Heute ist „Tag des Kaffees“, passend hierzu der Blogroman „Espresso“.

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Aus der aktuellen Saeco-Kampagne.

www.philips.de/saeco

13. Espresso

Mai 8, 2010

Georg fand die richtige Taste zum Löschen der Nachricht und schaltete das Handy wieder aus. Er war unschlüssig. Was sollte er tun? Den nächsten Zug nach München zu nehmen erschien ihm seltsam. Anrufen bei Anna? Dazu fiel ihm nichts ein. Was sollte er sagen? Er hatte nichts zu sagen. Es gab nichts zu beichten. Es gab nichts zu erklären. Ein Anruf im Verlag? Allein der Gedanke an die Sitzungen zusammen mit der Verlagsleitung ließ ihn diese Idee sofort verwerfen. Es wurde ihm plötzlich klar, dass er immerhin mindestens eine Sitzung verpassen würde. „Das alleine war den Ausflug über die Alpen eigentlich schon wert.“

Er musste lächeln. „Im Grunde ein schöner Spaß, dort jetzt anzurufen. Einfach mitzuteilen, ich wäre gerade in Italien zum Espressotrinken. Ich könnte erst später kommen. Zum zweiten Tagesordnungspunkt wäre ohnehin nicht viel zu sagen gewesen. Sie sollen sich doch gleich um den dritten Punkt kümmern, dann wäre das Ende eher in Sicht und damit auch der nächste Treff an der Maschine, die nicht annähernd so einen Duft entfalten würde, wie es hier noch außerhalb der Bar wahrzunehmen ist. Oder ich könnte erzählen, dass ich einem großen schriftstellerischen Talent in meinen Manuskriptenturm begegnet bin und nun auf dem Weg zu dessen Hof in der Toskana bin, um diesen noch unbekannten Autor an unseren Verlag zu binden. Nett wäre es auch zu erzählen, vor allem Peter würde es beeindrucken, ich hätte durch Zufall gestern eine italienische Bekannte von der letzten Buchmesse vor dem Hauptbahnhof getroffen und wäre Hals über Kopf mit ihr in den Zug gestiegen, hätte eine wahnsinnige Nacht im Abteil mit ihr hinter mir und versuchte gerade mit größeren Dosen Koffein wieder zu Kräften zu kommen. Ich würde von mir hören lassen. Und speziell für Peter: ‚Weißt du, manchmal musst du als Mann einfach deinem Schwanz folgen.‘ Ja, so ähnlich wäre es gut. Aber glauben würde es niemand. Jeder erwartet gerade, dass ich gleich zur Tür herein käme und auf meinem Stuhl Platz nähme, meine Unterlagen zurechtlege, um gut vorbereitet den zweiten Punkt kurz und präzise darlegen zu können.“

12. Espresso

Mai 1, 2010

Draußen vor der Bar startete wieder sein normaler Frageapparat. „Was wäre gewesen, wenn ich sie angesprochen hätte? Hätten wir uns zum Abendessen verabredet? In welcher Sprache überhaupt? Hätte sie bei ihrer Arbeitsstelle angerufen, sich krank gemeldet und mich sofort mitgenommen? Ohne Worte vielleicht sogar? Hätten wir uns ein Zimmer in einem Hotel genommen? Vergiß es. So wirst du wahrscheinlich nie sein.“

Georg sah sich um. „Was mache  ich eigentlich hier?“

Er schaltete sein Handy an. „Sie haben drei neue Nachrichten.“ Zweimal erschien im Display die Nummer von Anna, einmal die von Peter. Georg versuchte seine Gedanken zu ordnen. Das Bild der unbekannten Frau kreuzte dazwischen. Die gewohnten Tastenkombinationen zum Abhören der Nachrichten liefen nicht flüssig aus den Fingerspitzen in die Tastatur. Dazwischen tauchten immer wieder diese Augen auf.

