28. Espresso

Oktober 28, 2010

 

„Möchtest du mitkommen?“

Monika stutzte kurz. „Ja. Warum eigentlich nicht. Wenn du mir versprichst, mir nicht aus einem Stadionblättchen das Spiel zu erklären.“

„Keine Sorge. Da muss ich nichts vorlesen.“

„Das beruhigt mich halbwegs.“

„Also, ich besorge Karten. Sonntags spielen die hier in Italien immer. Bist du dann noch in Mailand?“

„Nein, aber ich komme wieder.“

„Du hast auch eine ziemlich lockere Reiseplanung. Überhaupt: was machst du hier in Mailand?“

„Ich bin beruflich drüben im Tessin zur Zeit und habe heute einen kleinen Ausflug gemacht. Wegen des Regens war bisher halt nur Museum drin. Von Mailand selbst hab‘ ich noch nichts mitgekriegt. Deshalb wäre es schön am Sonntag noch mal hierher zu kommen. Fußball wäre mal etwas anderes als das klassische Sightseeingprogramm.“

„Und unter welcher Maskierung, also als was arbeitest du im Tessin?“

„Mein Beruf nennt sich Marketing-Betriebswirtin. Das habe ich mal studiert und jetzt bin ich bei einem Süßwarenkonzern für die Schauräume zuständig.“ „Schauräume, aha. Was macht man mit Süßwaren in einem Schauraum?“

„Meine Firma hat ein kleines Schokoladenmuseum bei einer Tochterfirma in Lugano. Dort müssen wir einiges verändern und deswegen bin ich hier unten.“

„Schokoladenmuseumsbetriebswirtin, du musst zugeben auch eine skurile Maske.“

Sie musste lächeln. Georg war sich nicht sicher, ob es nach innen oder auf ihn gerichtet war. Wie auch immer, es gefiel ihm. Auch wie das Lächeln sich um die braunen Augen mit der Ernsthaftigkeit verband, mit der sie ihm antwortete: „Nein, das bin ich mittlerweile wirklich. Zu Hause haben wir ein großes richtiges Museum zur Kulturgeschichte der Schokolade, …“

„Nein, jetzt im Ernst?“

„… für das ich mit zuständig bin. Ja, da gehen jedes Jahr ein paar hunderttausend Leute rein.“

„Dort stellt ihr dann venezianische Schokolade der Frührenaissance aus?“

„Nein. Quatsch. Die wäre natürlich heute nicht einmal mehr als Krümel erhalten.“ Wieder diese seltene Mischung eines Lächelns, diesmal vor allem um die vollen Lippen. Schwer zu deuten, ob es seinen Versuch witzig zu erscheinen honorierte oder von dem Gedanken gespeist wurde, diese Idee wirklich einmal umzusetzen. „Leider wäre dies auch deshalb nicht möglich, da es in dieser Zeit noch gar keine Schokolade in Venedig gab. Nein, in unserem Museum sind andere Ausstellungsstücke, nicht so schön wie die Bellinis, aber dafür leichter zu verstehen.“

„Und als Museumsfrau interessierst du dich automatisch für Maler aus Venedig?“

„Na ja, eher am Rande. O.k.“, ihr Lächeln ging in ein leichtes Grinsen über, „wahrscheinlich habe ich mehr Ahnung als du, aber ich habe halt Marketing studiert. Kunst anschauen ist dann etwas für die Freizeit. Bei Regen in fremden Städten zum Beispiel.“

Georg musterte sie möglichst unauffällig. Kurze Jacke. Enge Jeans, die an einer, soweit er das erkennen konnte, schlanken Taille endeten. Sie sah nicht so aus, wie er sich eine Frau vorstellte, die tagtäglich mit Schokolade zu tun hatte.

„Wieso trinkst du Caffelatte statt heiße Schokolade? Erlaubt dein Arbeitgeber das?“

„Weil ich heute nicht im Dienst bin, nehme ich mir diese vom Arbeitsrecht gedeckte Freiheit“, antwortete sie lächelnd, diesmal wieder stärker um die Augen, und mit gespielter betont förmlicher Stimme.

„Und wo bist du außer im Tessin im Dienst? Wo steht dieses große Schokomuseum?“

„Du willst wissen, wo ich wohne?“ Sie machte eine kleine Pause, in der sie Georg offen ins Gesicht blickte. Er meinte, den Anflug der vorhin erlebten Lächel-Melange wiederzuerkennen. „In Köln. Da ist der Hauptsitz meines Unternehmens.“

„Wie lange bist du noch hier?“

„Schwer zu schätzen. Jedenfalls mindestens übers Wochenende. Also kannst du mir dieses Stadion deiner Jugendträume zeigen“, und nach kurzem Überlegen, „seltsam, ich war noch nie bei einem Fußballspiel.“

„Ich kann dir alles Wichtige erklären. Versprochen. Selbst wenn der sündhaft teure Mailänder Neueinkauf Bellini heißen würde. Wie treffen wir uns?“

„Gibt es einen Blumenstand vor dem Stadion? Wahrscheinlich nicht.“

„Nein eher selten. Ohne aufdringlich sein zu wollen, du hast bestimmt eine Handynummer. Ich würde dich anrufen und dich abholen. Am Blumenstand am Bahnhof zum Beispiel.“

