38. Espresso

März 8, 2011

 „Warum jubeln die jetzt alle hier im Stadion? Der Mailänder hat doch einen üblen Tritt abbekommen.“

„Deshalb haben sie auch zuerst alle gepfiffen. Jetzt hat der Schiedsrichter dem römischen Spieler aber eine rote Karte gegeben.“

„Schön. Und die darf er jetzt behalten?“ fragte sie mit ironischem Lächeln.

„Nein, die behält der Schiedsrichter. Er hat die Karte nicht wirklich gegeben sondern nur gezeigt. Das ist das Zeichen, dass dieser römische Spieler nicht mehr mitspielen darf. Was die eigentliche Strafe jedoch ist: seine Mannschaft darf für ihn niemanden einwechseln. Sie muss mit zehn Mann gegen elf Mailänder weiterspielen.“

„Wie ungerecht. Die anderen zehn können doch nichts dafür, dass der eine Römer so gefoult hat.“

„Beim Fußball geht es immer um zwei Mannschaften. Die einzelnen Spieler helfen oder schaden immer dem eigenen Team. Wenn der Borriello ein Tor machen würde, steht es auch nicht 1:0 für Borriello, sondern für Rom.“

„Aber mit zehn Mann haben die doch keine Chance, da ist doch dann immer einer frei.“

„Genau, sonst wäre es ja keine Strafe dafür, dass der eine Mailänder nur noch humpeln kann. Aber manchmal gewinnen auch zehn Spieler gegen elf. Weil bei den elf Spielern immer einer denkt, man könnte es jetzt langsamer angehen und die anderen zehn Mitspieler die zehn Gegenspieler schon im Griff haben.“

Eine neue Pfeiforgie gellte durch das Stadion.

„Wenn zwei Mailänder jetzt so denken, stehen sich konzentrationsmäßig zehn Römer und nur noch neun Mailänder gegenüber. So etwas kann dann schnell kippen.“

„Mein Gott ist das kompliziert. Ich dachte, die rennen alle dem Ball hinterher und versuchen ihn ins Tor zu bugsieren.“ Ein Konter der Römer riss alle Mailänder Fans entsetzt von den Sitzen. Der Flachschuss aus 15 Metern verfehlte jedoch knapp das Tor. „Aber dann ist das doch doppelt ungerecht. Der Mailänder humpelt nur noch, zwei Mailänder spielen nur noch mit halber Kraft, dass sind eigentlich nur noch 8 gegen zehn Römer. Es war dann doch falsch, dass der Schiedsrichter den vom Platz gestellt hat.“

„So gesehen schon. Aber Mailand kann den humpelnden Spieler vom Platz nehmen und einen gesunden frischen Spieler einwechseln, und der Inter-Trainer muss seine Spieler halt wachrütteln, wenn sie nur noch mit halber Kraft arbeiten, dann ist Mailand wieder im Vorteil.“

„Aber nur dann, der gesunde Spieler ist ja nur Ersatzspieler gewesen. Also muss er ja schlechter sein, als der, der dort hinten über den Rasen humpelt. Sag mal, ist das immer so laut?“

„Ja. Also nicht immer. Ich schätze in Italien öfter als in Deutschland. Vor allem, wenn das Spiel spannend ist.“

„Um ehrlich zu sein, ich war etwas erschrocken, als wir hier herein gekommen sind. So viel Lärm, obwohl das Spiel noch gar nicht angefangen hatte.“

„Du hast gar nichts gesagt.“

„Ich wollte nicht gleich schlapp machen. Obwohl ich es mit der Angst bekam. Vor allem war ich innerlich sauer, dass ich jetzt am Wochenende auch noch tough sein muss“, und nach kurzem Zögern, „oder will.“

„Aber jetzt bist du o.k.?“

„Ja, wenn man sich daran gewöhnt hat, macht’s sogar etwas Spaß, wenn alles so tobt und schreit. Auch wenn ich noch nicht begreife, nach was für einem Schema die sich da unten bewegen. Warum die nach außen zu einem Mitspieler schießen statt zu einem Mitspieler, der vor dem Tor steht. Denn darum geht es doch“, und etwas kleinlaut, „dachte ich zumindest, dass die den Ball ins Tor bringen.“

„Also, das ist alles Taktik. Sowohl von den Römern als auch von den Mailändern. Zuerst nach rechts, dann nach links den Ball schieben, das Tempo aus dem Spiel nehmen, um auf die große Chance zu warten, wo die halbe Mannschaft unerwartet vor dem gegnerischen Tor auftaucht und …“ Georg war jetzt in seinem Element. Er beschrieb die Feinheiten von kontrollierter Offensive, Raumdeckung, Tempodrosselung, Forechecking, Kontertaktik und den Vorteilen einer Vierer-Abwehrkette.

