1.-40. Espresso

März 27, 2011

Zum leichteren Nachlesen die vorhergehenden Kapitel in chronologischer Reihenfolge: 1. – 40. Espresso

41. Espresso

März 21, 2011

“Bist du eigentlich mit jemanden zusammen?” fragte sie mit nur schwach verhülltem Ernst.

Georg schossen unzählige Gedanken in den Kopf. Annas Gesicht tauchte vor ihm auf. Er wurde unsicher, ob das eben nicht aufzuhaltende Leidenschaft war oder ob bei der Gier auf Monikas Körper auch Rache an Anna dabei war.

“Gibt es jemanden, mit dem du gewöhnlich nach neunzig Minuten das Stadion verläßt?” Monikas Stimme wurde unsicherer.

Georg runzelte die Stirn: “Wie soll ich das beschreiben? Das ist so ähnlich wie mit dem Job in München.”

“Du hast also bei jemand noch Resturlaub, den du gerade abfeierst?”

“Wenn es so etwas klar Geregeltes gäbe”, seufzte Georg. “Um es kurz zu machen: ich bin im Prinzip mit einer Frau in München zusammen, aber es ist sehr unklar, ob ich das noch bin. Jedenfalls bin ich einfach ohne Bescheid zu geben nach Italien gereist. Seitdem führen wir per Handy das, was man wohl Krisengespräche nennt.”

Beide sagten erst einmal nichts. Georg sah Monikas leicht enttäuschtes Gesicht und fügte noch an: “Keine Ahnung, ob es nach dem Resturlaub auch hier zur Kündigung kommt. Jedenfalls wärst du und das, was gerade passiert ist, ein guter Kündigungsgrund.”

“Für dich oder die Frau in München?”

“Erst mal für mich. Aber wahrscheinlich auch für die Frau in München. Und wie sieht es bei dir aus? Gibt es einen Mann in Köln? Oder beschäftigst du dich ausschließlich mit Schokoladenwerbung?”

“Nein, es gibt keinen Mann im Moment. Auch nicht außerhalb von Köln. Es gab mal einen. Aber wir sind inzwischen geschieden.”

“Seitdem bist du solo?”

“So ungefähr. Seit eineinhalb Jahren habe ich nur Affären. Das heißt, am Anfang sehen sie nicht so aus. Aber letztendlich sind sie es dann nur gewesen.”

“Wie das?”

Monika holte kurz Luft. Dachte nach. “So in etwa wie sich das jetzt hier mit dir auch anhört. Ich war ein paar Male der mögliche Kündigungsgrund. Aber am Ende hat dann doch nie einer das Schreiben abgeschickt.”

“Deshalb hast du auch eben wenig begeistert geschaut.”

“Deshalb habe ich eben wenig begeistert geschaut. Ich dachte ‘halt immer dasselbe’ und ‘das wird ohnehin so wie die anderen Geschichten laufen’.”

Stille breitete sich wieder aus. Georg stand zwischen der Versuchung überschwenglich seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und der Warnung aus Kindertagen, nichts zu versprechen, was man nicht sicher halten könne.

“Ich weiß nicht wirklich was passieren wird. Aber ich würde dich gerne wiedersehen. Ich fände es schön, wenn du es probierst, oder riskierst, wieder in die nächste Enttäuschung reinzulaufen.” Er bemerkte selbst das abgehobene Pathos in seinen Worten und versuchte noch im gleichen Atemzug wieder auf dem Boden zu landen: “Hast du nächste Woche Zeit für mich am Feierabend?”

“Würdest du mich in Lugano besuchen kommen?”

“Ja, am liebsten morgen”, sprudelte es aus ihm heraus.

Monika dachte nach. Zu seiner Erleichterung begann sie wieder zu lächeln. “Sagen wir am Dienstag im Hotel. Dann habe ich noch eine Nacht für mich um zu überlegen, ob ich es riskieren will.”