„Erste Nachricht. Georg, was ist los? Wo steckst du? Warum gehst du nicht ans Handy? Warum hast du es jetzt ausgeschaltet? Wieso rufst du nicht an? Was verdammt nochmal ist los? Kannst du mir mal erklären, was das soll? Nachricht zu Ende. Zum Wiederholen drücken Sie die …..“

Statt die Ziffer zum Löschen drückte Georg aus Versehen die zum Speichern. „Mist! Wie krieg‘ ich die Nachricht wieder aus dem Speicher? Prima, diese Fragen bleiben jetzt da drin. Ohne Handbuch wahrscheinlich keine Chance sie zu löschen. Toll. Trag‘ jetzt Annas entsetzte Fragen mit mir ‚rum.“

„Zweite Nachricht. Hallo Georg, hier ist Peter. Was ist los? Wir haben gleich Besprechung. Anna hat eben angerufen. Ob du hier wärst. Du wärst nicht zu Hause gewesen, diese Nacht. Was machst du denn für Geschichten? Eine aus dem Verlag? Also Fragen über Fragen. Ruf zurück. Und komm gleich in den Besprechungsraum. Dein Bereich ist der zweite Tagesordnungspunkt. Lass dir schon mal eine gute Ausrede einfallen. Irgendwas mit vom Turm der aufgelaufenen Manuskripte erschlagen, beim Röntgen im Krankenhaus nicht gleich drangekommen, von der Betäubungsspritze benebelt in die falsche Trambahn gestiegen und so weiter. Also bis gleich. Und als nächstes mußt du dir dann noch eine Geschichte für Anna ausdenken. Schätze ich zumindest. So, wie sie geklungen hat, muß es schon was sehr Überzeugendes werden. O.k., beeil‘ dich. Ciao. Nachricht zu Ende. Zum Wiederholen drücken Sie …“

„Gut, das Löschen hat jetzt wenigstens geklappt. Besprechung?“ Georg kam kurz zur Besinnung. Mit all seinen beruflichen Pflichtgefühlen. Doch sogleich tauchte wieder dieser lange Blick in der Bar auf. Die noch vorhandene Wirkung des Espressos gab ihm zusätzlich Kraft über diese Pflichten hinweg zu träumen. „Besprechung? Hmmmm.“

„Dritte Nachricht. Verdammt nochmal Georg! Jetzt ruf wenigstens mal zurück! Du tickst wohl nicht sauber. Ich mach‘ hier Essen, steh‘ wie blöd den Abend am Herd und du rufst nicht einmal an. Und im Verlag bist auch nicht. Bitte, ruf endlich an. Nachricht zu Ende. Zum Wiederholen drücken Sie die …..“

11. Espresso

April 26, 2010

Noch verharrte er in diesem ratlosen Zustand, während er begann, dorthin zu schlendern, wo er die Altstadt vermutete. Wieso er sie da vermutete, wusste er genauso wenig, wie, an was er sich erinnern wollte. Er bemerkte zuerst gar nicht, dass er auf dem Platz vor dem Dom stand. Ihm fiel nur auf, dass seine Schritte anders von den Hauswänden reflektiert wurden, als er die Piazza betrat. Hauswände mit Fresken geschmückt, ein Springbrunnen, der eiligen Frühaufstehern im Weg zu sein schien, massive Wände des Domes. Georg setzte sich auf die Stufen des Brunnens. Schaute, wie der Platz belebter wurde, ohne sich mit Leben zu füllen. Die Menschen eilten über den Platz. Gedankenverloren, aber mit festem Schritt. Er schaute ihnen nach. Eine hastige junge Frau erwiderte seinen Blick. Und rannte weiter. Georgs Blick blieb an ihr haften, aber sie drehte sich nicht mehr um, bevor sie hinter einer Hausecke verschwand. Es war kalt auf den Stufen des Brunnens.

Zurück in der Bar des Bahnhofs empfing ihn wohlige Wärme. „In wenigen Minuten hätte mich auch die Wärme des Büros wieder. Peter würde mich zur Espressomaschine begleiten. Der Duft wäre der gleiche“, ging es ihm durch den Kopf.

„Un caffè?“

„Si. E mangiare.“

„Vuole panini? Toast? Tramezzini? Dolce?“

„Panini. Prego.“

„Tre cinquanta.“

Es war lauter in der Bar als vorhin. Niemand schenkte ihm diesmal Beachtung. Er lehnte an der Theke, rührte eine Ewigkeit den Zucker in den Espresso. Das Panino kam. Der Kaffee war längst kalt, als er ihn trinken wollte. Er stand nur da und sah das Treiben um sich herum. Obwohl die Menschen hier Halt machten, war es doch so wie auf der Piazza. Nichts machte auf ihn den Eindruck, als wenn die Eile aus ihren Körpern verschwinden könnte.