„So auf dem Niveau hatte ich mir das vor den Bellinis vorgestellt mit dir“, kommentierte Monika.

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37. Espresso

Februar 25, 2011

„Ein Vorwand für was?“ hakte Monika nach.

„Ja, nun, also ein Vorwand, sich mit dir zu verabreden.“

„Nun, ja, in neunundneunzig von hundert Fällen hätte ein Mann bei mir mit der Einladung zu einem Fußballspiel auch keine Chance auf eine Verabredung.“

„Stimmt. Die Nummer habe ich auch noch nie probiert. Bin auch immer davon ausgegangen, dass sie keine Erfolgsaussichten hätte. Hab‘ ich mich wohl getäuscht.“

„Welche Nummern probierst du sonst immer?“

Georg überlegte. In seiner Selbstdarstellung gegenüber Monika war das ein Scheidepunkt. Entweder würde er den Lockeren mimen, der nichts bei schönen Frauen unversucht lässt und kühl seine Vorgehensweise plant. Oder er würde zu dem stehen, wie er sich selbst sah. Als einen ziemlichen Trottel in seinen spärlichen Versuchen der Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht. Die eine Alternative erschien ihm so unangemessen für seine Person, wie die andere für die Situation, in der er steckte.

Monika ließ nicht locker. „Auf welche anderen einstudierten Nummern und Zaubertricks fallen die Frauen bei dir sonst herein?“

Georgs Verlegenheit wurde größer. Er versuchte es mit Selbstironie. „Besonders groß ist mein Repertoire nicht. Es liegt daran, dass ich es kaum anwenden kann. Mir laufen die Frauen so schon immer nach. Schau, da“, und er blickte zu Monika herüber, „schon wieder eine.“

Monika konnte, obwohl sie ganz leicht errötete, ein Grinsen nicht unterdrücken. „Auf den Mund gefallen bist du ja nicht“, sagte sie anerkennend.

Derart ermuntert versuchte Georg gleich den Ball zurückzuspielen. „Und welche Tricks hast du drauf, wenn du einen Mann auf dich aufmerksam machen willst?“

Monika musste nicht lange nachdenken. „Ich warte an Museumseingängen bis ein hübscher Hintern vorbei kommt, stelle mich dahinter in die Reihe und schenke ihm eine Eintrittskarte“, kam es zurück. „Klappt immer“, fügte sie lapidar nach.

Georgs Gesicht verfärbte sich nun rötlich. Mit derartiger Direktheit hatte er nicht gerechnet. Auf die eindeutige Richtung des Komplimentes hatte er die letzten Tage nur heimlich gehofft. Sprachlosigkeit gewann an Raum in ihm.

„Wenn du dich wieder gefasst hast, kannst du mir ja mal sagen, welches Café du ansteuerst“, sagte Monika mit unschuldigem Gesichtsausdruck.

„Ja, also nur die Bar hier vorne. Nur kurz auf einen Espresso. Es ist nicht mehr soviel Zeit bis zum Anpfiff.“

35. Espresso

Februar 7, 2011

Seltsam unerwartet für Georg war diese Wendung am Ende des Gespräches. Die lärmende Schulklasse kam ihm nun entgegen und holte ihn zurück in den Park am Castello. Warum hatten sie sich ihrer Liebe versichert, wenn bei beiden keine großen Gefühle mehr da waren. Georg war durcheinander. War es Vertrautheit? War es vielleicht doch mehr, was sie zusammenhielt, als der Komfort einer eingespielten Gemeinschaft. Oder war es die Angst, den letzten Schritt zu machen. War es ein Neuanfang in ihrer Beziehung? Ein neues Feld tat sich für seine Tätigkeit als Neuanfangswissenschaftler auf. Wieviele Neuanfänge geschehen fast unbemerkt. Etwas ändert sich vollkommen im Innern, aber der äußere Rahmen bleibt bestehen.