35. Espresso

Februar 7, 2011

Seltsam unerwartet für Georg war diese Wendung am Ende des Gespräches. Die lärmende Schulklasse kam ihm nun entgegen und holte ihn zurück in den Park am Castello. Warum hatten sie sich ihrer Liebe versichert, wenn bei beiden keine großen Gefühle mehr da waren. Georg war durcheinander. War es Vertrautheit? War es vielleicht doch mehr, was sie zusammenhielt, als der Komfort einer eingespielten Gemeinschaft. Oder war es die Angst, den letzten Schritt zu machen. War es ein Neuanfang in ihrer Beziehung? Ein neues Feld tat sich für seine Tätigkeit als Neuanfangswissenschaftler auf. Wieviele Neuanfänge geschehen fast unbemerkt. Etwas ändert sich vollkommen im Innern, aber der äußere Rahmen bleibt bestehen.

Man müßte eine Liste von Zeichen entwickeln, an denen man ablesen könnte, dass es sich untrüglich um einen Neuanfang handelt, obwohl niemand ihn bemerkt. Damit wäre er in diesem Forschungszweig auf Jahre unerreichbar. Er sah bereits das Cover der dazu passenden Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse vor sich: ‘Das Neue im Alten’. Ein schöner offener Titel. Auch hervorragend für Vorträge zu jeglichen Anlässen geeignet. Er müsste versuchen herauszufinden, warum manche Menschen es nicht bemerken, dass sie ganz von vorne anfangen. Warum sie denken ‘Tja, ich mach’ mal weiter’, während sie es nun völlig neu angehen.

Nun gut, er würde die Neuanfangswissenschaft damit in die Nähe der obskuren philosophischen Wissenschaften führen. Georg war sich jedoch sicher, dass sich schon ein paar mathematische Formeln entwerfen ließen, die niemand verstehen würde, die aber den Status eines fundierten Universitätsfaches sicherten. “Summe der beibehaltenen Faktoren dividiert durch die Differenz von Änderungen und Beibehaltenem multipliziert mit dem Lebensalter abzüglich der Wurzel aus durchschnittlicher Lebenserwartung multipliziert mit dem Produkt aus p und der Anzahl von an der Situation beteiligten Daumen sowie der Differenz aus bisher erfolglosen und erfolgreichen Neuanfängen beim Untersuchungsobjekt. So ähnlich könnte das funktionieren”, dachte er sich.

Andere Felder ergäben sich aus der Suche nach typischen Neuanfängern und notorischen Neuanfangsverweigerern. Aus letzteren müßte er dann die Gruppe der unbewußten Neuanfänger separieren. Wenn er die dazu notwendigen Indikatoren bestimmt hätte, könnte er sich dann selbst die Frage beantworten, zu welcher Gruppe er und Anna nun gehören würden. Ihm wurde klar, dass diese Forschungsaufgabe nicht so nebenher zu erledigen wäre. Ohne ein Heer an Assistenten, die ihm zuarbeiten würden, wäre eine derartige Fragestellung nicht einmal in Frage zu stellen.

Sofort stellte sich eine andere Frage seinen Gedanken in den Weg: “Musste das mit dem ‘Ich hab’ dich lieb – Ich dich auch’-Gesäusel wirklich sein?”

Erleichtert stellte er fest, dass auch hier die Wissenschaft von den Neuanfängen in Zukunft Erklärungen anbieten würde. “Vielleicht gehört das einfach zu dem Versuch neu anzufangen, ohne deutlich zu machen, das etwas geändert werden soll? Wer weiß. Hier wird man eine ausreichend große Menge an standardisierten Interviews führen müssen.” Georg sah zum Himmel. Es gab keinen Sonnenuntergang, keinen Sonnenaufgang. Hier müßte er, für den Fall, das tatsächlich gerade ein Neuanfang stattgefunden hätte, bei Haag eine Null in die Liste eintragen. “Vielleicht ist das mit den leuchtenden Farben am Himmel auch nur eine Neuanfangsform im Film und in mäßigen Manuskripten? Vielleicht fehlt hier tatsächlich jeglicher Bezug zur Realität?”

