39. Espresso

März 13, 2011

Vor beiden erhoben sich plötzlich alle von den Plätzen. Zwischen den aufgeregten Köpfen hindurch konnten sie gerade noch erkennen, dass ein Mailänder alleine auf den römischen Torhüter zulief. Ein Verteidiger kam dazwischen, grätschte jedoch ins Leere. Dadurch hatte der Torwart keine Chance mehr zum Eingreifen. Der Spieler von Inter, nun als Milito in seinen Bewegungen zu erkennen, umkurvte beide und schob den Ball ins leere Tor.

Ein tausendfacher Jubelschrei ertönte. Alle im Block von Monika und Georg rissen die Arme hoch und fielen sich um den Hals. Georg und Monika jubelten mit, die Hände in der Höhe. Alle um sie herum lagen sich in den Armen. Beide bemerkten gleichzeitig das Außergewöhnliche ihres alleinigen Jubels. Etwas verhalten ließen beide ihre Arme einfach in der Höhe. Monika schaute zu Georg und dann wieder schnell weg, als er sich ein wenig zu ihr drehte. Georg wendete seinen Blick wieder auf das Spielfeld, auf dem sich ein Knäuel von blau-schwarzen Trikots gegenseitig umarmten. Als er sich wieder zu Monika umdrehte war ihr Blick fest auf ihn gerichtet. Endlich nahmen sie sich in die Arme und feierten das Tor wie alle um sie herum. Auf und ab gemeinsam hüpfend. Ein neuer Schrei hallte durch das Stadion, als der Torschütze ausgerufen wurde. Georg und Monikas Blicke trafen sich nochmals, diesmal aus nächster Nähe.

Fast hätte ein Rempler von benachbarten Fans den Kuss noch verhindert oder zu einer zahnärztlichen Nachbearbeitung Anlass gegeben. Georg wußte nicht, wie er es geschafft hatte, aber er hatte den Stoß irgendwo im Oberkörper aufgefangen ohne ihn mit den Lippen weiterzugeben. Das Gefühl an der Zungenspitze war für Georg so überwältigend, dass er nicht mehr wußte, ob es um ihn herum tatsächlich wieder ruhiger wurde oder ob er den Lärm der Inter-Fans einfach nicht mehr wahrnahm. Nach noch nicht einmal einer Minute beschwerten sich die ersten unromantisch veranlagten Zuschauer darüber, dass die beiden die Sicht auf das mittlerweile wieder begonnene Spiel versperren würden. Beide sackten auf ihre Sitze zurück. Georg versuchte Monikas Lippen wieder zu erreichen. Sie schaute ihn verständnislos an. Georg blickte sie fragend an. Beide standen auf und zwängten sich an den aufgereihten Knien entlang zum Ausgang des Blocks.

38. Espresso

März 8, 2011

 „Warum jubeln die jetzt alle hier im Stadion? Der Mailänder hat doch einen üblen Tritt abbekommen.“

„Deshalb haben sie auch zuerst alle gepfiffen. Jetzt hat der Schiedsrichter dem römischen Spieler aber eine rote Karte gegeben.“

„Schön. Und die darf er jetzt behalten?“ fragte sie mit ironischem Lächeln.

„Nein, die behält der Schiedsrichter. Er hat die Karte nicht wirklich gegeben sondern nur gezeigt. Das ist das Zeichen, dass dieser römische Spieler nicht mehr mitspielen darf. Was die eigentliche Strafe jedoch ist: seine Mannschaft darf für ihn niemanden einwechseln. Sie muss mit zehn Mann gegen elf Mailänder weiterspielen.“

„Wie ungerecht. Die anderen zehn können doch nichts dafür, dass der eine Römer so gefoult hat.“

„Beim Fußball geht es immer um zwei Mannschaften. Die einzelnen Spieler helfen oder schaden immer dem eigenen Team. Wenn der Borriello ein Tor machen würde, steht es auch nicht 1:0 für Borriello, sondern für Rom.“

„Aber mit zehn Mann haben die doch keine Chance, da ist doch dann immer einer frei.“

„Genau, sonst wäre es ja keine Strafe dafür, dass der eine Mailänder nur noch humpeln kann. Aber manchmal gewinnen auch zehn Spieler gegen elf. Weil bei den elf Spielern immer einer denkt, man könnte es jetzt langsamer angehen und die anderen zehn Mitspieler die zehn Gegenspieler schon im Griff haben.“

Eine neue Pfeiforgie gellte durch das Stadion.

„Wenn zwei Mailänder jetzt so denken, stehen sich konzentrationsmäßig zehn Römer und nur noch neun Mailänder gegenüber. So etwas kann dann schnell kippen.“

„Mein Gott ist das kompliziert. Ich dachte, die rennen alle dem Ball hinterher und versuchen ihn ins Tor zu bugsieren.“ Ein Konter der Römer riss alle Mailänder Fans entsetzt von den Sitzen. Der Flachschuss aus 15 Metern verfehlte jedoch knapp das Tor. „Aber dann ist das doch doppelt ungerecht. Der Mailänder humpelt nur noch, zwei Mailänder spielen nur noch mit halber Kraft, dass sind eigentlich nur noch 8 gegen zehn Römer. Es war dann doch falsch, dass der Schiedsrichter den vom Platz gestellt hat.“

„So gesehen schon. Aber Mailand kann den humpelnden Spieler vom Platz nehmen und einen gesunden frischen Spieler einwechseln, und der Inter-Trainer muss seine Spieler halt wachrütteln, wenn sie nur noch mit halber Kraft arbeiten, dann ist Mailand wieder im Vorteil.“

„Aber nur dann, der gesunde Spieler ist ja nur Ersatzspieler gewesen. Also muss er ja schlechter sein, als der, der dort hinten über den Rasen humpelt. Sag mal, ist das immer so laut?“

„Ja. Also nicht immer. Ich schätze in Italien öfter als in Deutschland. Vor allem, wenn das Spiel spannend ist.“

„Um ehrlich zu sein, ich war etwas erschrocken, als wir hier herein gekommen sind. So viel Lärm, obwohl das Spiel noch gar nicht angefangen hatte.“

„Du hast gar nichts gesagt.“

„Ich wollte nicht gleich schlapp machen. Obwohl ich es mit der Angst bekam. Vor allem war ich innerlich sauer, dass ich jetzt am Wochenende auch noch tough sein muss“, und nach kurzem Zögern, „oder will.“

„Aber jetzt bist du o.k.?“

„Ja, wenn man sich daran gewöhnt hat, macht’s sogar etwas Spaß, wenn alles so tobt und schreit. Auch wenn ich noch nicht begreife, nach was für einem Schema die sich da unten bewegen. Warum die nach außen zu einem Mitspieler schießen statt zu einem Mitspieler, der vor dem Tor steht. Denn darum geht es doch“, und etwas kleinlaut, „dachte ich zumindest, dass die den Ball ins Tor bringen.“

„Also, das ist alles Taktik. Sowohl von den Römern als auch von den Mailändern. Zuerst nach rechts, dann nach links den Ball schieben, das Tempo aus dem Spiel nehmen, um auf die große Chance zu warten, wo die halbe Mannschaft unerwartet vor dem gegnerischen Tor auftaucht und …“ Georg war jetzt in seinem Element. Er beschrieb die Feinheiten von kontrollierter Offensive, Raumdeckung, Tempodrosselung, Forechecking, Kontertaktik und den Vorteilen einer Vierer-Abwehrkette.

„So auf dem Niveau hatte ich mir das vor den Bellinis vorgestellt mit dir“, kommentierte Monika.