38. Espresso

März 8, 2011

 „Warum jubeln die jetzt alle hier im Stadion? Der Mailänder hat doch einen üblen Tritt abbekommen.“

„Deshalb haben sie auch zuerst alle gepfiffen. Jetzt hat der Schiedsrichter dem römischen Spieler aber eine rote Karte gegeben.“

„Schön. Und die darf er jetzt behalten?“ fragte sie mit ironischem Lächeln.

„Nein, die behält der Schiedsrichter. Er hat die Karte nicht wirklich gegeben sondern nur gezeigt. Das ist das Zeichen, dass dieser römische Spieler nicht mehr mitspielen darf. Was die eigentliche Strafe jedoch ist: seine Mannschaft darf für ihn niemanden einwechseln. Sie muss mit zehn Mann gegen elf Mailänder weiterspielen.“

„Wie ungerecht. Die anderen zehn können doch nichts dafür, dass der eine Römer so gefoult hat.“

„Beim Fußball geht es immer um zwei Mannschaften. Die einzelnen Spieler helfen oder schaden immer dem eigenen Team. Wenn der Borriello ein Tor machen würde, steht es auch nicht 1:0 für Borriello, sondern für Rom.“

„Aber mit zehn Mann haben die doch keine Chance, da ist doch dann immer einer frei.“

„Genau, sonst wäre es ja keine Strafe dafür, dass der eine Mailänder nur noch humpeln kann. Aber manchmal gewinnen auch zehn Spieler gegen elf. Weil bei den elf Spielern immer einer denkt, man könnte es jetzt langsamer angehen und die anderen zehn Mitspieler die zehn Gegenspieler schon im Griff haben.“

Eine neue Pfeiforgie gellte durch das Stadion.

„Wenn zwei Mailänder jetzt so denken, stehen sich konzentrationsmäßig zehn Römer und nur noch neun Mailänder gegenüber. So etwas kann dann schnell kippen.“

„Mein Gott ist das kompliziert. Ich dachte, die rennen alle dem Ball hinterher und versuchen ihn ins Tor zu bugsieren.“ Ein Konter der Römer riss alle Mailänder Fans entsetzt von den Sitzen. Der Flachschuss aus 15 Metern verfehlte jedoch knapp das Tor. „Aber dann ist das doch doppelt ungerecht. Der Mailänder humpelt nur noch, zwei Mailänder spielen nur noch mit halber Kraft, dass sind eigentlich nur noch 8 gegen zehn Römer. Es war dann doch falsch, dass der Schiedsrichter den vom Platz gestellt hat.“

„So gesehen schon. Aber Mailand kann den humpelnden Spieler vom Platz nehmen und einen gesunden frischen Spieler einwechseln, und der Inter-Trainer muss seine Spieler halt wachrütteln, wenn sie nur noch mit halber Kraft arbeiten, dann ist Mailand wieder im Vorteil.“

„Aber nur dann, der gesunde Spieler ist ja nur Ersatzspieler gewesen. Also muss er ja schlechter sein, als der, der dort hinten über den Rasen humpelt. Sag mal, ist das immer so laut?“

„Ja. Also nicht immer. Ich schätze in Italien öfter als in Deutschland. Vor allem, wenn das Spiel spannend ist.“

„Um ehrlich zu sein, ich war etwas erschrocken, als wir hier herein gekommen sind. So viel Lärm, obwohl das Spiel noch gar nicht angefangen hatte.“

„Du hast gar nichts gesagt.“

„Ich wollte nicht gleich schlapp machen. Obwohl ich es mit der Angst bekam. Vor allem war ich innerlich sauer, dass ich jetzt am Wochenende auch noch tough sein muss“, und nach kurzem Zögern, „oder will.“

„Aber jetzt bist du o.k.?“

„Ja, wenn man sich daran gewöhnt hat, macht’s sogar etwas Spaß, wenn alles so tobt und schreit. Auch wenn ich noch nicht begreife, nach was für einem Schema die sich da unten bewegen. Warum die nach außen zu einem Mitspieler schießen statt zu einem Mitspieler, der vor dem Tor steht. Denn darum geht es doch“, und etwas kleinlaut, „dachte ich zumindest, dass die den Ball ins Tor bringen.“

„Also, das ist alles Taktik. Sowohl von den Römern als auch von den Mailändern. Zuerst nach rechts, dann nach links den Ball schieben, das Tempo aus dem Spiel nehmen, um auf die große Chance zu warten, wo die halbe Mannschaft unerwartet vor dem gegnerischen Tor auftaucht und …“ Georg war jetzt in seinem Element. Er beschrieb die Feinheiten von kontrollierter Offensive, Raumdeckung, Tempodrosselung, Forechecking, Kontertaktik und den Vorteilen einer Vierer-Abwehrkette.