33. Espresso

Januar 17, 2011

 

Spazierend im Park wählte er Annas Nummer bei der Bergwacht. Unruhe breitete sich in ihm aus.

“Ja, schön, dass du anrufst.”

“Ja, schön. Hast du Zeit?”

“Klar, mein nächster Termin ist erst in zwei Stunden.”

“O.k., ich weiß Bescheid. Ich hatte vorhin Peter am Apparat.”

“Ah. So. Dann weißt du, dann hast du schon gehört, dass , ähm …”

“Ja, was?”

“Ja, also, dass da was war. Dass also eigentlich nichts war.”

“So ähnlich hat es Peter auch ausgedrückt. Und?”

“Und was?”

“Trefft ihr euch wieder?”

“Keine Ahnung. Ich weiß nicht.”

“Was weißt du nicht?”

“Ja, was wohl du Blödmann? Du haust ab. Ich muss dir hinterher telefonieren. Ich habe keine Ahnung, was du nachts treibst und dann meinst du auch noch, dich hier als Untersuchungsrichter aufspielen zu können. Du tickst ja nicht sauber.”

“Äh, kann sein.”

Eine Gruppe lachender Mädchen kreuzte Georgs Weg.

“Hier geht es nicht um Peter. Hier geht es nicht darum, ob ich mich wieder mit ihm treffe. Es geht um dich und mich.” Anna wartete auf eine Reaktion. “Falls dies für dich noch ein Thema ist.”

“Ja, das ist für mich ein Thema. Hör zu, ich habe schon mehrmals versucht zu erklären, dass ich nicht weiß, warum ich damals am Feierabend nach Italien und nicht nach Hause gefahren bin. Ich kann auch nicht sagen, warum ich hier geblieben bin. Ich bin kein Psychologe. Aber es liegt doch auf der Hand, dass es etwas mit dir und mir zu tun hat. Ich weiß nur nicht was.”

“Nach drei Wochen könntest du aber doch eigentlich schon mal mindestens auf Ideen gekommen sein, wenn man bedenkt, dass du nicht wie ich auch noch nebenbei arbeiten musst.”

“Klar geht es mir durch den Kopf, dass mir etwas fehlt in unserem Zusammensein.”

“Was zum Beispiel?”

“Das Dämliche ist, es zu benennen. Es sind halt nur Kleinigkeiten.”

“Dann nenn’ sie trotzdem. Wie ich dich kenne, sind das für mich keine kleinen Sachen.”

“Mir fehlt halt etwas Besonderes in unserem Zusammenleben. Es ist doch eher ein Nebeneinanderleben. Gut, wir sind ein gutes Team. Aber das kann es doch auf Dauer nicht sein.”

“Ein Team also”, hallte es verbittert zurück.

“Ja, wir sind erfolgreich, jeder für sich in seinem Beruf, nicht unbedingt glücklich. Und wir helfen uns gegenseitig, wo wir können. Aber das allein kann es nicht sein, was auf lange Zeit reichen soll.”

32. Espresso

Januar 10, 2011

Er schlenderte durch die Stadt. Es regnete nicht mehr. Die Wolken hingen trotzdem weiterhin tief über Mailand. Die in jedem Reiseführer angepriesenen Bauwerke nahm er nur am Rande wahr. Sein Blick ging nach innen. Er musste daran denken, was mal war zwischen ihm und Anna. Wie er sie auf einer Veranstaltung der Bergwacht, wo sie als Rechtsreferentin angefangen hatte, kennengelernt hatte. Oder besser sie ihn. Wie sie zusammen die erste Nacht verbracht hatten. Obwohl es eigentlich eher ein später Nachmittag war. Nachts waren sie schon wieder aus dem Bett und tanzten wie wild in einem Laden, von dem ihm jetzt nicht einmal mehr der Namen einfallen wollte. Wie sie zusammen das erste Mal in Italien waren, bei Freunden von Anna in der Nähe von Neapel. Bei Carlo und Sebastiano. Ein schwules Pärchen. “Warum bestand eigentlich Anna immer so vehement darauf, dass zumindest Carlo bi war?” Georg fiel plötzlich ein, wie oft sie etwas getrennt in diesem Urlaub unternommen hatten, er mit Sebastiano, Anna mit Carlo.