Man müßte eine Liste von Zeichen entwickeln, an denen man ablesen könnte, dass es sich untrüglich um einen Neuanfang handelt, obwohl niemand ihn bemerkt. Damit wäre er in diesem Forschungszweig auf Jahre unerreichbar. Er sah bereits das Cover der dazu passenden Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse vor sich: ‚Das Neue im Alten‘. Ein schöner offener Titel. Auch hervorragend für Vorträge zu jeglichen Anlässen geeignet. Er müsste versuchen herauszufinden, warum manche Menschen es nicht bemerken, dass sie ganz von vorne anfangen. Warum sie denken ‚Tja, ich mach‘ mal weiter‘, während sie es nun völlig neu angehen.

Nun gut, er würde die Neuanfangswissenschaft damit in die Nähe der obskuren philosophischen Wissenschaften führen. Georg war sich jedoch sicher, dass sich schon ein paar mathematische Formeln entwerfen ließen, die niemand verstehen würde, die aber den Status eines fundierten Universitätsfaches sicherten. „Summe der beibehaltenen Faktoren dividiert durch die Differenz von Änderungen und Beibehaltenem multipliziert mit dem Lebensalter abzüglich der Wurzel aus durchschnittlicher Lebenserwartung multipliziert mit dem Produkt aus p und der Anzahl von an der Situation beteiligten Daumen sowie der Differenz aus bisher erfolglosen und erfolgreichen Neuanfängen beim Untersuchungsobjekt. So ähnlich könnte das funktionieren“, dachte er sich.

Andere Felder ergäben sich aus der Suche nach typischen Neuanfängern und notorischen Neuanfangsverweigerern. Aus letzteren müßte er dann die Gruppe der unbewußten Neuanfänger separieren. Wenn er die dazu notwendigen Indikatoren bestimmt hätte, könnte er sich dann selbst die Frage beantworten, zu welcher Gruppe er und Anna nun gehören würden. Ihm wurde klar, dass diese Forschungsaufgabe nicht so nebenher zu erledigen wäre. Ohne ein Heer an Assistenten, die ihm zuarbeiten würden, wäre eine derartige Fragestellung nicht einmal in Frage zu stellen.

Sofort stellte sich eine andere Frage seinen Gedanken in den Weg: „Musste das mit dem ‚Ich hab‘ dich lieb – Ich dich auch‘-Gesäusel wirklich sein?“

Erleichtert stellte er fest, dass auch hier die Wissenschaft von den Neuanfängen in Zukunft Erklärungen anbieten würde. „Vielleicht gehört das einfach zu dem Versuch neu anzufangen, ohne deutlich zu machen, das etwas geändert werden soll? Wer weiß. Hier wird man eine ausreichend große Menge an standardisierten Interviews führen müssen.“ Georg sah zum Himmel. Es gab keinen Sonnenuntergang, keinen Sonnenaufgang. Hier müßte er, für den Fall, das tatsächlich gerade ein Neuanfang stattgefunden hätte, bei Haag eine Null in die Liste eintragen. „Vielleicht ist das mit den leuchtenden Farben am Himmel auch nur eine Neuanfangsform im Film und in mäßigen Manuskripten? Vielleicht fehlt hier tatsächlich jeglicher Bezug zur Realität?“

33. Espresso

Januar 17, 2011

 

Spazierend im Park wählte er Annas Nummer bei der Bergwacht. Unruhe breitete sich in ihm aus.

„Ja, schön, dass du anrufst.“

„Ja, schön. Hast du Zeit?“

„Klar, mein nächster Termin ist erst in zwei Stunden.“

„O.k., ich weiß Bescheid. Ich hatte vorhin Peter am Apparat.“

„Ah. So. Dann weißt du, dann hast du schon gehört, dass , ähm …“

„Ja, was?“

„Ja, also, dass da was war. Dass also eigentlich nichts war.“

„So ähnlich hat es Peter auch ausgedrückt. Und?“

„Und was?“

„Trefft ihr euch wieder?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nicht.“

„Was weißt du nicht?“

„Ja, was wohl du Blödmann? Du haust ab. Ich muss dir hinterher telefonieren. Ich habe keine Ahnung, was du nachts treibst und dann meinst du auch noch, dich hier als Untersuchungsrichter aufspielen zu können. Du tickst ja nicht sauber.“

„Äh, kann sein.“

Eine Gruppe lachender Mädchen kreuzte Georgs Weg.