„So auf dem Niveau hatte ich mir das vor den Bellinis vorgestellt mit dir“, kommentierte Monika.

28. Espresso

Oktober 28, 2010

 

„Möchtest du mitkommen?“

Monika stutzte kurz. „Ja. Warum eigentlich nicht. Wenn du mir versprichst, mir nicht aus einem Stadionblättchen das Spiel zu erklären.“

„Keine Sorge. Da muss ich nichts vorlesen.“

„Das beruhigt mich halbwegs.“

„Also, ich besorge Karten. Sonntags spielen die hier in Italien immer. Bist du dann noch in Mailand?“

„Nein, aber ich komme wieder.“

„Du hast auch eine ziemlich lockere Reiseplanung. Überhaupt: was machst du hier in Mailand?“

„Ich bin beruflich drüben im Tessin zur Zeit und habe heute einen kleinen Ausflug gemacht. Wegen des Regens war bisher halt nur Museum drin. Von Mailand selbst hab‘ ich noch nichts mitgekriegt. Deshalb wäre es schön am Sonntag noch mal hierher zu kommen. Fußball wäre mal etwas anderes als das klassische Sightseeingprogramm.“

„Und unter welcher Maskierung, also als was arbeitest du im Tessin?“

„Mein Beruf nennt sich Marketing-Betriebswirtin. Das habe ich mal studiert und jetzt bin ich bei einem Süßwarenkonzern für die Schauräume zuständig.“ „Schauräume, aha. Was macht man mit Süßwaren in einem Schauraum?“

„Meine Firma hat ein kleines Schokoladenmuseum bei einer Tochterfirma in Lugano. Dort müssen wir einiges verändern und deswegen bin ich hier unten.“

„Schokoladenmuseumsbetriebswirtin, du musst zugeben auch eine skurile Maske.“

Sie musste lächeln. Georg war sich nicht sicher, ob es nach innen oder auf ihn gerichtet war. Wie auch immer, es gefiel ihm. Auch wie das Lächeln sich um die braunen Augen mit der Ernsthaftigkeit verband, mit der sie ihm antwortete: „Nein, das bin ich mittlerweile wirklich. Zu Hause haben wir ein großes richtiges Museum zur Kulturgeschichte der Schokolade, …“

„Nein, jetzt im Ernst?“

„… für das ich mit zuständig bin. Ja, da gehen jedes Jahr ein paar hunderttausend Leute rein.“

„Dort stellt ihr dann venezianische Schokolade der Frührenaissance aus?“

„Nein. Quatsch. Die wäre natürlich heute nicht einmal mehr als Krümel erhalten.“ Wieder diese seltene Mischung eines Lächelns, diesmal vor allem um die vollen Lippen. Schwer zu deuten, ob es seinen Versuch witzig zu erscheinen honorierte oder von dem Gedanken gespeist wurde, diese Idee wirklich einmal umzusetzen. „Leider wäre dies auch deshalb nicht möglich, da es in dieser Zeit noch gar keine Schokolade in Venedig gab. Nein, in unserem Museum sind andere Ausstellungsstücke, nicht so schön wie die Bellinis, aber dafür leichter zu verstehen.“

„Und als Museumsfrau interessierst du dich automatisch für Maler aus Venedig?“

„Na ja, eher am Rande. O.k.“, ihr Lächeln ging in ein leichtes Grinsen über, „wahrscheinlich habe ich mehr Ahnung als du, aber ich habe halt Marketing studiert. Kunst anschauen ist dann etwas für die Freizeit. Bei Regen in fremden Städten zum Beispiel.“

Georg musterte sie möglichst unauffällig. Kurze Jacke. Enge Jeans, die an einer, soweit er das erkennen konnte, schlanken Taille endeten. Sie sah nicht so aus, wie er sich eine Frau vorstellte, die tagtäglich mit Schokolade zu tun hatte.

