Die ersten 30 Kapitel

November 23, 2010

Zum leichteren Nachlesen die ersten 30 kurzen Kapitel als PDF zum Download: 1. – 30. Espresso

27. Espresso

Oktober 14, 2010

„Was möchten Sie trinken?“

„O.k., du kannst mich duzen. Ich glaub‘ dir, dass du nur schwer einen Bellini von einem van Gogh unterscheiden kannst …“

So schlimm war es nun auch nicht, dachte Georg, aber über die Hintergründe seines van-Gogh-Wissens wollte er jetzt lieber nicht reden.

„… aber was für ein Spezialist bist du dann?“

Georg schaute fragend.

„Was du beruflich machst?“

„Ich bin, ich habe“, er geriet erst ins Grübeln, dann endgültig ins Stocken, „hatte eher mit Büchern zu tun.“

„Bücher, aha. Kunstbücher weniger. Was für Bücher? Romane, Kochbücher, Comics oder Fußballer-Memoiren?“

In Georgs Grinsen mischte sich leichte Enttäuschung. „Nein, leider nicht, nur Romane. Deutsche Autoren vornehmlich. Also ich bin Lektor in einem Verlag.“

„Du bist oder du warst?“

„Gute Frage, nächste. “

„Na gut. Wo kommst du her?“

„Aus München. Ich habe bei einem Verlag in München gearbeitet. Dort bin ich auch noch beschäftigt. Noch ungefähr drei Tage.“

„Du hast gekündigt?“

„Nein, noch nicht. Also ich muss es noch tun. Ich habe noch drei Tage Rest an Urlaub. Dann muss ich entweder wieder an meinem Schreibtisch auftauchen oder ich provoziere die Kündigung.“

„Und du magst nicht mehr?“

„Nicht mögen wäre übertrieben. Ich weiß nur nicht, was ich da soll.“

„Lektor klingt doch nicht schlecht.“

„Ja, klingen tut es nicht schlecht“, wiederholte Georg.

„O.k., war blöd daher gesagt. Was machst du jetzt hier in Italien, also wenn du nicht gerade Bilder suchst, von denen du beim Cappuccino an Nachbartischen gehört hast?“

„Eigentlich nichts Bestimmtes.“ Er dachte nach. „In erster Linie bin ich nicht in München.“

„Das ist ja ein tagesfüllendes Reiseprogramm. Wie lange bist du so schon unterwegs?“

„Zwei Wochen, oder ein wenig mehr. Ich habe natürlich schon was gemacht. Sachen angesehen, Kaffee getrunken und so das Übliche in Italien. Nichts Besonderes.“

„Ja, nehme ich dir sofort ab. Ein Bild eines bedeutenden Malers der venezianischen Frührenaissance aufzusuchen, von dem man nicht das Geringste weiß, ist für dich so das Alltägliche. Du musst ansonsten ein ziemlich spannendes Leben führen, wenn das so das Übliche ist. Was hast du sonst noch Langweiliges vor in Mailand?“

Der unruhig auf ihn gerichtete Blick brachte seine Gedanken durcheinander. Ihre dunklen Augen verrieten Neugierde, was ihn gleichermaßen verunsicherte als auch ermunterte, das Bild des Kunstkenners Haag in seinem Gegenüber durch ein ihm ähnlicheres zu ersetzen.

„Ich würde gerne ins San Siro Stadion, mir ein Spiel von Inter oder notfalls auch vom AC Mailand anschauen. Wenn ich Karten kriege.“

„Hast du sicher in einem Café aufgeschnappt, dass die besonders tollen Fußball spielen, oder?“

„Nein. Natürlich nicht. Von italienischem Fußball verstehe ich mehr als von italienischer Malerei.“

„Das ist ja schon mal was. Aber das übliche touristische Italienprogramm ist das auch wieder nicht. Musst du zugeben.“

„Auch richtig. Jedenfalls wollte ich da als kleiner Junge schon ein Spiel sehen. Das heißt, als kleiner Junge wollte ich da eigentlich spielen. Aber die Talente reichten nur für Germanistik an der Uni, nicht für eine Karriere auf dem Rasen. Wie auch immer, jetzt würde ich gerne mal in dieses Stadion. Kenne ich nur vom Fernsehen.“

„Klingt so, als wenn du wirklich mehr davon verstehen würdest als von Malerei.“

26. Espresso

September 25, 2010

Georg ging voraus, verlief sich kurz, eine Aufsichtsperson wies ihm den Weg. Endlich im richtigen Saal angekommen vergewisserte er sich auf dem kleinen Schild, ob es sich wirklich um ein Bild von Bellini handelte. Eine Madonna mit dem Jesuskind war dargestellt vor einer Landschaft wie aus einem Urlaubsprospekt.

