5. Espresso

März 18, 2010

Georg brauchte jetzt endgültig nicht mehr zuzuhören. Er kannte den Schluss. Er gehörte zu den Ritualen des Nachmittags. Ohnehin drängte sich schon wieder etwas anderes in den Vordergrund seines Bewusstseins. Diese Zeile aus dem grottenschlechten Dialog. Gesprochen von einem betrogenen Ehemann, der kurz davor steht, seiner über ihre eigenen Fehler schluchzenden Frau zu verzeihen.

 „Schon tausendmal gesehen im Fernsehen. Mindestens einmal pro Tag gibt es diese Worte zu hören auf einem der Kanäle. Wenn man talentiert im Umgang mit Fernsehzeitschrift und Fernbedienung wäre, müsste man es auf mindestens zehn Variationen des ewig Gleichen pro Tag bringen. Muss ichgleich heute abend ausprobieren“, nahm er sich vor. „Das könnte zu meinem neuen Hobby werden. Täglich vor dem Fernseher sitzen und mitzählen, wie oft Leute etwas neu anfangen, um eigentlich das Alte weiterzuführen.“ Zum Glück, fand er, wird nach diesem Satz ja meist das Ende des Films eingeläutet. Es wird nie etwas Neues begonnen nach diesem Satz. Früher kam anschließend gleich die Werbung für Persil. ‚Da weiß man, was man hat. Guten Abend.‘

Georgs Neuanfang nahm Gestalt an. Statt in den Verlag zu fahren, schon morgens vor die Kiste legen. Kugelschreiber und Zettel für die Strichliste bereitlegen. Die Schmachtfetzen in der Zeitschrift ankreuzen. Zielgerichtet mittels Fernbedienung etwa drei Minuten vor dem Ende des Films dorthin schalten. Auf den Satz warten. Strich eintragen und umschalten. Listen in der Nacht auswerten. Tabellen erstellen. Zu welcher Uhrzeit werden die meisten Neuanfänge gesendet? Wird am Wochenende besonders oft neu angefangen? Welche Farbe hat der Himmel im Hintergrund während dieses Satzes, der eigentlich ein Vorsatz ist, dem aber im Film ein nie Nachsatz beigestellt wird. Wie oft nehmen sich nach diesem Satz die Dialogpartner in die Arme? Er wird geistreiche Vorträge als Neuanfangswissenschaftler halten. Er wird auswerten, wie eng der Neuanfang mit Sonnenaufgängen verknüpft ist. Die Leere der letzten Wochen schien einen Moment wie weggeblasen. Endlich hatte Georg das Gefühl, wieder einen Inhalt gefunden zu haben. Die Zeit ausfüllen mit einem Inhalt. Neuanfänge zählen. Seinen eigenen Neuanfang machen und ihn gleichzeitig verschieben. Dieser Gedanke gab ihm Hoffnung. Kurz danach ließ die Wirkung des Espressos nach.

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