Zum Nachlesen die ersten zwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr: 1. – 20. Espresso

19. Espresso

Juli 16, 2010

Er ging durch die Stadt, streunte herum. Die Piazza delle Erbe gefiel ihm am besten, obwohl die Marktstände geschlossen waren. Trotzdem strahlte für ihn der Platz auch unbenutzt Leben aus. Vielleicht lag es daran, dass die Marktverkäufer diesen Platz nur vorübergehend verlassen hatten, alles aber darauf deutete, dass sie auf jeden Fall wiederkommen würden. Georg hatte, geleitet in seinem Streunen von einem Faltblatt der Tourist Information, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt gesehen, ohne sie unbedingt bewundert zu haben. Auch vor dem Balkon der Julia hatte er gestanden, ohne dass dies einen besonderen Eindruck auf ihn hinterließ, bevor er wieder die Piazza Bra, den Platz vor der römischen Arena, erreichte.

In erstaunlich kurzer Zeit entleerte sich nun seine Bühne. Die mehr oder wenigen stolzen Besitzer der Opernkarten strömten in das Amphitheater. Georg wurde auf das Stück zurückgeworfen, in dem er selbst, wie es schien, eine Hauptrolle inne hatte. Er ging zu seinem Hotel. Mit einem Buch wollte er sich ablenken.

An der Rezeption, gerade als er nach seinem Schlüssel fragte, fiel ihm ein, dass er keines dabei hatte. Immer hatte er einen kleinen Stapel auf seinen Reisen dabei. Ein Buch, auf das er sich schon seit langem freute. Ein Buch, falls diese Vorfreude bereits nach wenigen Seiten enttäuscht werden würde. Ein weiteres Buch, für den Fall, dass er das zweite an einem Tag verschlingen würde. Und ein viertes, fünftes und sechstes Buch als Versicherungspaket für den Fall, dass er wegen einer Krankheit die Rückreise nicht pünktlich antreten könnte. Nicht ein Buch hatte er nun bei sich. Nicht einmal eins aus der Abteilung Notfallapotheke, falls die Straßenbahn auf dem Weg heim von der Arbeit an einem falsch parkenden Auto scheitern würde.

Er gab den Schlüssel dem verdutzten Hotelangestellten zurück und ging wieder ins Freie. Das Erinnertwerden an die praktischen Seiten einer Reise schien ihn zu erleichtern. Nicht nur an Lektüre mangelte es ihm. Weder eine Zahnbürste noch ein Deo oder gar eine Unterhose zum Wechseln führte er bei sich. Er müßte sich entweder zum Bahnhof aufmachen und den nächsten Zug nach München nehmen oder sich den üblichen Erfordernissen des touristischen Alltags stellen. Gerne hätte er sich auf das Erledigen der Einkäufe gestürzt, doch die Läden, die das führten, was er benötigte, hatten bereits geschlossen.

In einer Bar auf dem Weg zurück ins Hotel bestellte er sich einen Grappa. Jetzt war er wieder auf der eigenen Bühne angelangt, es gab nichts mehr zu tun. An der Rezeption verlangte er mit deutlich wahrnehmbarem alkoholisiertem Atem nach seinem Zimmerschlüssel. Mit überraschtem Blick nahm der Portier zur Kenntnis, dass er ihn nicht sofort zurück bekommen würde, als er Georg die Zimmertür hinter sich schließen hörte.

18. Espresso

Juli 4, 2010

Mit halber Aufmerksamkeit betrachtete Georg das Leben vor der Arena. Der Stuhl, den er vor dem Café seit vier Stunden besetzte, gab ihm die Möglichkeit, das Treiben aus der ersten Reihe betrachten zu können. Der Platz füllte sich seit Stunden mit Menschen, die noch eine Karte für die Opernaufführung ergattern wollten. Es traten Menschen auf Georgs Bühne, die während der Stunden vor dem Konzert das Flair der Piazza genießen wollten. Das, was der Reiseführer ihnen versprochen hatte. Junge Leute aus der Stadt mischten sich, je später es wurde, in immer größer werdenden Gruppen unter die Touristen, die den Platz am späten Nachmittag noch in ihrer Hand wähnten.

Georg hatte in diesen vier Stunden mehrere Stücke auf seiner Bühne erlebt. Zwei Aufführungen davon ähnelten sich sehr und handelten von einem erfolgreichen Taschendiebstahl. Auch bemerkte er, dass in beiden Darbietungen die Hauptrolle von dem gleichen Darsteller gespielt wurde. Georg erlebte die Ehedramen, die sich abspielten, wenn es für die ersehnte Opernaufführung in der Arena keine Karten oder nur welche niederen Ranges zu erwerben gab. „Ich habe dir schon zu Hause gesagt, du sollst dich besser in Deutschland drum kümmern. Aber immer denkst du nur an andere Dinge. Nie an mich!“ Und nachdem sich der Besitzer einer Karte der preiswerteren Ränge mit dem Vorzeigen des Billets zu verteidigen suchte. „Soviel bin ich dir also wert.“ Auch dieses Stück erlebte auf der Bühne vor der Arena mehrere Aufführungen, wobei die Dialoge manchmal variierten, niemals aber die Gesten.

Zu Wiederholungen auf dem Spielplan kam es auch bei einem Stück für verschieden große Ensembles. Der Protagonist erschien auf der Bühne, schoss ein Photo von der Arena. Er blätterte in seinem Reiseführer, peilte sein nächstes Ziel an. Währenddessen kam eine Gruppe aus der Tiefe der Bühne, bestehend aus einer Frau und mehreren quengelnden Kindern, die um die Gnade baten, eine Pause machen zu dürfen. Die meisten Aufführungen endeten mit der unerbittlichen Stimme des Hauptdarstellers, dessen Herz sich nicht erweichen ließ. Worauf die gesamte Gruppe eiligen Schrittes wieder von der Piazza verschwand. Lediglich eine Aufführung dieses Stückes endete mit dem Satz „Wenn du mir diese Freude auch noch nehmen willst, dann sind wir geschiedene Leute!“, worauf sich der Protagonist von der Gruppe entfernte.

Georg genoß diese Schauspiele und bestellte mittlerweile seinen sechsten Cappuccino. Er wunderte sich selbst über seine stille Freude über die Dramen, die sich vor ihm abspielten. Sein Handy hatte er im Hotel gelassen. Es konnte ihn nicht mehr dabei stören, sich von seiner eigenen Bühne stückweise zu entfernen. Im Verlag hatte er nicht angerufen. Er verspürte kein Interesse etwas erklären zu müssen, das ihm selbst unerklärlich war, ihm selbst aber bereits als überraschendes Erlebnis vertrauter wurde. Sollte er Anna nochmals anrufen? Auch sie würde Gründe wissen wollen. Ihm wurde die Suche danach zunehmend gleichgültiger.