8. Espresso

April 7, 2010

„Ist hier noch Platz?“

„Ja sicher, die Plätze sind nur bis Brixen reserviert gewesen.“

„Puh. Prima. Ich musste die ganze Fahrt bisher im Raucherabteil sitzen. Selbst schuld. Hab‘ nich‘ reserviert.“

Georg schaute höflich, wie er es gelernt hatte und verbarg seinen Missmut. Er hatte sich schon gefreut, endlich etwas Ruhe zu finden. Zusammen mit einer fünfköpfigen redseligen Familie aus Westfalen im Abteil hatte er die letzten Stunden seit München verbracht. Eigentlich das, was er als zukünftiger Neuanfangswissenschaftler als ‚Fehlstart in seiner klassischen Ausprägung‘ bezeichnen würde. Keine Chance, auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, was er in diesem Abteil mache, wieso er sich eine Fahrkarte gekauft habe, wo er doch Auberginen erwerben wollte, wieso er in den Hauptbahnhof weitergelaufen sei, statt in den Laden des Türken hineinzugehen. Und nun schon wieder jemand in seinem Abteil, der, wenn er nicht energisch gegensteuern würde, ungebremst erzählen würde, warum man nicht hatte reservieren können, wie dick der Qualm bei den Rauchern gewesen sei und warum man selbst das Rauchen aufgehört hätte, was einem aus näher zu erläuternden Gründen nicht leicht gefallen wäre und weswegen man unbedingt auch aus diesem stickigem Abteil heraus musste.

Und so kam es dann auch. Während er noch darüber nachdachte, was an Erzählkaskaden auf ihn niederprasseln könnte, saß er schon mitten unter einem Wasserfall. Da war nichts mehr zu stoppen. Wahrscheinlich bis Verona nicht.

Georg versuchte sich zu konzentrieren. Im Hintergrund rauschten hastig aneinander gereihte Worte. Er nickte in unregelmäßigen Abständen zustimmend. „Es ist schon erstaunlich, wie wenig Aufwand es macht, Egozentriker glücklich zu machen“, ging es ihm durch den Kopf. Schwieriger war es da, mit den Gedanken bei sich zu landen und dann vielleicht auch noch zustimmend zu nicken. „Was mache ich hier? Ist diese einseitige Art der Unterhaltung mit einer nicht gerade umwerfend sympathischen Fremden besser als mein Lieblingsgericht, bei Kerzenschein kredenzt von Anna?“ Das unaufhörliche Rauschen war stärker. Es drängelte sich in sein Ohr, fand seinen Weg ins Gehirn, kreuzte seine Fragen und verhinderte – Gott sei Dank, wie ihm einfiel – die Suche nach Antworten. „Das Schöne an manchen Formen der alltäglichen Folter ist, dass sie ablenken.“ Georg genoss eine Weile diesen angenehmen Nebeneffekt und fläzte sich in den Sitz.

„Aber unerträglich ist es doch“, musste er zugeben, nachdem das monotone Rauschen seine Behaglichkeit wieder verloren hatte.