„Hier geht es nicht um Peter. Hier geht es nicht darum, ob ich mich wieder mit ihm treffe. Es geht um dich und mich.“ Anna wartete auf eine Reaktion. „Falls dies für dich noch ein Thema ist.“

„Ja, das ist für mich ein Thema. Hör zu, ich habe schon mehrmals versucht zu erklären, dass ich nicht weiß, warum ich damals am Feierabend nach Italien und nicht nach Hause gefahren bin. Ich kann auch nicht sagen, warum ich hier geblieben bin. Ich bin kein Psychologe. Aber es liegt doch auf der Hand, dass es etwas mit dir und mir zu tun hat. Ich weiß nur nicht was.“

„Nach drei Wochen könntest du aber doch eigentlich schon mal mindestens auf Ideen gekommen sein, wenn man bedenkt, dass du nicht wie ich auch noch nebenbei arbeiten musst.“

„Klar geht es mir durch den Kopf, dass mir etwas fehlt in unserem Zusammensein.“

„Was zum Beispiel?“

„Das Dämliche ist, es zu benennen. Es sind halt nur Kleinigkeiten.“

„Dann nenn‘ sie trotzdem. Wie ich dich kenne, sind das für mich keine kleinen Sachen.“

„Mir fehlt halt etwas Besonderes in unserem Zusammenleben. Es ist doch eher ein Nebeneinanderleben. Gut, wir sind ein gutes Team. Aber das kann es doch auf Dauer nicht sein.“

„Ein Team also“, hallte es verbittert zurück.

„Ja, wir sind erfolgreich, jeder für sich in seinem Beruf, nicht unbedingt glücklich. Und wir helfen uns gegenseitig, wo wir können. Aber das allein kann es nicht sein, was auf lange Zeit reichen soll.“

32. Espresso

Januar 10, 2011

Er schlenderte durch die Stadt. Es regnete nicht mehr. Die Wolken hingen trotzdem weiterhin tief über Mailand. Die in jedem Reiseführer angepriesenen Bauwerke nahm er nur am Rande wahr. Sein Blick ging nach innen. Er musste daran denken, was mal war zwischen ihm und Anna. Wie er sie auf einer Veranstaltung der Bergwacht, wo sie als Rechtsreferentin angefangen hatte, kennengelernt hatte. Oder besser sie ihn. Wie sie zusammen die erste Nacht verbracht hatten. Obwohl es eigentlich eher ein später Nachmittag war. Nachts waren sie schon wieder aus dem Bett und tanzten wie wild in einem Laden, von dem ihm jetzt nicht einmal mehr der Namen einfallen wollte. Wie sie zusammen das erste Mal in Italien waren, bei Freunden von Anna in der Nähe von Neapel. Bei Carlo und Sebastiano. Ein schwules Pärchen. „Warum bestand eigentlich Anna immer so vehement darauf, dass zumindest Carlo bi war?“ Georg fiel plötzlich ein, wie oft sie etwas getrennt in diesem Urlaub unternommen hatten, er mit Sebastiano, Anna mit Carlo.

Über lärmende Straßen erreichte er das Castello Sforzesco. Er schaute in seinem Plan von der Tourist Information nach. Hinter dieser Burganlage lag ein Park. Hier müsste sich eine Stelle finden lassen, wo er sich niederlassen und ungestört nachdenken könnte. Wo er, falls es denn doch etwas zu besprechen gäbe, ohne Aufsehen zu erregen in München anrufen könnte.

Das Castello, so wußte er aus seinem Plan, war angeblich weltberühmt. Es sah sehr abweisend aus. „Sollte es wohl auch“, dachte er sich. Er hatte während seines Studiums genügend Bücher lesen müssen, in denen Burgen noch Menschen abschrecken sollten, statt Kunstpilger anzuziehen. Georg widerstand dem Impuls, der Beschilderung ‚museo‘ und ‚bar‘ zu folgen. Er wollte sich zwingen, sich nicht wieder ablenken zu lassen von seinen Gedanken an Anna.

„Wie hatten sich Anna und Peter eigentlich kennen gelernt?“ Nach langem Grübeln fiel ihm ein, dass die beiden sich schon länger kannten als er Anna oder seinen neuen Ex-Kollegen. Wie lange sie sich kannten, hatte er nie erfahren. Woher sie sich kannten auch nicht. Anna war nie abweisend gegenüber Peter, aber oft sehr reserviert. Sie sagte nie etwas Abwertendes über ihn. Außer an dem Tag, an dem Peter mal wieder mit einer neuen Frau auf einer Geburtstagsfeier auftauchte. Eine kurzberockte Blondine, extrem hohe Stiefelabsätze und eine unerträglich schüchterne Stimme. „Typisch Peter“, hatte Anna ihm damals nur zugezischt. „Was war da früher mal gewesen?“ Georg hatte nie danach gefragt. Er hatte sich auch nie Gedanken über Annas Leben vor ihm gemacht. Jetzt kam es ihm vor, als ob er sich auch für die Zeit danach nur wenige Gedanken gemacht hätte. Zumindest was Annas Verhältnis zu seinem engsten Kollegen anging.

