erklären. Vor der Museumskasse wunderte er sich zuerst über die Preise und dann über die lange Schlange.

“Ob die alle wegen Bellini hier sind”, fragte er sich. Georg wußte nicht im Geringsten, um was für ein Museum es sich handelte. Ob dort van Goghs hingen, die Lieblingsbilder von Anna, ob dort griechische Vasen in Massen die Säle füllten oder zeitgenössische Kunstwerke ausgestellt werden mit dem Zweck, ihn zu erschrecken. Für was auch immer man sich anstellte, Georg bemerkte, dass nicht nur er dies als eine brauchbare Alternative zu einem Spaziergang durch das verregnete Mailand ansah.

Als er nach einer kleinen Ewigkeit endlich an der Reihe war, versuchte er sofort die vielleicht auf ihn lauernde moderne Kunst oder die ihn wahrscheinlich langweilenden antiken Säle zu umgehen.

“Scusi, dove trovare io Bellini?”

“Signora Bellini o Bellini, il artista?”

Georg war verwirrt. Auf Gegenfragen war sein Italienisch nicht eingerichtet. Mit den Händen machte er Bewegungen, die zusammengenommen die rechteckigen Umrisse eines Bilderrahmens darstellen sollten.

Der Mann an der Kasse schien ihn zu verstehen. “Allora, signora Bellini é cosi”, wozu er die Formen einer sehr weiblich gerundeten Mailänderin beschrieb, “questa tu non cerca, é vero?”

“Si, si”, nickte Georg.

“Da Bellini, il artista, abbiamo molte pitture.”

Was mochte dies nun bedeuten? Er war zunehmend ratlos. Hinter ihm nahm in der Schlange das Verständnis für zeitraubende seltsame Fragen ab. Murren wurde deutlich wahrnehmbar. Er wurde nervös. Ein letzter Versuch schnell an sein Ziel zu gelangen.

“Parla tedesco?”

“No, mi dispiace”

Ein allerletzter Versuch. “Parla inglese?”

“Si, un po’”

“Can you show me the way to the picture of Bellini?”

“Yes, signore, it is a bit difficult. Because we are having a lot of rooms under construction. You go up, turn right, go along the floor, at the Veronese you turn right again and then the third room to the left and you will stand just in front of one of the Bellinis.”

“Oh, there is more than one Bellini?”

“Si, I know two paintings from Bellini here. Maybe we have more. I don’t know. I’m just an old man here a la cassa. For this question you have to ask the direzione.”

“Ah, si. Grazie. Molto grazie, signore.”

Ein erleichtertes Seufzen ging durch die Schlange, als Georg endlich zur Seite trat. Um so unwilliger war das Murren, als er kurz vor dem Eingang ins Museum umdrehte und Anstalten machte, sich wieder an den Kassierer zu wenden.

“Scusi, un biglietto, prego. Per favore.”

Wortfetzen wie “Idiot”, “it’s ridicolous”, “what a fuckin’ artsucker” drangen bis nach vorne.

Die Frau, die gerade an der Reihe war, rettete Georg mit der Bemerkung “Allora, due bigletti per me”, vor übleren Beschimpfungen.

“Die ist für Sie”, wandte sie sich an Georg.

“Oh, danke, dass Sie mir aus der Patsche geholfen haben. Ich hätte mich sonst zwischen nochmaligem Anstellen und Tumult entscheiden müssen. Was hat die Karte gekostet?”

“9 Euro.”

Georg begann in seinem Portemonnaie zu kramen.

“Lassen Sie es gut sein. Sie laden mich nachher zum Kaffee ein und vorher zeigen Sie mir die Bilder von diesem Bellini. Müssen ja ganz besondere Kunstwerke sein.”

“Oh, ähm, danke, sicher. Also sicher lade ich Sie auf einen Kaffee ein. Gerne. Aber, ähm, was dieses Bild, also diese Bilder angeht, also ich weiß nicht, ob ich Ihnen da dienen kann.”

“Na, jetzt kein falsches Understatement. Sie sind bestimmt ein großer Kenner der frühen italienischen Renaissancemalerei.”

22. Espresso

August 11, 2010

In seinem Zimmer legte er sich auf das Bett. Er rief die eingespeicherten Nummern des Verlages auf und entschied sich für Peter.

“Ranzmoser.”

“Hallo Peter, hier ist Georg.”

“Na, wieder im Lande. Auf Goethes Spuren zu Ende gewandert?”

“Ich bin nicht in München. Bin in Mailand. Goethe war nie in Mailand.”

“War auch nur so daher gesagt. Übrigens morgen steht dein Projekt wieder auf der Tagesordnung. Dem Boss brennt es offensichtlich unter den Nägeln. Ich hoffe du bist gut vorbereitet. Wann geht dein Flieger in Mailand?”

“Ich nehme keinen Flieger in Mailand. Ich bin gerade erst angekommen. Erst seit fünf Minuten auf dem Zimmer. Und, ähm, und ich werde morgen nicht da sein. Egal, was der Alte meint.”

“Wie? Willst du noch weiter Urlaub machen?”

“Ja. Wahrscheinlich.”

“Hast du denn noch Urlaub?”