Monika überlegte kurz, schaute Georg knapp in die Augen. „Also gut. Ruf mich an, wenn du weißt, wann das Spiel ist.“ Sie gab ihm ihre Karte. „Haben Lektoren oder fast ehemalige Lektoren auch Handys?“

„Ja sicher.“ Er fing an, sein Portemonnaie heraus zu kramen, in dem er noch eine Verlagskarte vermutete. Der Kellner nahm dies als Zeichen und kam mit der Rechnung. Georg verhedderte sich mit der Suche nach seiner Karte und dem Bezahlen der Rechnung, gab aus Versehen viel zu viel Trinkgeld, was recht protzerhaft wirkte, wollte aber den Kellner nicht mehr zurückholen um wenigstens halbwegs den Auftritt über die Runden zu bringen, ohne den gegenteiligen Eindruck zu hinterlassen.

Er gab ihr die Karte. Beide standen auf. Ihr Parfum erinnerte ihn an etwas. Er vermochte sich jedoch nicht klar darüber zu werden. Irgend etwas aus einem Urlaub.

„Bis Sonntag dann also.“

Ihr Lächeln zeigte Vorfreude, während ihre ihn fixierenden Augen Unsicherheit verrieten. „Ja, bis Sonntag dann. Ciao.“

„Ciao.“ Georg sah ihr nach. Nichts an ihr ließ Rückschlüsse auf überhöhten Schokoladenkonsum zu. „Für leitende Angestellte gibt’s bestimmt eine kalorienvernichtende Variante.“

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25. Espresso

September 5, 2010

„Nicht wirklich. Eigentlich …“

„Jetzt tun Sie nicht so zurückhaltend. Sie werden ja schon wissen, warum Sie unbedingt die Bellinis sehen wollten.“

„Also im Grunde nicht. Ich habe nur woanders davon gehört. Dass heißt, dass sie bedeutend sein sollen. Deshalb bin ich nach Mailand gefahren.“

„Im Radio, im Fernsehen oder auf einer Kunsthistorikertagung gehört?“

„Nein, an einem Nachbartisch in einem Café in Verona.“

„Und dann reisen Sie nach Mailand, weil zwischen Cappuccino und Gelato jemand über schöne Bilder geredet hat.“

„Letzten Endes ja.“

„Nicht gerade üblich so eine Urlaubsplanung. Ich weiß nicht ob ich Ihnen das glauben soll.“ Sie musterte ihn von oben bis unten. „Sie sehen, wenn ich ehrlich sein darf, nicht so aus wie ein Mann, der sich ziellos dem Müßiggang widmet.“

„Tja, dass kann sein. Also, dass ich nicht so ausschaue.“

„Wie auch immer. Egal, ob Sie Kunstkenner oder Müßiggänger sind, suchen wir die Bellinis und dann können Sie ja beim Kaffeetrinken brillieren. Wenn ich Ihnen glauben soll, ist das ja eher Ihre Welt als das Innere von Museen. Aber eigentlich kaufe ich Ihnen Ihre Zurückhaltung nicht ab. Wahrscheinlich werden Sie mich gleich vor den Bildern mit Fachbegriffen erschlagen, und“ mit einem verschmitzten Lächeln, „können anschließend noch nicht einmal einen Cappuccino von einem Caffelatte unterscheiden.“

Georg fiel nichts Geistreiches darauf ein. Noch nicht einmal etwas Dummes. Wahrscheinlich sah er immer noch wie ein akribischer Lektor aus, dem man zutrauen konnte, dass er nach der Arbeit noch riesige Wälzer über die Kunst der Renaissance durchblättern würde. Gleich wieviel müßiges Nichtstun er in den letzten zwei Wochen vollbracht hatte, man sah es ihm nicht an. Georg stutzte darüber, dass von außen keiner wahrnahm, dass er im Innern nicht mehr der war, der damals aus dem Büro in den Feierabend gegangen war.

Die Frau, die all diese Gedanken in ihm ausgelöst hatte, befreite ihn auch wieder davon. „Ich heiße Monika Lyskirchen. Wenn Sie sich im Museum noch als heimlicher Spezialist für die schönen Künste entpuppen also Frau Lyskirchen, wenn Sie doch mehr von Kaffee verstehen, einfach Monika.“

Georgs Verunsicherung wurde immer größer. Trotzdem nahm er noch einmal einen Anlauf lässig zu erscheinen.

„Georg Haag, mein Name. Und weil ich weiß, dass ich nichts weiß, können wir gleich zu den Vornamen übergehen.“

„Das hat Sie jetzt endgültig verraten. Wer Philosophen zitiert, hat in der Regel keine Ahnung von den feinen Unterschieden in italienischen Bars. Also doch Frau Lyskirchen für Sie.“

Georg merkte, dass er mit dem Spruch von Sokrates endgültig keine Chance mehr hatte, als der zu erscheinen, als der er sich in den letzten Tagen gefiel.

„O.k., taktischer Fehler, um beim ‚Du‘ bleiben zu dürfen. Los, bringen wir die Bellinis hinter uns. Ich werde versuchen, Sie so stark zu enttäuschen, dass Sie mich dann doch Georg nennen.“

„Ich bin gespannt auf die Enttäuschungen, die Sie mir zu bieten haben.“