31. Espresso

Januar 4, 2011

 

„Ja?“

„Hallo. Hier ist Georg Haag, der Kunstexperte aus Mailand.“

„Ach, hallo. Schön. Warte einen kleinen Moment.“ Georg hörte ein paar Schritte. Eine Tür wurde geschlossen. „Schön, dass du dich meldest. Kunstexperte ist gut. War der Fußballfachmann denn erfolgreicher?“

„Ja, ich habe die Karten. Sonntag am Nachmittag. Kommst du?“

„Ja sicher. Ich freue mich schon darauf. Bin froh, hier mal wieder raus zu kommen.“

„Hast du Probleme in Lugano?“

„Ja, ich habe immer Probleme, ob in Lugano oder in Köln. Mein Job ist es“, ihre Stimme verfärbte sich ironisch „Probleme zu lösen, die andere nicht erledigen können. Oder Probleme zu erkennen, bevor sie zu richtig großen Schwierigkeiten werden. Oder“, nun eher nachdenklich klingend, „neue Probleme zu schaffen, damit niemand auf die Idee kommt, ich wäre hier überflüssig.“

„Und das macht dir Spaß?“

„Grundsätzlich ja“, Georg konnte selbst am Telefon ihr Grinsen sehen, „ich lebe mit dem sicheren Gefühl, dass ohne meine genialen Ideen hier keine einzige Tonne Schokolade verkauft werden würde. Nur, am Freitagnachmittag ist nicht nur die Woche am Ende. Da will ich dann auch raus hier. Am besten irgendwohin, wo ich auf keinen Fall Probleme bearbeiten muss.“

„O.k., ich werde mein Bestes versuchen. Wie darf ich das Problem lösen, dass wir uns in Mailand nicht verfehlen? Kommst du mit dem Zug?“

„Ja, das ist wohl das Einfachste.“

„Also, ich hole dich dann am Blumenstand auf dem Bahnhof ab. So gegen 13 Uhr? Weißt du, wann ein Zug kommt?“

„Nein.“

„Gut, dann werde ich ab 12 auf dich warten. Es wird schon einer eintreffen.“

„Genau so problemlos hätte ich es gerne nach einer solchen Arbeitswoche. Also, ich seh‘ dich übermorgen. Ich muss jetzt weiter machen.“

„Ja, ich auch“, sagte Georg unwillkürlich.

„Was hast du denn heute noch Schwieriges zu tun, mal abgesehen vom Belauschen von kunsthistorischen Gesprächen an benachbarten Cafétischen?“

„Ja, stimmt. Du hast recht. So richtig anstrengend ist das nicht“, räumte Georg ein, froh darüber noch einmal das Thema ‚Anna‘ vermieden zu haben, „war nur so gewohnheitsmäßig daher gesagt.“

„Also dann. Ciao.“

„Ja, ciao.“

Georg war froh darüber, dass Monika ihm nichts angemerkt hatte. Und er freute sich darüber, dass er, durch die Verabredung mit einer anziehenden Frau gestärkt, Anna anrufen konnte. Zumindest beinhaltete diese Verabredung die Möglichkeit, es Anna heimzuzahlen. Die Eifersucht begann sich mit Rachegelüsten zu paaren. Untermischt waren diese Gefühle jedoch auch mit etwas schlechtem Gewissen. Schließlich war er es gewesen, der einfach so eines Abends nicht nach Hause gekommen war. Dieses ‚einfach-so‘ allerdings machte es ihm jedoch auch schwer, sich schuldig zu fühlen. Es passierte einfach so. Vielleicht ist Anna das mit Peter auch einfach so passiert. Gut, aber was haben wir dann zu besprechen? Georgs Lust auf dieses Telefonat schwand zunehmend.

Die ersten 30 Kapitel

November 23, 2010

Zum leichteren Nachlesen die ersten 30 kurzen Kapitel als PDF zum Download: 1. – 30. Espresso