„Wieso trinkst du Caffelatte statt heiße Schokolade? Erlaubt dein Arbeitgeber das?“

„Weil ich heute nicht im Dienst bin, nehme ich mir diese vom Arbeitsrecht gedeckte Freiheit“, antwortete sie lächelnd, diesmal wieder stärker um die Augen, und mit gespielter betont förmlicher Stimme.

„Und wo bist du außer im Tessin im Dienst? Wo steht dieses große Schokomuseum?“

„Du willst wissen, wo ich wohne?“ Sie machte eine kleine Pause, in der sie Georg offen ins Gesicht blickte. Er meinte, den Anflug der vorhin erlebten Lächel-Melange wiederzuerkennen. „In Köln. Da ist der Hauptsitz meines Unternehmens.“

„Wie lange bist du noch hier?“

„Schwer zu schätzen. Jedenfalls mindestens übers Wochenende. Also kannst du mir dieses Stadion deiner Jugendträume zeigen“, und nach kurzem Überlegen, „seltsam, ich war noch nie bei einem Fußballspiel.“

„Ich kann dir alles Wichtige erklären. Versprochen. Selbst wenn der sündhaft teure Mailänder Neueinkauf Bellini heißen würde. Wie treffen wir uns?“

„Gibt es einen Blumenstand vor dem Stadion? Wahrscheinlich nicht.“

„Nein eher selten. Ohne aufdringlich sein zu wollen, du hast bestimmt eine Handynummer. Ich würde dich anrufen und dich abholen. Am Blumenstand am Bahnhof zum Beispiel.“

Monika überlegte kurz, schaute Georg knapp in die Augen. „Also gut. Ruf mich an, wenn du weißt, wann das Spiel ist.“ Sie gab ihm ihre Karte. „Haben Lektoren oder fast ehemalige Lektoren auch Handys?“

„Ja sicher.“ Er fing an, sein Portemonnaie heraus zu kramen, in dem er noch eine Verlagskarte vermutete. Der Kellner nahm dies als Zeichen und kam mit der Rechnung. Georg verhedderte sich mit der Suche nach seiner Karte und dem Bezahlen der Rechnung, gab aus Versehen viel zu viel Trinkgeld, was recht protzerhaft wirkte, wollte aber den Kellner nicht mehr zurückholen um wenigstens halbwegs den Auftritt über die Runden zu bringen, ohne den gegenteiligen Eindruck zu hinterlassen.

Er gab ihr die Karte. Beide standen auf. Ihr Parfum erinnerte ihn an etwas. Er vermochte sich jedoch nicht klar darüber zu werden. Irgend etwas aus einem Urlaub.

„Bis Sonntag dann also.“

Ihr Lächeln zeigte Vorfreude, während ihre ihn fixierenden Augen Unsicherheit verrieten. „Ja, bis Sonntag dann. Ciao.“

„Ciao.“ Georg sah ihr nach. Nichts an ihr ließ Rückschlüsse auf überhöhten Schokoladenkonsum zu. „Für leitende Angestellte gibt’s bestimmt eine kalorienvernichtende Variante.“

27. Espresso

Oktober 14, 2010

„Was möchten Sie trinken?“

„O.k., du kannst mich duzen. Ich glaub‘ dir, dass du nur schwer einen Bellini von einem van Gogh unterscheiden kannst …“

So schlimm war es nun auch nicht, dachte Georg, aber über die Hintergründe seines van-Gogh-Wissens wollte er jetzt lieber nicht reden.

„… aber was für ein Spezialist bist du dann?“

Georg schaute fragend.

„Was du beruflich machst?“

„Ich bin, ich habe“, er geriet erst ins Grübeln, dann endgültig ins Stocken, „hatte eher mit Büchern zu tun.“

„Bücher, aha. Kunstbücher weniger. Was für Bücher? Romane, Kochbücher, Comics oder Fußballer-Memoiren?“

In Georgs Grinsen mischte sich leichte Enttäuschung. „Nein, leider nicht, nur Romane. Deutsche Autoren vornehmlich. Also ich bin Lektor in einem Verlag.“

„Du bist oder du warst?“

„Gute Frage, nächste. “

„Na gut. Wo kommst du her?“

„Aus München. Ich habe bei einem Verlag in München gearbeitet. Dort bin ich auch noch beschäftigt. Noch ungefähr drei Tage.“

„Du hast gekündigt?“

„Nein, noch nicht. Also ich muss es noch tun. Ich habe noch drei Tage Rest an Urlaub. Dann muss ich entweder wieder an meinem Schreibtisch auftauchen oder ich provoziere die Kündigung.“

„Und du magst nicht mehr?“

„Nicht mögen wäre übertrieben. Ich weiß nur nicht, was ich da soll.“

„Lektor klingt doch nicht schlecht.“

„Ja, klingen tut es nicht schlecht“, wiederholte Georg.

