11. Espresso

April 26, 2010

Noch verharrte er in diesem ratlosen Zustand, während er begann, dorthin zu schlendern, wo er die Altstadt vermutete. Wieso er sie da vermutete, wusste er genauso wenig, wie, an was er sich erinnern wollte. Er bemerkte zuerst gar nicht, dass er auf dem Platz vor dem Dom stand. Ihm fiel nur auf, dass seine Schritte anders von den Hauswänden reflektiert wurden, als er die Piazza betrat. Hauswände mit Fresken geschmückt, ein Springbrunnen, der eiligen Frühaufstehern im Weg zu sein schien, massive Wände des Domes. Georg setzte sich auf die Stufen des Brunnens. Schaute, wie der Platz belebter wurde, ohne sich mit Leben zu füllen. Die Menschen eilten über den Platz. Gedankenverloren, aber mit festem Schritt. Er schaute ihnen nach. Eine hastige junge Frau erwiderte seinen Blick. Und rannte weiter. Georgs Blick blieb an ihr haften, aber sie drehte sich nicht mehr um, bevor sie hinter einer Hausecke verschwand. Es war kalt auf den Stufen des Brunnens.

Zurück in der Bar des Bahnhofs empfing ihn wohlige Wärme. „In wenigen Minuten hätte mich auch die Wärme des Büros wieder. Peter würde mich zur Espressomaschine begleiten. Der Duft wäre der gleiche“, ging es ihm durch den Kopf.

„Un caffè?“

„Si. E mangiare.“

„Vuole panini? Toast? Tramezzini? Dolce?“

„Panini. Prego.“

„Tre cinquanta.“

Es war lauter in der Bar als vorhin. Niemand schenkte ihm diesmal Beachtung. Er lehnte an der Theke, rührte eine Ewigkeit den Zucker in den Espresso. Das Panino kam. Der Kaffee war längst kalt, als er ihn trinken wollte. Er stand nur da und sah das Treiben um sich herum. Obwohl die Menschen hier Halt machten, war es doch so wie auf der Piazza. Nichts machte auf ihn den Eindruck, als wenn die Eile aus ihren Körpern verschwinden könnte.

„Bin ich sonst auch so? Wäre ich jetzt auch so, während ich mit Peter mit der kleinen Untertasse in der Hand über die Fehler gedruckter und nie gedruckter Autoren reden würde? Wäre ich so, wenn ich jetzt nicht hier im Bahnhof von Trient stehen würde?“

An der Kasse stand die Frau, der er auf der Piazza hinterhergeschaut hatte. Wieder kreuzten sich die Blicke. Der einzige Mensch unter den Gästen der Bar, der es für Sekunden nicht eilig hatte. Der Blick dauerte schon zu lange. Er war längst kein flüchtiger mehr. Kein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nur ihr haftender Blick ruhte auf Georg.

„Und wenn ich jetzt mit ihr ginge?“ Georg blieb an ihrem Blick kleben. Die Frage beantwortete er sich nicht. Sie kam ihm nicht noch einmal in den Kopf. Dieses ‚Was-wäre-wenn?‘ und ‚Was-riskiere-ich-dabei?‘ war plötzlich ausgeschaltet in seinem Kopf. Er stand nur an der Theke. Vier Meter entfernt schenkte ihm eine attraktive Frau einen nicht enden wollenden Blick.

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