Über lärmende Straßen erreichte er das Castello Sforzesco. Er schaute in seinem Plan von der Tourist Information nach. Hinter dieser Burganlage lag ein Park. Hier müsste sich eine Stelle finden lassen, wo er sich niederlassen und ungestört nachdenken könnte. Wo er, falls es denn doch etwas zu besprechen gäbe, ohne Aufsehen zu erregen in München anrufen könnte.

Das Castello, so wußte er aus seinem Plan, war angeblich weltberühmt. Es sah sehr abweisend aus. “Sollte es wohl auch”, dachte er sich. Er hatte während seines Studiums genügend Bücher lesen müssen, in denen Burgen noch Menschen abschrecken sollten, statt Kunstpilger anzuziehen. Georg widerstand dem Impuls, der Beschilderung ‘museo’ und ‘bar’ zu folgen. Er wollte sich zwingen, sich nicht wieder ablenken zu lassen von seinen Gedanken an Anna.

“Wie hatten sich Anna und Peter eigentlich kennen gelernt?” Nach langem Grübeln fiel ihm ein, dass die beiden sich schon länger kannten als er Anna oder seinen neuen Ex-Kollegen. Wie lange sie sich kannten, hatte er nie erfahren. Woher sie sich kannten auch nicht. Anna war nie abweisend gegenüber Peter, aber oft sehr reserviert. Sie sagte nie etwas Abwertendes über ihn. Außer an dem Tag, an dem Peter mal wieder mit einer neuen Frau auf einer Geburtstagsfeier auftauchte. Eine kurzberockte Blondine, extrem hohe Stiefelabsätze und eine unerträglich schüchterne Stimme. “Typisch Peter”, hatte Anna ihm damals nur zugezischt. “Was war da früher mal gewesen?” Georg hatte nie danach gefragt. Er hatte sich auch nie Gedanken über Annas Leben vor ihm gemacht. Jetzt kam es ihm vor, als ob er sich auch für die Zeit danach nur wenige Gedanken gemacht hätte. Zumindest was Annas Verhältnis zu seinem engsten Kollegen anging.

Die ersten 30 Kapitel

November 23, 2010

Zum leichteren Nachlesen die ersten 30 kurzen Kapitel als PDF zum Download: 1. – 30. Espresso

30. Espresso

November 17, 2010

Inter Mailand gegen AS Rom. Schön, dass dieses Wochenende nicht der AC Mailand mit einem Heimspiel dran war. Bei Inter haben Rummenigge, Klinsmann und Brehme gespielt. Bei Rom waren früher Völler und Häßler. All diese Leute, die das Leben hatten, das Georg eigentlich als Kind für sich erträumt hatte. Tore schießen, Pokale hochhalten, in Italien zum Millionär werden und sich beim kurzen Espresso in der Bar von Fans aus der Distanz bewundern lassen. Nun war er schon stolz darauf, trotz seiner begrenzten Sprachkenntnisse die Karten besorgt zu haben. Aus Rücksicht darauf, dass es für Monika das erste Fußballspiel sein würde, kaufte er Sitzplatzkarten. Aber auch er hatte etwas Unbehagen bei der Vorstellung, einen Stehplatz inmitten eines Pulks italienischer Tifosi einzunehmen.

Voller Vorfreude auf die Erfüllung, wenn auch nur teilweise, seines Jungentraumes griff er noch auf der Straße nach seinem Handy, um im Tessin anzurufen. Das Display zeigte zwei Nachrichten an. Beide von Anna.