„O.k., war blöd daher gesagt. Was machst du jetzt hier in Italien, also wenn du nicht gerade Bilder suchst, von denen du beim Cappuccino an Nachbartischen gehört hast?“

„Eigentlich nichts Bestimmtes.“ Er dachte nach. „In erster Linie bin ich nicht in München.“

„Das ist ja ein tagesfüllendes Reiseprogramm. Wie lange bist du so schon unterwegs?“

„Zwei Wochen, oder ein wenig mehr. Ich habe natürlich schon was gemacht. Sachen angesehen, Kaffee getrunken und so das Übliche in Italien. Nichts Besonderes.“

„Ja, nehme ich dir sofort ab. Ein Bild eines bedeutenden Malers der venezianischen Frührenaissance aufzusuchen, von dem man nicht das Geringste weiß, ist für dich so das Alltägliche. Du musst ansonsten ein ziemlich spannendes Leben führen, wenn das so das Übliche ist. Was hast du sonst noch Langweiliges vor in Mailand?“

Der unruhig auf ihn gerichtete Blick brachte seine Gedanken durcheinander. Ihre dunklen Augen verrieten Neugierde, was ihn gleichermaßen verunsicherte als auch ermunterte, das Bild des Kunstkenners Haag in seinem Gegenüber durch ein ihm ähnlicheres zu ersetzen.

„Ich würde gerne ins San Siro Stadion, mir ein Spiel von Inter oder notfalls auch vom AC Mailand anschauen. Wenn ich Karten kriege.“

„Hast du sicher in einem Café aufgeschnappt, dass die besonders tollen Fußball spielen, oder?“

„Nein. Natürlich nicht. Von italienischem Fußball verstehe ich mehr als von italienischer Malerei.“

„Das ist ja schon mal was. Aber das übliche touristische Italienprogramm ist das auch wieder nicht. Musst du zugeben.“

„Auch richtig. Jedenfalls wollte ich da als kleiner Junge schon ein Spiel sehen. Das heißt, als kleiner Junge wollte ich da eigentlich spielen. Aber die Talente reichten nur für Germanistik an der Uni, nicht für eine Karriere auf dem Rasen. Wie auch immer, jetzt würde ich gerne mal in dieses Stadion. Kenne ich nur vom Fernsehen.“

„Klingt so, als wenn du wirklich mehr davon verstehen würdest als von Malerei.“

26. Espresso

September 25, 2010

Georg ging voraus, verlief sich kurz, eine Aufsichtsperson wies ihm den Weg. Endlich im richtigen Saal angekommen vergewisserte er sich auf dem kleinen Schild, ob es sich wirklich um ein Bild von Bellini handelte. Eine Madonna mit dem Jesuskind war dargestellt vor einer Landschaft wie aus einem Urlaubsprospekt.

„Schön, finden Sie nicht auch?“

„Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt?“

„Na gut: Wunderschön.“

„Ich gebe Ihnen ja recht. Aber das kaufe ich Ihnen jetzt einfach nicht ab, dass Sie von Verona hierher kommen, nur um ‚wunderschön‘ zu sagen.“

„Ich wollte es ja auch nicht sagen. Eigentlich wollte ich es nur anschauen.“

„Sie geben sich ganz schöne Mühe mit Ihrer Maskierung. Jetzt ziehen Sie mit den anderen beiden Bellinis wahrscheinlich auch die Nummer ab, dass Sie sich erst auf dem Schild vergewissern müssen, dass es sich wirklich um Bellini handelt.“

„Das sind auch Bellinis?“

Georg erspähte einen Kasten mit Blättern, die Bilderläuterungen enthielten. „Sogar auf deutsch. Passen Sie auf! Ich lese Ihnen jetzt die Bildbeschreibung vor. Sie können also den Worten des Kunstkenners Haag lauschen. Dann sagen wir noch zweimal ’schön‘, oder wenn Sie darauf bestehen ‚wunderschön‘, und gehen dann endlich zu meiner Kaffeekennermaskierung weiter.“