„Schön, finden Sie nicht auch?“

„Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt?“

„Na gut: Wunderschön.“

„Ich gebe Ihnen ja recht. Aber das kaufe ich Ihnen jetzt einfach nicht ab, dass Sie von Verona hierher kommen, nur um ‚wunderschön‘ zu sagen.“

„Ich wollte es ja auch nicht sagen. Eigentlich wollte ich es nur anschauen.“

„Sie geben sich ganz schöne Mühe mit Ihrer Maskierung. Jetzt ziehen Sie mit den anderen beiden Bellinis wahrscheinlich auch die Nummer ab, dass Sie sich erst auf dem Schild vergewissern müssen, dass es sich wirklich um Bellini handelt.“

„Das sind auch Bellinis?“

Georg erspähte einen Kasten mit Blättern, die Bilderläuterungen enthielten. „Sogar auf deutsch. Passen Sie auf! Ich lese Ihnen jetzt die Bildbeschreibung vor. Sie können also den Worten des Kunstkenners Haag lauschen. Dann sagen wir noch zweimal ’schön‘, oder wenn Sie darauf bestehen ‚wunderschön‘, und gehen dann endlich zu meiner Kaffeekennermaskierung weiter.“

Georg begann zu lesen. „Die Tafel der Pietà, die der Venezianer Giovanni Bellini um 1470 fur eine humanistisch gebildeten Sammler malte, ist ein Schlusselwerk die venezianischen Fruhrenaissance. Sie vollzieht den Schritt von der religiosen Funktionen das Andachtsbildes zur Funktion das asthetischen Sammlerbildes. Einerseits fuhrt sie die Tradition das Ikone weiter, andererseits fuhrt sie die theoretischen Forderungen des Florentiners Alberti an die dramatische Bildererzählung eigenwillig um. Damit begrundet die Tafel den eigenen Weg das venezianische Malerei in der Renaissance.“

„Ja, ist klar.“

„Hm, mir jetzt auch.“

„Trotzdem ein schönes Bild.“

„Ja, find‘ ich auch.“

„Aber die Bellinis in Venedig sind noch besser.“

„Ah, ja? Da drüben ist auch noch eins von Bellini.“

Zum Nachlesen die ersten zwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr: 1. – 20. Espresso

18. Espresso

Juli 4, 2010

Mit halber Aufmerksamkeit betrachtete Georg das Leben vor der Arena. Der Stuhl, den er vor dem Café seit vier Stunden besetzte, gab ihm die Möglichkeit, das Treiben aus der ersten Reihe betrachten zu können. Der Platz füllte sich seit Stunden mit Menschen, die noch eine Karte für die Opernaufführung ergattern wollten. Es traten Menschen auf Georgs Bühne, die während der Stunden vor dem Konzert das Flair der Piazza genießen wollten. Das, was der Reiseführer ihnen versprochen hatte. Junge Leute aus der Stadt mischten sich, je später es wurde, in immer größer werdenden Gruppen unter die Touristen, die den Platz am späten Nachmittag noch in ihrer Hand wähnten.

Georg hatte in diesen vier Stunden mehrere Stücke auf seiner Bühne erlebt. Zwei Aufführungen davon ähnelten sich sehr und handelten von einem erfolgreichen Taschendiebstahl. Auch bemerkte er, dass in beiden Darbietungen die Hauptrolle von dem gleichen Darsteller gespielt wurde. Georg erlebte die Ehedramen, die sich abspielten, wenn es für die ersehnte Opernaufführung in der Arena keine Karten oder nur welche niederen Ranges zu erwerben gab. „Ich habe dir schon zu Hause gesagt, du sollst dich besser in Deutschland drum kümmern. Aber immer denkst du nur an andere Dinge. Nie an mich!“ Und nachdem sich der Besitzer einer Karte der preiswerteren Ränge mit dem Vorzeigen des Billets zu verteidigen suchte. „Soviel bin ich dir also wert.“ Auch dieses Stück erlebte auf der Bühne vor der Arena mehrere Aufführungen, wobei die Dialoge manchmal variierten, niemals aber die Gesten.

Zu Wiederholungen auf dem Spielplan kam es auch bei einem Stück für verschieden große Ensembles. Der Protagonist erschien auf der Bühne, schoss ein Photo von der Arena. Er blätterte in seinem Reiseführer, peilte sein nächstes Ziel an. Währenddessen kam eine Gruppe aus der Tiefe der Bühne, bestehend aus einer Frau und mehreren quengelnden Kindern, die um die Gnade baten, eine Pause machen zu dürfen. Die meisten Aufführungen endeten mit der unerbittlichen Stimme des Hauptdarstellers, dessen Herz sich nicht erweichen ließ. Worauf die gesamte Gruppe eiligen Schrittes wieder von der Piazza verschwand. Lediglich eine Aufführung dieses Stückes endete mit dem Satz „Wenn du mir diese Freude auch noch nehmen willst, dann sind wir geschiedene Leute!“, worauf sich der Protagonist von der Gruppe entfernte.

Georg genoß diese Schauspiele und bestellte mittlerweile seinen sechsten Cappuccino. Er wunderte sich selbst über seine stille Freude über die Dramen, die sich vor ihm abspielten. Sein Handy hatte er im Hotel gelassen. Es konnte ihn nicht mehr dabei stören, sich von seiner eigenen Bühne stückweise zu entfernen. Im Verlag hatte er nicht angerufen. Er verspürte kein Interesse etwas erklären zu müssen, das ihm selbst unerklärlich war, ihm selbst aber bereits als überraschendes Erlebnis vertrauter wurde. Sollte er Anna nochmals anrufen? Auch sie würde Gründe wissen wollen. Ihm wurde die Suche danach zunehmend gleichgültiger.