“Hallo Georg, kannst du mich mal zurückrufen?”, war die eine. “Hallo Georg, ruf’ mich doch bitte mal zurück”, die andere. Der fragende und zugleich vorwurfsvolle Ton der letzten Wochen war nicht mehr vorhanden. Ihre Stimme klang wie bewusst ins Unbestimmte gesteuert. Georg überlegte, was er zuerst tun sollte. Monika anrufen, um sich endgültig zum gemeinsamen Besuch des San Siro Stadions zu verabreden. Oder doch zuerst das Unangenehme hinter sich bringen. Mit dem wahrscheinlichen Geständnis eines Fehltrittes, der laut Peter so gar nicht stattgefunden hat.

Das Unangenehme an dieser Vorstellung war weniger das Darüber-Sprechen, was oder was nicht vorgefallen war, als der ungewisse Ausgang des Gespräches. “Es wird nicht mehr lange so weitergehen können hier in Italien”, ging es ihm durch den Kopf, “Anna fordert auf ihre Art langsam eine Entscheidung.”

Georg entschied sich, sich erst einmal andere Gedanken zu machen. Leichtere Gedanken. Erst einmal eine Verabredung mit einer anderen attraktiven Frau treffen, bevor er sich vielleicht mit Anna im Diskutieren und Streiten verheddern würde. Ein Gespräch, das, wenn es ungünstig läuft, von ihm Entscheidungen fordern würde. Ihm war nicht klar, wie er sich entscheiden würde. Bis eben war ihm nicht einmal bewußt, dass er sich irgendwann entscheiden müsste.

Die Entscheidung gegen seinen Arbeitsplatz, an dem diese unsägliche Zeile auf ihn wartete, hatte ihn genügend Mühe gekostet. Allein die Tatsache, dass er keine weiteren Urlaubstage mehr besaß, hatte seinen Entschluss forciert. Das Fast-nicht-mehr-Lektor-Dasein hätte er noch lange ausgehalten. Nun kam ihm auch noch seine Eifersucht wegen Anna in die Quere.

“Was, wenn Monika mir für das Spiel auch noch einen Korb gibt? Was, wenn sie mich fragt, warum ich heute so ganz anders klinge?”

26. Espresso

September 25, 2010

Georg ging voraus, verlief sich kurz, eine Aufsichtsperson wies ihm den Weg. Endlich im richtigen Saal angekommen vergewisserte er sich auf dem kleinen Schild, ob es sich wirklich um ein Bild von Bellini handelte. Eine Madonna mit dem Jesuskind war dargestellt vor einer Landschaft wie aus einem Urlaubsprospekt.

“Schön, finden Sie nicht auch?”

“Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt?”

“Na gut: Wunderschön.”

“Ich gebe Ihnen ja recht. Aber das kaufe ich Ihnen jetzt einfach nicht ab, dass Sie von Verona hierher kommen, nur um ‘wunderschön’ zu sagen.”

“Ich wollte es ja auch nicht sagen. Eigentlich wollte ich es nur anschauen.”

“Sie geben sich ganz schöne Mühe mit Ihrer Maskierung. Jetzt ziehen Sie mit den anderen beiden Bellinis wahrscheinlich auch die Nummer ab, dass Sie sich erst auf dem Schild vergewissern müssen, dass es sich wirklich um Bellini handelt.”

“Das sind auch Bellinis?”

Georg erspähte einen Kasten mit Blättern, die Bilderläuterungen enthielten. “Sogar auf deutsch. Passen Sie auf! Ich lese Ihnen jetzt die Bildbeschreibung vor. Sie können also den Worten des Kunstkenners Haag lauschen. Dann sagen wir noch zweimal ‘schön’, oder wenn Sie darauf bestehen ‘wunderschön’, und gehen dann endlich zu meiner Kaffeekennermaskierung weiter.”

Georg begann zu lesen. “Die Tafel der Pietà, die der Venezianer Giovanni Bellini um 1470 fur eine humanistisch gebildeten Sammler malte, ist ein Schlusselwerk die venezianischen Fruhrenaissance. Sie vollzieht den Schritt von der religiosen Funktionen das Andachtsbildes zur Funktion das asthetischen Sammlerbildes. Einerseits fuhrt sie die Tradition das Ikone weiter, andererseits fuhrt sie die theoretischen Forderungen des Florentiners Alberti an die dramatische Bildererzählung eigenwillig um. Damit begrundet die Tafel den eigenen Weg das venezianische Malerei in der Renaissance.”