Georg begann zu lesen. „Die Tafel der Pietà, die der Venezianer Giovanni Bellini um 1470 fur eine humanistisch gebildeten Sammler malte, ist ein Schlusselwerk die venezianischen Fruhrenaissance. Sie vollzieht den Schritt von der religiosen Funktionen das Andachtsbildes zur Funktion das asthetischen Sammlerbildes. Einerseits fuhrt sie die Tradition das Ikone weiter, andererseits fuhrt sie die theoretischen Forderungen des Florentiners Alberti an die dramatische Bildererzählung eigenwillig um. Damit begrundet die Tafel den eigenen Weg das venezianische Malerei in der Renaissance.“

„Ja, ist klar.“

„Hm, mir jetzt auch.“

„Trotzdem ein schönes Bild.“

„Ja, find‘ ich auch.“

„Aber die Bellinis in Venedig sind noch besser.“

„Ah, ja? Da drüben ist auch noch eins von Bellini.“

25. Espresso

September 5, 2010

„Nicht wirklich. Eigentlich …“

„Jetzt tun Sie nicht so zurückhaltend. Sie werden ja schon wissen, warum Sie unbedingt die Bellinis sehen wollten.“

„Also im Grunde nicht. Ich habe nur woanders davon gehört. Dass heißt, dass sie bedeutend sein sollen. Deshalb bin ich nach Mailand gefahren.“

„Im Radio, im Fernsehen oder auf einer Kunsthistorikertagung gehört?“

„Nein, an einem Nachbartisch in einem Café in Verona.“

„Und dann reisen Sie nach Mailand, weil zwischen Cappuccino und Gelato jemand über schöne Bilder geredet hat.“

„Letzten Endes ja.“

„Nicht gerade üblich so eine Urlaubsplanung. Ich weiß nicht ob ich Ihnen das glauben soll.“ Sie musterte ihn von oben bis unten. „Sie sehen, wenn ich ehrlich sein darf, nicht so aus wie ein Mann, der sich ziellos dem Müßiggang widmet.“

„Tja, dass kann sein. Also, dass ich nicht so ausschaue.“

„Wie auch immer. Egal, ob Sie Kunstkenner oder Müßiggänger sind, suchen wir die Bellinis und dann können Sie ja beim Kaffeetrinken brillieren. Wenn ich Ihnen glauben soll, ist das ja eher Ihre Welt als das Innere von Museen. Aber eigentlich kaufe ich Ihnen Ihre Zurückhaltung nicht ab. Wahrscheinlich werden Sie mich gleich vor den Bildern mit Fachbegriffen erschlagen, und“ mit einem verschmitzten Lächeln, „können anschließend noch nicht einmal einen Cappuccino von einem Caffelatte unterscheiden.“

Georg fiel nichts Geistreiches darauf ein. Noch nicht einmal etwas Dummes. Wahrscheinlich sah er immer noch wie ein akribischer Lektor aus, dem man zutrauen konnte, dass er nach der Arbeit noch riesige Wälzer über die Kunst der Renaissance durchblättern würde. Gleich wieviel müßiges Nichtstun er in den letzten zwei Wochen vollbracht hatte, man sah es ihm nicht an. Georg stutzte darüber, dass von außen keiner wahrnahm, dass er im Innern nicht mehr der war, der damals aus dem Büro in den Feierabend gegangen war.

Die Frau, die all diese Gedanken in ihm ausgelöst hatte, befreite ihn auch wieder davon. „Ich heiße Monika Lyskirchen. Wenn Sie sich im Museum noch als heimlicher Spezialist für die schönen Künste entpuppen also Frau Lyskirchen, wenn Sie doch mehr von Kaffee verstehen, einfach Monika.“

Georgs Verunsicherung wurde immer größer. Trotzdem nahm er noch einmal einen Anlauf lässig zu erscheinen.

„Georg Haag, mein Name. Und weil ich weiß, dass ich nichts weiß, können wir gleich zu den Vornamen übergehen.“

„Das hat Sie jetzt endgültig verraten. Wer Philosophen zitiert, hat in der Regel keine Ahnung von den feinen Unterschieden in italienischen Bars. Also doch Frau Lyskirchen für Sie.“

Georg merkte, dass er mit dem Spruch von Sokrates endgültig keine Chance mehr hatte, als der zu erscheinen, als der er sich in den letzten Tagen gefiel.

