30. Espresso

November 17, 2010

Inter Mailand gegen AS Rom. Schön, dass dieses Wochenende nicht der AC Mailand mit einem Heimspiel dran war. Bei Inter haben Rummenigge, Klinsmann und Brehme gespielt. Bei Rom waren früher Völler und Häßler. All diese Leute, die das Leben hatten, das Georg eigentlich als Kind für sich erträumt hatte. Tore schießen, Pokale hochhalten, in Italien zum Millionär werden und sich beim kurzen Espresso in der Bar von Fans aus der Distanz bewundern lassen. Nun war er schon stolz darauf, trotz seiner begrenzten Sprachkenntnisse die Karten besorgt zu haben. Aus Rücksicht darauf, dass es für Monika das erste Fußballspiel sein würde, kaufte er Sitzplatzkarten. Aber auch er hatte etwas Unbehagen bei der Vorstellung, einen Stehplatz inmitten eines Pulks italienischer Tifosi einzunehmen.

Voller Vorfreude auf die Erfüllung, wenn auch nur teilweise, seines Jungentraumes griff er noch auf der Straße nach seinem Handy, um im Tessin anzurufen. Das Display zeigte zwei Nachrichten an. Beide von Anna.

„Hallo Georg, kannst du mich mal zurückrufen?“, war die eine. „Hallo Georg, ruf‘ mich doch bitte mal zurück“, die andere. Der fragende und zugleich vorwurfsvolle Ton der letzten Wochen war nicht mehr vorhanden. Ihre Stimme klang wie bewusst ins Unbestimmte gesteuert. Georg überlegte, was er zuerst tun sollte. Monika anrufen, um sich endgültig zum gemeinsamen Besuch des San Siro Stadions zu verabreden. Oder doch zuerst das Unangenehme hinter sich bringen. Mit dem wahrscheinlichen Geständnis eines Fehltrittes, der laut Peter so gar nicht stattgefunden hat.

Das Unangenehme an dieser Vorstellung war weniger das Darüber-Sprechen, was oder was nicht vorgefallen war, als der ungewisse Ausgang des Gespräches. „Es wird nicht mehr lange so weitergehen können hier in Italien“, ging es ihm durch den Kopf, „Anna fordert auf ihre Art langsam eine Entscheidung.“

Georg entschied sich, sich erst einmal andere Gedanken zu machen. Leichtere Gedanken. Erst einmal eine Verabredung mit einer anderen attraktiven Frau treffen, bevor er sich vielleicht mit Anna im Diskutieren und Streiten verheddern würde. Ein Gespräch, das, wenn es ungünstig läuft, von ihm Entscheidungen fordern würde. Ihm war nicht klar, wie er sich entscheiden würde. Bis eben war ihm nicht einmal bewußt, dass er sich irgendwann entscheiden müsste.

Die Entscheidung gegen seinen Arbeitsplatz, an dem diese unsägliche Zeile auf ihn wartete, hatte ihn genügend Mühe gekostet. Allein die Tatsache, dass er keine weiteren Urlaubstage mehr besaß, hatte seinen Entschluss forciert. Das Fast-nicht-mehr-Lektor-Dasein hätte er noch lange ausgehalten. Nun kam ihm auch noch seine Eifersucht wegen Anna in die Quere.

„Was, wenn Monika mir für das Spiel auch noch einen Korb gibt? Was, wenn sie mich fragt, warum ich heute so ganz anders klinge?“

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27. Espresso

Oktober 14, 2010

„Was möchten Sie trinken?“

„O.k., du kannst mich duzen. Ich glaub‘ dir, dass du nur schwer einen Bellini von einem van Gogh unterscheiden kannst …“

So schlimm war es nun auch nicht, dachte Georg, aber über die Hintergründe seines van-Gogh-Wissens wollte er jetzt lieber nicht reden.

„… aber was für ein Spezialist bist du dann?“

Georg schaute fragend.

„Was du beruflich machst?“

„Ich bin, ich habe“, er geriet erst ins Grübeln, dann endgültig ins Stocken, „hatte eher mit Büchern zu tun.“

„Bücher, aha. Kunstbücher weniger. Was für Bücher? Romane, Kochbücher, Comics oder Fußballer-Memoiren?“

In Georgs Grinsen mischte sich leichte Enttäuschung. „Nein, leider nicht, nur Romane. Deutsche Autoren vornehmlich. Also ich bin Lektor in einem Verlag.“

„Du bist oder du warst?“

„Gute Frage, nächste. “

„Na gut. Wo kommst du her?“

„Aus München. Ich habe bei einem Verlag in München gearbeitet. Dort bin ich auch noch beschäftigt. Noch ungefähr drei Tage.“

„Du hast gekündigt?“

„Nein, noch nicht. Also ich muss es noch tun. Ich habe noch drei Tage Rest an Urlaub. Dann muss ich entweder wieder an meinem Schreibtisch auftauchen oder ich provoziere die Kündigung.“

„Und du magst nicht mehr?“

„Nicht mögen wäre übertrieben. Ich weiß nur nicht, was ich da soll.“

„Lektor klingt doch nicht schlecht.“

„Ja, klingen tut es nicht schlecht“, wiederholte Georg.