“Ja, ist klar.”

“Hm, mir jetzt auch.”

“Trotzdem ein schönes Bild.”

“Ja, find’ ich auch.”

“Aber die Bellinis in Venedig sind noch besser.”

“Ah, ja? Da drüben ist auch noch eins von Bellini.”

24. Espresso

August 28, 2010

Zwei Sachen wollte er in Mailand sehen: das Bild von Bellini und ein Fußballspiel im San Siro Stadion. An der Rezeption ließ er sich den Weg zur Pinacoteca di Brera erklären. Vor der Museumskasse wunderte er sich zuerst über die Preise und dann über die lange Schlange.

“Ob die alle wegen Bellini hier sind”, fragte er sich. Georg wußte nicht im Geringsten, um was für ein Museum es sich handelte. Ob dort van Goghs hingen, die Lieblingsbilder von Anna, ob dort griechische Vasen in Massen die Säle füllten oder zeitgenössische Kunstwerke ausgestellt werden mit dem Zweck, ihn zu erschrecken. Für was auch immer man sich anstellte, Georg bemerkte, dass nicht nur er dies als eine brauchbare Alternative zu einem Spaziergang durch das verregnete Mailand ansah.

Als er nach einer kleinen Ewigkeit endlich an der Reihe war, versuchte er sofort die vielleicht auf ihn lauernde moderne Kunst oder die ihn wahrscheinlich langweilenden antiken Säle zu umgehen.

“Scusi, dove trovare io Bellini?”

“Signora Bellini o Bellini, il artista?”

Georg war verwirrt. Auf Gegenfragen war sein Italienisch nicht eingerichtet. Mit den Händen machte er Bewegungen, die zusammengenommen die rechteckigen Umrisse eines Bilderrahmens darstellen sollten.

Der Mann an der Kasse schien ihn zu verstehen. “Allora, signora Bellini é cosi”, wozu er die Formen einer sehr weiblich gerundeten Mailänderin beschrieb, “questa tu non cerca, é vero?”

“Si, si”, nickte Georg.

“Da Bellini, il artista, abbiamo molte pitture.”

Was mochte dies nun bedeuten? Er war zunehmend ratlos. Hinter ihm nahm in der Schlange das Verständnis für zeitraubende seltsame Fragen ab. Murren wurde deutlich wahrnehmbar. Er wurde nervös. Ein letzter Versuch schnell an sein Ziel zu gelangen.

“Parla tedesco?”

“No, mi dispiace”

Ein allerletzter Versuch. “Parla inglese?”

“Si, un po’”

“Can you show me the way to the picture of Bellini?”

“Yes, signore, it is a bit difficult. Because we are having a lot of rooms under construction. You go up, turn right, go along the floor, at the Veronese you turn right again and then the third room to the left and you will stand just in front of one of the Bellinis.”

“Oh, there is more than one Bellini?”

“Si, I know two paintings from Bellini here. Maybe we have more. I don’t know. I’m just an old man here a la cassa. For this question you have to ask the direzione.”

“Ah, si. Grazie. Molto grazie, signore.”

Ein erleichtertes Seufzen ging durch die Schlange, als Georg endlich zur Seite trat. Um so unwilliger war das Murren, als er kurz vor dem Eingang ins Museum umdrehte und Anstalten machte, sich wieder an den Kassierer zu wenden.

“Scusi, un biglietto, prego. Per favore.”

Wortfetzen wie “Idiot”, “it’s ridicolous”, “what a fuckin’ artsucker” drangen bis nach vorne.

Die Frau, die gerade an der Reihe war, rettete Georg mit der Bemerkung “Allora, due bigletti per me”, vor übleren Beschimpfungen.

“Die ist für Sie”, wandte sie sich an Georg.

“Oh, danke, dass Sie mir aus der Patsche geholfen haben. Ich hätte mich sonst zwischen nochmaligem Anstellen und Tumult entscheiden müssen. Was hat die Karte gekostet?”