„O.k., taktischer Fehler, um beim ‚Du‘ bleiben zu dürfen. Los, bringen wir die Bellinis hinter uns. Ich werde versuchen, Sie so stark zu enttäuschen, dass Sie mich dann doch Georg nennen.“

„Ich bin gespannt auf die Enttäuschungen, die Sie mir zu bieten haben.“

24. Espresso

August 28, 2010

Zwei Sachen wollte er in Mailand sehen: das Bild von Bellini und ein Fußballspiel im San Siro Stadion. An der Rezeption ließ er sich den Weg zur Pinacoteca di Brera erklären. Vor der Museumskasse wunderte er sich zuerst über die Preise und dann über die lange Schlange.

„Ob die alle wegen Bellini hier sind“, fragte er sich. Georg wußte nicht im Geringsten, um was für ein Museum es sich handelte. Ob dort van Goghs hingen, die Lieblingsbilder von Anna, ob dort griechische Vasen in Massen die Säle füllten oder zeitgenössische Kunstwerke ausgestellt werden mit dem Zweck, ihn zu erschrecken. Für was auch immer man sich anstellte, Georg bemerkte, dass nicht nur er dies als eine brauchbare Alternative zu einem Spaziergang durch das verregnete Mailand ansah.

Als er nach einer kleinen Ewigkeit endlich an der Reihe war, versuchte er sofort die vielleicht auf ihn lauernde moderne Kunst oder die ihn wahrscheinlich langweilenden antiken Säle zu umgehen.

„Scusi, dove trovare io Bellini?“

„Signora Bellini o Bellini, il artista?“

Georg war verwirrt. Auf Gegenfragen war sein Italienisch nicht eingerichtet. Mit den Händen machte er Bewegungen, die zusammengenommen die rechteckigen Umrisse eines Bilderrahmens darstellen sollten.

Der Mann an der Kasse schien ihn zu verstehen. „Allora, signora Bellini é cosi“, wozu er die Formen einer sehr weiblich gerundeten Mailänderin beschrieb, „questa tu non cerca, é vero?“

„Si, si“, nickte Georg.

„Da Bellini, il artista, abbiamo molte pitture.“

Was mochte dies nun bedeuten? Er war zunehmend ratlos. Hinter ihm nahm in der Schlange das Verständnis für zeitraubende seltsame Fragen ab. Murren wurde deutlich wahrnehmbar. Er wurde nervös. Ein letzter Versuch schnell an sein Ziel zu gelangen.

„Parla tedesco?“

„No, mi dispiace“

Ein allerletzter Versuch. „Parla inglese?“

„Si, un po'“

„Can you show me the way to the picture of Bellini?“

„Yes, signore, it is a bit difficult. Because we are having a lot of rooms under construction. You go up, turn right, go along the floor, at the Veronese you turn right again and then the third room to the left and you will stand just in front of one of the Bellinis.“

„Oh, there is more than one Bellini?“

„Si, I know two paintings from Bellini here. Maybe we have more. I don’t know. I’m just an old man here a la cassa. For this question you have to ask the direzione.“

„Ah, si. Grazie. Molto grazie, signore.“

Ein erleichtertes Seufzen ging durch die Schlange, als Georg endlich zur Seite trat. Um so unwilliger war das Murren, als er kurz vor dem Eingang ins Museum umdrehte und Anstalten machte, sich wieder an den Kassierer zu wenden.

„Scusi, un biglietto, prego. Per favore.“

Wortfetzen wie „Idiot“, „it’s ridicolous“, „what a fuckin‘ artsucker“ drangen bis nach vorne.

Die Frau, die gerade an der Reihe war, rettete Georg mit der Bemerkung „Allora, due bigletti per me“, vor übleren Beschimpfungen.

„Die ist für Sie“, wandte sie sich an Georg.

„Oh, danke, dass Sie mir aus der Patsche geholfen haben. Ich hätte mich sonst zwischen nochmaligem Anstellen und Tumult entscheiden müssen. Was hat die Karte gekostet?“

„9 Euro.“

Georg begann in seinem Portemonnaie zu kramen.

