26. Espresso

September 25, 2010

Georg ging voraus, verlief sich kurz, eine Aufsichtsperson wies ihm den Weg. Endlich im richtigen Saal angekommen vergewisserte er sich auf dem kleinen Schild, ob es sich wirklich um ein Bild von Bellini handelte. Eine Madonna mit dem Jesuskind war dargestellt vor einer Landschaft wie aus einem Urlaubsprospekt.

„Schön, finden Sie nicht auch?“

„Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt?“

„Na gut: Wunderschön.“

„Ich gebe Ihnen ja recht. Aber das kaufe ich Ihnen jetzt einfach nicht ab, dass Sie von Verona hierher kommen, nur um ‚wunderschön‘ zu sagen.“

„Ich wollte es ja auch nicht sagen. Eigentlich wollte ich es nur anschauen.“

„Sie geben sich ganz schöne Mühe mit Ihrer Maskierung. Jetzt ziehen Sie mit den anderen beiden Bellinis wahrscheinlich auch die Nummer ab, dass Sie sich erst auf dem Schild vergewissern müssen, dass es sich wirklich um Bellini handelt.“

„Das sind auch Bellinis?“

Georg erspähte einen Kasten mit Blättern, die Bilderläuterungen enthielten. „Sogar auf deutsch. Passen Sie auf! Ich lese Ihnen jetzt die Bildbeschreibung vor. Sie können also den Worten des Kunstkenners Haag lauschen. Dann sagen wir noch zweimal ’schön‘, oder wenn Sie darauf bestehen ‚wunderschön‘, und gehen dann endlich zu meiner Kaffeekennermaskierung weiter.“

Georg begann zu lesen. „Die Tafel der Pietà, die der Venezianer Giovanni Bellini um 1470 fur eine humanistisch gebildeten Sammler malte, ist ein Schlusselwerk die venezianischen Fruhrenaissance. Sie vollzieht den Schritt von der religiosen Funktionen das Andachtsbildes zur Funktion das asthetischen Sammlerbildes. Einerseits fuhrt sie die Tradition das Ikone weiter, andererseits fuhrt sie die theoretischen Forderungen des Florentiners Alberti an die dramatische Bildererzählung eigenwillig um. Damit begrundet die Tafel den eigenen Weg das venezianische Malerei in der Renaissance.“

„Ja, ist klar.“

„Hm, mir jetzt auch.“

„Trotzdem ein schönes Bild.“

„Ja, find‘ ich auch.“

„Aber die Bellinis in Venedig sind noch besser.“

„Ah, ja? Da drüben ist auch noch eins von Bellini.“

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