3. Espresso

März 10, 2010

Die Zeile zog gerade bei ihm ein, als Georg eine Veränderung in der Zusammensetzung dessen bemerkte, was er für gewöhnlich im Verlagsbüro in seine Lungen sog. Der Sauerstoffanteil war gestiegen. Peter musste herein gekommen sein. Die Technik des Anklopfens hatte man dem Kollegen beim Germanistikstudium nicht beigebracht. Nach der Universität galt es für ihn, sich hauptsächlich fachlich weiterzubilden. Und als Lektor hätte er das Anklopfen in den letzten Jahren nur erlernen können, wenn es ein zeitgenössischer Autor zum Gegenstand einer Kurzgeschichte oder besser noch eines Romans erhoben hätte.

„Wie schaust du denn aus?“, fragte Peter.

„Hmm?“

„Liegt es an dem Manuskript oder an der Luft hier?“

„Hmm. Was sagst du?“

„Warum du ein Gesicht machst, als wenn, als wenn, …. ich weiß auch nicht …“

„Ach so, das meinst du. Das ist hier nur dieses Gestammel in Times-New-Roman-Form.“

„Hast du wieder die Nieten erwischt?“

„Wer erwischt hier schon etwas anderes?“

„Georg, das ist halt der Job. Finde dich damit ab. Dafür werden wir bezahlt.“

„Ja, das ist ja der Mist. Und das hier ist wieder eine dieser persönlichen Empfehlungen vom Chef. Wie Politessen beschäftigen wir uns doch den ganzen Tag mit Falschparkern. Statt dass diese Massen talentierter Schüler von Alphabetisierungskursen einfach ihrer Frau oder ihrer heimlichen Geliebten gefühlsschwangere Briefe schreiben, müssen sie das Zeug an unsere Adresse schicken, in der Hoffnung, wenn ein Verlag einen Pappdeckel um diese Seiten machen würde, wäre es ein Roman und sie selbst wären Schriftsteller.“

„Und beim Tippen denken sie wahrscheinlich schon heimlich an eine Gesamtausgabe bei Kiepenheuer & Witsch.“

„Oder an die Preisverleihung in Stockholm.“

„Oder an die ersten Doktorarbeiten über die narrative Haltung in ihrem Erstlingswerk.“

Die Zeile war immer noch da. Eventuell hätte ‚Vielleicht sollten wir irgendwo anders ganz von vorne anfangen‘ doch das Zeug für einen Literaturpreis.

„Ach, es ist alles Unfug!“

„Ja, das sowieso.“

„Vollkommener Unfug.“

„Lass uns Kaffee trinken. Bevor du mir jetzt ganz in lektoratsbedingte Depressionen absinkst“, erwiderte Peter nicht ohne freundschaftliche Sorge in der Stimme. Sie machten sich auf den Weg zur Espressomaschine vor dem Konferenzraum.

„Lavazza gegen die Nebenwirkungen von Prosa-Gehversuchen? Sollte es für uns auf Rezept geben.“

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