„Lassen Sie es gut sein. Sie laden mich nachher zum Kaffee ein und vorher zeigen Sie mir die Bilder von diesem Bellini. Müssen ja ganz besondere Kunstwerke sein.“

„Oh, ähm, danke, sicher. Also sicher lade ich Sie auf einen Kaffee ein. Gerne. Aber, ähm, was dieses Bild, also diese Bilder angeht, also ich weiß nicht, ob ich Ihnen da dienen kann.“

„Na, jetzt kein falsches Understatement. Sie sind bestimmt ein großer Kenner der frühen italienischen Renaissancemalerei.“

20. Espresso

Juli 25, 2010

Am nächsten Tag saß er bereits am späten Vormittag in dem Café an der Piazza Bra. Die nötigsten Einkäufe hatte er schnell erledigt. Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm, Deo. Eine grundsätzliche Entscheidung verlangte der Besuch der Herren-Unterwäsche-Abteilung. Sollte er sich eine Unterhose kaufen, ein Doppelpack oder gleich das preisgünstige Zehnerpack? Er ging etwas unschlüssig zwischen den Sonderangebotsständen auf und ab. Der Hilfe anbietenden Verkäuferin gegenüber versuchte er so zu tun, als ob er sich nicht zwischen den Materialien und Qualitäten entscheiden könnte. Um in naher Zukunft solche schwerwiegenden Entscheidungsprozesse zu umgehen, verließ er das Kaufhaus mit zwei Zehnerpaketen Unterhosen, ebenso vielen Paar Socken, zehn T-Shirts, einer Jeans, einem Hemd und einem kleinen Koffer.

Er gehörte ab jetzt zu dem Heer der Touristen in Verona. Sein Aufenthalt war nun nicht mehr ein vorübergehender. Ungeplant. Für ihn selbst nicht erklärbar. Georg versuchte sich – der Inhalt der Plastiktüten neben seinem Cafétisch drängte ihn dazu – seine nächsten Tage vorzustellen. Er würde herumreisen. Nach Venedig. Nach Padua. Nach Mailand. Nach Turin. Er würde sich die Kunstschätze Italiens ansehen. Er würde ans Meer fahren. Tagelang am Strand liegen. Er würde sich eine Vespa leihen und durch Umbrien und die Toskana trödeln. Im Chianti würde er länger verweilen. Die unterschiedlichsten Weine wollte er kennenlernen.

Am Nachbartisch saß eine Gruppe vertieft in die Diskussion, ob die Bilder eines Bellini in Museen in Venedig oder in Mailand von größerer Bedeutung wären für die Entwicklung eines anderen Malers. Auch der zweite Künstlername sagte Georg nichts. Aber Bellini hörte sich gut an für ihn. Seine Italienischkenntnisse waren immerhin so groß, dass er wusste, was eine Bella war. Damit waren auch seine Gedanken wieder bei der Frau in Trento, die nicht am Bahnsteig erschienen war. Ab und zu nahm er zwischen seinen Tagträumen Fetzen aus dem Gespräch vom benachbarten Tisch auf. Illusionäre Tiefenwirkung, Übersteigerung des Symbolgehaltes, fast schon expressiv zu nennende Farbkontraste und präraffaelitische, coloristische Interdependenz. Über was dort gesprochen wurde, blieb ihm verschlossen. Allein der Name des Malers war etwas, das ihn anzog. Georg beschloss, auch die Bilder dieses Bellini in seine Urlaubsplanungen zwischen Chianti und Vespa einzufügen.

Erst nach etwa einer Viertelstunde halb abwesenden Zuhörens bemerkte er, dass sich hinter einem Teil der ihm unverständlichen Bildbeschreibungen ein schönes Gesicht verbarg. Sofort setzte sich bei ihm die Tagtraummaschine in Gang. Er schätzte das Gesicht auf Ende zwanzig. Er wusste nicht, was ihm daran gefiel, nahm sich jedoch nach weiteren dreißig Minuten vor es anzusprechen. Fast im gleichen Moment brach die Gruppe auf.

Georg legte Münzen auf den Tisch, die für fünf Cappuccini ausreichen müssten und folgte ihr. Das Gesicht verwandelte sich plötzlich in lange braune Haare und einen magnetisch anziehenden Hintern. Die Gruppe lief mit eiligem Schritt durch Gassen, verweilte vor bestimmten Fassaden und machte an keiner Bar halt. Er hielt sich in größerem Abstand. Niemand schien sein Verfolgen zu bemerken. Er kam sich komisch vor, sich selbst beim Herumdrücken an Hausecken zu beobachten. Über was bei der Betrachtung von Häusern und Kirchen gesprochen wurde, konnte er nicht verstehen. Nach etwa drei Stunden verschwanden die langen Haare, die Pobacken und die restliche Gruppe in einem Hoteleingang. Georg schaute irritiert auf sein Spiegelbild in der Scheibe der Tür.