“Ja, ich glaube schon. So drei oder vier Tage.”

“Soll ich dem Alten sagen, dass er sich auf nächste Woche verlassen kann.”

“Ja”, und mit wenig Sicherheit in der Stimme, “ja, wahrscheinlich bin ich da.”

“Wie? ‘Wahrscheinlich bin ich da’?”

“Ach, ich weiß nicht.”

“Kommt jetzt etwas Grundsätzliches?”

“Nein, ja, nein, erst mal nicht. Sag einfach Bescheid, ich würde meine restlichen Urlaubstage auch noch nehmen.”

“Ah, ja.”

“Also sag in der Personalabteilung und im Vorzimmer vom Boss Bescheid. Du wüsstest auch nicht mehr. Das Gespräch wäre dann einfach unterbrochen worden. Genaueres wüsstest du auch nicht. Schlechte Verbindung in Italien. Und so weiter. Könntest du das für mich tun?”

“Soll ich, wo ich schon dabei bin, gleich auch Anna Bescheid geben?”

“Nein, nicht nötig. Habe ich schon gemacht. Beziehungsweise habe ich nicht gemacht. Ähm, also wir haben nicht über ein bevorstehendes Ende meines, ähm, meiner Reise gesprochen.”

“Ah, ja.”

“Ja.”

“Und du meinst, das wird jetzt hier nichts Grundsätzliches, oder?”

“Was weiß ich. Jedenfalls bin ich jetzt in Mailand. Keine Ahnung, was in drei Tagen ist.”

“Ah, ja.”

“O.k., du hast recht. Ich sollte mir darüber wohl Gedanken machen.”

“So ähnlich würde ich es ausdrücken. Wenn du mich gefragt hättest.”

“Ich hab dich zwar nicht gefragt, aber du hast trotzdem Recht.”

“Also dann. Ich beneide dich nicht um die nächsten Tage.”

“Gut, bis dann.”

19. Espresso

Juli 16, 2010

Er ging durch die Stadt, streunte herum. Die Piazza delle Erbe gefiel ihm am besten, obwohl die Marktstände geschlossen waren. Trotzdem strahlte für ihn der Platz auch unbenutzt Leben aus. Vielleicht lag es daran, dass die Marktverkäufer diesen Platz nur vorübergehend verlassen hatten, alles aber darauf deutete, dass sie auf jeden Fall wiederkommen würden. Georg hatte, geleitet in seinem Streunen von einem Faltblatt der Tourist Information, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt gesehen, ohne sie unbedingt bewundert zu haben. Auch vor dem Balkon der Julia hatte er gestanden, ohne dass dies einen besonderen Eindruck auf ihn hinterließ, bevor er wieder die Piazza Bra, den Platz vor der römischen Arena, erreichte.

In erstaunlich kurzer Zeit entleerte sich nun seine Bühne. Die mehr oder wenigen stolzen Besitzer der Opernkarten strömten in das Amphitheater. Georg wurde auf das Stück zurückgeworfen, in dem er selbst, wie es schien, eine Hauptrolle inne hatte. Er ging zu seinem Hotel. Mit einem Buch wollte er sich ablenken.

An der Rezeption, gerade als er nach seinem Schlüssel fragte, fiel ihm ein, dass er keines dabei hatte. Immer hatte er einen kleinen Stapel auf seinen Reisen dabei. Ein Buch, auf das er sich schon seit langem freute. Ein Buch, falls diese Vorfreude bereits nach wenigen Seiten enttäuscht werden würde. Ein weiteres Buch, für den Fall, dass er das zweite an einem Tag verschlingen würde. Und ein viertes, fünftes und sechstes Buch als Versicherungspaket für den Fall, dass er wegen einer Krankheit die Rückreise nicht pünktlich antreten könnte. Nicht ein Buch hatte er nun bei sich. Nicht einmal eins aus der Abteilung Notfallapotheke, falls die Straßenbahn auf dem Weg heim von der Arbeit an einem falsch parkenden Auto scheitern würde.

Er gab den Schlüssel dem verdutzten Hotelangestellten zurück und ging wieder ins Freie. Das Erinnertwerden an die praktischen Seiten einer Reise schien ihn zu erleichtern. Nicht nur an Lektüre mangelte es ihm. Weder eine Zahnbürste noch ein Deo oder gar eine Unterhose zum Wechseln führte er bei sich. Er müßte sich entweder zum Bahnhof aufmachen und den nächsten Zug nach München nehmen oder sich den üblichen Erfordernissen des touristischen Alltags stellen. Gerne hätte er sich auf das Erledigen der Einkäufe gestürzt, doch die Läden, die das führten, was er benötigte, hatten bereits geschlossen.

In einer Bar auf dem Weg zurück ins Hotel bestellte er sich einen Grappa. Jetzt war er wieder auf der eigenen Bühne angelangt, es gab nichts mehr zu tun. An der Rezeption verlangte er mit deutlich wahrnehmbarem alkoholisiertem Atem nach seinem Zimmerschlüssel. Mit überraschtem Blick nahm der Portier zur Kenntnis, dass er ihn nicht sofort zurück bekommen würde, als er Georg die Zimmertür hinter sich schließen hörte.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.