34. Espresso

Januar 24, 2011

„Auf lange Zeit“, kam es halb fragend zurück.

„Ja, genau das meine ich. Keiner von uns redet noch von Heirat. Von immer zusammen bleiben und so. Was sollen wir denn auf eine Einladungskarte schreiben? Das Team Wengen und Haag gibt die Verlängerung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit nun unbegrenzter Vertragsdauer bekannt? Wir leben eingespielt nebeneinander. Das ist alles komfortabel. Aber wir machen uns keine Gedanken mehr übereinander.“

„Also, ich mir schon“, fuhr Anna dazwischen.

„Auch schon, bevor ich in den Zug gestiegen bin?“ Georg wartete, bevor er weiter sprach. „Ich bin vorhin stutzig geworden, dass ich mir nie Gedanken über dich und Peter gemacht habe. Ich habe keine Ahnung, woher ihr euch kennt. Ob ihr vor unserer Zeit schon mal ‚was miteinander hattet. Warum eure Art des Kontaktes, wenn wir mal zu dritt oder mit anderen zusammen waren, immer diese seltsame Mischung aus Herzlosigkeit und Vertrautheit hatte. Das Problem ist nicht, dass ich das nicht weiß – obwohl, das ist auch ein Problem, aber erst jetzt – das Problem ist, dass ich nie stutzig geworden bin, dass mich das nie interessiert hat.“

„Ja, eine gewisse Gleichgültigkeit hast du schon immer an den Tag gelegt. Ich wußte nie, ob ich sie als typische Zerstreutheit von überarbeiteten Menschen aus der vergeistigten Literaturszene tolerieren muss oder als großes Maß an Selbstbewusstsein bewundern soll. Meist war’s dann so, dass ich es klasse fand, wie sicher du dir meiner Liebe warst.“

„Ja, ich war mir da auch sicher. Aber nur, weil ich auch nie stutzig wurde, nie Fragen gestellt habe, alles als in Ordnung bezeichnet hätte. Was war mit Carlo. Warum musstest du immer unterstreichen, dass er bi war? Was war mit Peter früher oder vielleicht sogar, als wir schon zusammen waren? Ich weiß es nicht. Ich wollte es nicht wissen. Und ich frage mich, warum es mich nicht interessiert hatte.“

„Na wenigstens hast du jetzt Interesse dafür gefunden.“ Anna holte Luft. „Also, mit Peter hat sich viel aufgestaut. Wir hatten vor unserer Zeit ein längeres Verhältnis zusammen. Immer nur heimliche Geschichten, weil er noch mit Susanne und ich, hm, ja, eigentlich noch mit Frank zusammen war. Also wir waren öfters im Bett. Ich wäre bereit gewesen mich zu trennen. Aber er wollte nicht. Und später tauchte er immer mit diesen aufgedonnerten blonden Tussis auf und ich dachte ‚warum jetzt so eine, wenn er mich hätte haben können‘. Ja, und“, mit leiserer Stimme, „in letzter Zeit, das heißt auch schon vor deiner seltsamen Abreise, haben wir uns wieder ab und zu auf einen Kaffee im Tambosi getroffen. Und es ging da auch schon in die Richtung, die es jetzt genommen hat, ohne dass da jetzt etwas war. Es war oder ist, wie auch immer, eine Spannung da. Von früher wahrscheinlich.“

Georg dachte nach. Nach einer Weile sagte er: „Spannung ist auch so etwas, was mir fehlt. Wie gesagt, ein gutes Duo. Aber die heißen überschwenglichen Gefühle sind nicht da. Nicht mehr da.“

„Geht mir so ähnlich. Leider.“

Keiner von beiden wusste etwas zu sagen. Eine lärmende Schulgruppe zog an Georg vorbei. Anna fasste als erste Mut, das anzusprechen, was in der Luft lag, was zunehmend unvermeidlich wurde.

„Und was nun?“

„Keine Ahnung.“

„Wo sollen wir die großen Gefühle herzaubern?“

„Weiß ich auch nicht. Vielleicht müsste ich nur etwas mehr hinschauen. Vielleicht kommen wieder heftigere Gefühle.“

„Wäre schön.“ Nach einer Pause, in der Anna sich Mut machen musste auch endlich das anzusprechen, was keiner von beiden in den letzten Wochen nur annäherungsweise in Worte kleiden wollte: „Ich will mich nicht trennen.“

„Ich mich auch nicht.“

„Ich hab‘ dich lieb. Trotzdem.“

„Ich dich auch.“

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