“9 Euro.”

Georg begann in seinem Portemonnaie zu kramen.

“Lassen Sie es gut sein. Sie laden mich nachher zum Kaffee ein und vorher zeigen Sie mir die Bilder von diesem Bellini. Müssen ja ganz besondere Kunstwerke sein.”

“Oh, ähm, danke, sicher. Also sicher lade ich Sie auf einen Kaffee ein. Gerne. Aber, ähm, was dieses Bild, also diese Bilder angeht, also ich weiß nicht, ob ich Ihnen da dienen kann.”

“Na, jetzt kein falsches Understatement. Sie sind bestimmt ein großer Kenner der frühen italienischen Renaissancemalerei.”

23. Espresso

August 16, 2010

Er wurde mit einem Mal aus seiner Urlaubsstimmung heraus gerissen. Daran hatte er jetzt fast zwei Wochen nicht mehr gedacht. Dass er sich klar werden musste über die Frage, ob dies nur eine Reise war oder ein Anfang von einem Ende. Oder von mehreren Enden. “Und was passiert, wenn dann wirklich etwas zu Ende gehen würde? Fängt dann etwas Neues an? Was fange ich dann Neues an?” Unschlüssig lag er auf dem Bett. Er starrte an die Decke.

Nach einer Stunde stand er auf und packte die Sachen aus dem Koffer. Nach wenigen Augenblicken war diese Arbeit getan. Er setzte sich auf die Bettkante. Das Bild an der Wand zeigte den Mailänder Dom. Das Zimmer war etwas muffig. Gegen das Fensterglas prallten einige Regentropfen. Er nahm den Zimmerschlüssel und sein Jackett, schloß hinter sich ab, fragte an der Rezeption, wie er ins Zentrum gelangen könnte und verließ das Hotel. Lange musste er an der Bushaltestelle warten.

Er wollte sich ablenken. Er wollte wieder in diese freudige Ungewißheit seiner Stimmung in Verona zurück. Der Regen, auch wenn er nicht heftig war, beschnitt seine Pläne, einfach etwas herum zu streunen. Es wurde eher ein Weg von einer Bar, die ihm Unterschlupf bot, zur nächsten. Irgendwann erreichte er den Dom, ging hinein und versuchte sich in das Betrachten der Architektur zu versenken. So wie die anderen kunstbeflissenen Touristen wollte er sein.

Am Abend saß er alleine in einer Trattoria. Georg spielte Möglichkeiten durch, wie er die nächsten Gespräche mit Anna und mit Peter führen wollte. Weit kam er nicht. Die Unschlüssigkeit war größer. Das Einzige, was ihm klar vor Augen stand, war, dass er den Moment nicht aushalten könnte, zurück an seinem Schreibtisch zu kehren. Dort das begonnene Manuskript weiter lesen zu müssen und dabei ohne Zweifel auf die Zeile zu stoßen, die von einem fiktiven Neuanfang handelte. Diese Zeile zu lesen und dabei dumpf wie immer im Verlag zu sitzen, diese Situation, so stellte er sich vor, würde er nur schwer aushalten.

Der Espresso nach dem Essen beflügelte ihn zu einer endgültigen Entscheidung. “Ich werde noch heute Abend Peter anrufen.” An Anna wollte er nicht denken. Schon gar nicht an Entscheidungen. Trotzdem rief er dort zuerst an, nachdem er wieder in seinem Hotelzimmer war. Nur die Mailbox war erreichbar. Da es sonst nichts mehr zu tun gab, wählte er Peters private Nummer. Ein Anrufbeantworter meldete sich. Georg legte auf.

“Also dann erst morgen”, fluchte er leise.

Kurz vor acht am nächsten Morgen versuchte er es wieder bei Peter. Er wollte es nun hinter sich bringen, eine Entscheidung unumkehrbar machen und endlich wieder zum Urlauber werden. Wieder war nur der Anrufbeantworter erreichbar.

“Verdammt.”

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