„Bin ich sonst auch so? Wäre ich jetzt auch so, während ich mit Peter mit der kleinen Untertasse in der Hand über die Fehler gedruckter und nie gedruckter Autoren reden würde? Wäre ich so, wenn ich jetzt nicht hier im Bahnhof von Trient stehen würde?“

An der Kasse stand die Frau, der er auf der Piazza hinterhergeschaut hatte. Wieder kreuzten sich die Blicke. Der einzige Mensch unter den Gästen der Bar, der es für Sekunden nicht eilig hatte. Der Blick dauerte schon zu lange. Er war längst kein flüchtiger mehr. Kein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nur ihr haftender Blick ruhte auf Georg.

„Und wenn ich jetzt mit ihr ginge?“ Georg blieb an ihrem Blick kleben. Die Frage beantwortete er sich nicht. Sie kam ihm nicht noch einmal in den Kopf. Dieses ‚Was-wäre-wenn?‘ und ‚Was-riskiere-ich-dabei?‘ war plötzlich ausgeschaltet in seinem Kopf. Er stand nur an der Theke. Vier Meter entfernt schenkte ihm eine attraktive Frau einen nicht enden wollenden Blick.

3. Espresso

März 10, 2010

Die Zeile zog gerade bei ihm ein, als Georg eine Veränderung in der Zusammensetzung dessen bemerkte, was er für gewöhnlich im Verlagsbüro in seine Lungen sog. Der Sauerstoffanteil war gestiegen. Peter musste herein gekommen sein. Die Technik des Anklopfens hatte man dem Kollegen beim Germanistikstudium nicht beigebracht. Nach der Universität galt es für ihn, sich hauptsächlich fachlich weiterzubilden. Und als Lektor hätte er das Anklopfen in den letzten Jahren nur erlernen können, wenn es ein zeitgenössischer Autor zum Gegenstand einer Kurzgeschichte oder besser noch eines Romans erhoben hätte.

„Wie schaust du denn aus?“, fragte Peter.

„Hmm?“

„Liegt es an dem Manuskript oder an der Luft hier?“

„Hmm. Was sagst du?“

„Warum du ein Gesicht machst, als wenn, als wenn, …. ich weiß auch nicht …“

„Ach so, das meinst du. Das ist hier nur dieses Gestammel in Times-New-Roman-Form.“

„Hast du wieder die Nieten erwischt?“

„Wer erwischt hier schon etwas anderes?“

„Georg, das ist halt der Job. Finde dich damit ab. Dafür werden wir bezahlt.“

„Ja, das ist ja der Mist. Und das hier ist wieder eine dieser persönlichen Empfehlungen vom Chef. Wie Politessen beschäftigen wir uns doch den ganzen Tag mit Falschparkern. Statt dass diese Massen talentierter Schüler von Alphabetisierungskursen einfach ihrer Frau oder ihrer heimlichen Geliebten gefühlsschwangere Briefe schreiben, müssen sie das Zeug an unsere Adresse schicken, in der Hoffnung, wenn ein Verlag einen Pappdeckel um diese Seiten machen würde, wäre es ein Roman und sie selbst wären Schriftsteller.“

„Und beim Tippen denken sie wahrscheinlich schon heimlich an eine Gesamtausgabe bei Kiepenheuer & Witsch.“

„Oder an die Preisverleihung in Stockholm.“

„Oder an die ersten Doktorarbeiten über die narrative Haltung in ihrem Erstlingswerk.“

Die Zeile war immer noch da. Eventuell hätte ‚Vielleicht sollten wir irgendwo anders ganz von vorne anfangen‘ doch das Zeug für einen Literaturpreis.

„Ach, es ist alles Unfug!“

„Ja, das sowieso.“

„Vollkommener Unfug.“

„Lass uns Kaffee trinken. Bevor du mir jetzt ganz in lektoratsbedingte Depressionen absinkst“, erwiderte Peter nicht ohne freundschaftliche Sorge in der Stimme. Sie machten sich auf den Weg zur Espressomaschine vor dem Konferenzraum.

„Lavazza gegen die Nebenwirkungen von Prosa-Gehversuchen? Sollte es für uns auf Rezept geben.“

Versprochen ….

März 5, 2010

…. die nächsten Kapitel werden länger.