„O.k., war blöd daher gesagt. Was machst du jetzt hier in Italien, also wenn du nicht gerade Bilder suchst, von denen du beim Cappuccino an Nachbartischen gehört hast?“

„Eigentlich nichts Bestimmtes.“ Er dachte nach. „In erster Linie bin ich nicht in München.“

„Das ist ja ein tagesfüllendes Reiseprogramm. Wie lange bist du so schon unterwegs?“

„Zwei Wochen, oder ein wenig mehr. Ich habe natürlich schon was gemacht. Sachen angesehen, Kaffee getrunken und so das Übliche in Italien. Nichts Besonderes.“

„Ja, nehme ich dir sofort ab. Ein Bild eines bedeutenden Malers der venezianischen Frührenaissance aufzusuchen, von dem man nicht das Geringste weiß, ist für dich so das Alltägliche. Du musst ansonsten ein ziemlich spannendes Leben führen, wenn das so das Übliche ist. Was hast du sonst noch Langweiliges vor in Mailand?“

Der unruhig auf ihn gerichtete Blick brachte seine Gedanken durcheinander. Ihre dunklen Augen verrieten Neugierde, was ihn gleichermaßen verunsicherte als auch ermunterte, das Bild des Kunstkenners Haag in seinem Gegenüber durch ein ihm ähnlicheres zu ersetzen.

„Ich würde gerne ins San Siro Stadion, mir ein Spiel von Inter oder notfalls auch vom AC Mailand anschauen. Wenn ich Karten kriege.“

„Hast du sicher in einem Café aufgeschnappt, dass die besonders tollen Fußball spielen, oder?“

„Nein. Natürlich nicht. Von italienischem Fußball verstehe ich mehr als von italienischer Malerei.“

„Das ist ja schon mal was. Aber das übliche touristische Italienprogramm ist das auch wieder nicht. Musst du zugeben.“

„Auch richtig. Jedenfalls wollte ich da als kleiner Junge schon ein Spiel sehen. Das heißt, als kleiner Junge wollte ich da eigentlich spielen. Aber die Talente reichten nur für Germanistik an der Uni, nicht für eine Karriere auf dem Rasen. Wie auch immer, jetzt würde ich gerne mal in dieses Stadion. Kenne ich nur vom Fernsehen.“

„Klingt so, als wenn du wirklich mehr davon verstehen würdest als von Malerei.“

26. Espresso

September 25, 2010

Georg ging voraus, verlief sich kurz, eine Aufsichtsperson wies ihm den Weg. Endlich im richtigen Saal angekommen vergewisserte er sich auf dem kleinen Schild, ob es sich wirklich um ein Bild von Bellini handelte. Eine Madonna mit dem Jesuskind war dargestellt vor einer Landschaft wie aus einem Urlaubsprospekt.

„Schön, finden Sie nicht auch?“

„Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt?“

„Na gut: Wunderschön.“

„Ich gebe Ihnen ja recht. Aber das kaufe ich Ihnen jetzt einfach nicht ab, dass Sie von Verona hierher kommen, nur um ‚wunderschön‘ zu sagen.“

„Ich wollte es ja auch nicht sagen. Eigentlich wollte ich es nur anschauen.“

„Sie geben sich ganz schöne Mühe mit Ihrer Maskierung. Jetzt ziehen Sie mit den anderen beiden Bellinis wahrscheinlich auch die Nummer ab, dass Sie sich erst auf dem Schild vergewissern müssen, dass es sich wirklich um Bellini handelt.“

„Das sind auch Bellinis?“

Georg erspähte einen Kasten mit Blättern, die Bilderläuterungen enthielten. „Sogar auf deutsch. Passen Sie auf! Ich lese Ihnen jetzt die Bildbeschreibung vor. Sie können also den Worten des Kunstkenners Haag lauschen. Dann sagen wir noch zweimal ’schön‘, oder wenn Sie darauf bestehen ‚wunderschön‘, und gehen dann endlich zu meiner Kaffeekennermaskierung weiter.“

Georg begann zu lesen. „Die Tafel der Pietà, die der Venezianer Giovanni Bellini um 1470 fur eine humanistisch gebildeten Sammler malte, ist ein Schlusselwerk die venezianischen Fruhrenaissance. Sie vollzieht den Schritt von der religiosen Funktionen das Andachtsbildes zur Funktion das asthetischen Sammlerbildes. Einerseits fuhrt sie die Tradition das Ikone weiter, andererseits fuhrt sie die theoretischen Forderungen des Florentiners Alberti an die dramatische Bildererzählung eigenwillig um. Damit begrundet die Tafel den eigenen Weg das venezianische Malerei in der Renaissance.“

„Ja, ist klar.“

„Hm, mir jetzt auch.“

„Trotzdem ein schönes Bild.“

„Ja, find‘ ich auch.“

„Aber die Bellinis in Venedig sind noch besser.“

„Ah, ja? Da drüben ist auch noch eins von Bellini.“