12. Espresso

Mai 1, 2010

Draußen vor der Bar startete wieder sein normaler Frageapparat. „Was wäre gewesen, wenn ich sie angesprochen hätte? Hätten wir uns zum Abendessen verabredet? In welcher Sprache überhaupt? Hätte sie bei ihrer Arbeitsstelle angerufen, sich krank gemeldet und mich sofort mitgenommen? Ohne Worte vielleicht sogar? Hätten wir uns ein Zimmer in einem Hotel genommen? Vergiß es. So wirst du wahrscheinlich nie sein.“

Georg sah sich um. „Was mache  ich eigentlich hier?“

Er schaltete sein Handy an. „Sie haben drei neue Nachrichten.“ Zweimal erschien im Display die Nummer von Anna, einmal die von Peter. Georg versuchte seine Gedanken zu ordnen. Das Bild der unbekannten Frau kreuzte dazwischen. Die gewohnten Tastenkombinationen zum Abhören der Nachrichten liefen nicht flüssig aus den Fingerspitzen in die Tastatur. Dazwischen tauchten immer wieder diese Augen auf.

„Erste Nachricht. Georg, was ist los? Wo steckst du? Warum gehst du nicht ans Handy? Warum hast du es jetzt ausgeschaltet? Wieso rufst du nicht an? Was verdammt nochmal ist los? Kannst du mir mal erklären, was das soll? Nachricht zu Ende. Zum Wiederholen drücken Sie die …..“

Statt die Ziffer zum Löschen drückte Georg aus Versehen die zum Speichern. „Mist! Wie krieg‘ ich die Nachricht wieder aus dem Speicher? Prima, diese Fragen bleiben jetzt da drin. Ohne Handbuch wahrscheinlich keine Chance sie zu löschen. Toll. Trag‘ jetzt Annas entsetzte Fragen mit mir ‚rum.“

„Zweite Nachricht. Hallo Georg, hier ist Peter. Was ist los? Wir haben gleich Besprechung. Anna hat eben angerufen. Ob du hier wärst. Du wärst nicht zu Hause gewesen, diese Nacht. Was machst du denn für Geschichten? Eine aus dem Verlag? Also Fragen über Fragen. Ruf zurück. Und komm gleich in den Besprechungsraum. Dein Bereich ist der zweite Tagesordnungspunkt. Lass dir schon mal eine gute Ausrede einfallen. Irgendwas mit vom Turm der aufgelaufenen Manuskripte erschlagen, beim Röntgen im Krankenhaus nicht gleich drangekommen, von der Betäubungsspritze benebelt in die falsche Trambahn gestiegen und so weiter. Also bis gleich. Und als nächstes mußt du dir dann noch eine Geschichte für Anna ausdenken. Schätze ich zumindest. So, wie sie geklungen hat, muß es schon was sehr Überzeugendes werden. O.k., beeil‘ dich. Ciao. Nachricht zu Ende. Zum Wiederholen drücken Sie …“

„Gut, das Löschen hat jetzt wenigstens geklappt. Besprechung?“ Georg kam kurz zur Besinnung. Mit all seinen beruflichen Pflichtgefühlen. Doch sogleich tauchte wieder dieser lange Blick in der Bar auf. Die noch vorhandene Wirkung des Espressos gab ihm zusätzlich Kraft über diese Pflichten hinweg zu träumen. „Besprechung? Hmmmm.“

„Dritte Nachricht. Verdammt nochmal Georg! Jetzt ruf wenigstens mal zurück! Du tickst wohl nicht sauber. Ich mach‘ hier Essen, steh‘ wie blöd den Abend am Herd und du rufst nicht einmal an. Und im Verlag bist auch nicht. Bitte, ruf endlich an. Nachricht zu Ende. Zum Wiederholen drücken Sie die …..“

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