17. Espresso

Juni 20, 2010

 

„Du willst mir also erzählen, es gäbe keinen Grund, abends nicht vom Einkauf nach Hause zu kommen, einen Teil des Gemüses für unser Essen nicht mitzubringen, sich die ganze Nacht nicht zu melden und mittags dann aus Verona anzurufen?“

„Ja, es gibt keinen Grund.“

„Hältst du mich für völlig bescheuert?“ Anna stand kurz vor einer Explosion und Georg wollte dem gegensteuern. Aber es gab weit und breit nichts zur Vermeidung einer Detonation zu erkennen.

„Nein, ich halte dich nicht für bescheuert und es gibt keinen richtigen Grund dafür, dass ich jetzt in Verona bin.“

„O.k., halten wir mal fest, was du mir erzählst: erstens, du bist in Italien, zweitens, du hast keinen Grund dort zu sein und drittens, ich soll nicht bescheuert sein, wenn ich dir das abkaufe. Oder?“

„Ja, alle drei Punkte richtig. Ich weiß nicht, warum ich hierhin gefahren bin. Ich weiß nicht, warum ich überhaupt weggefahren bin. Ich weiß nur, dass ich losgefahren bin, dann weitergefahren bin und jetzt hier in einem Hotel in Verona bin.“

„Wieso ‚weitergefahren bin‘?“ Anna war zunehmend irritiert.

„Zuerst war ich in Trento.“

„Was, bitte schön, hast du in Trento gemacht?“

„Nichts eigentlich.“

„Wie bitte? ‚Nichts‘?“

„Doch, Espresso habe ich getrunken. Sogar zweimal.“ Georg gingen die Blicke der Frau in der Bar durch den Sinn, konnte sich aber gerade noch soweit konzentrieren, dass er nur die koffeinhaltigen Erlebnisse über das Handy weitergab.

„Espressi hast du getrunken?“

„Ja.“

„Und, wo wir gerade so auskunftsfreudig sind, wie hat er geschmeckt? Welche Marke? Wieviel Löffel Zucker? Ist die Crema nicht beim Einrühren in sich zusammengefallen wie in Deutschland? Ist es die Crema, die dich nach Italien getrieben hat. Ist es die Crema, die Deutschland, die ich dir nicht bieten kann?“

Georg hütete sich, darauf direkt zu antworten. „Eigentlich eine gute Erklärung. Ist ausbaufähig. Auch für die Geschichte, die ich dem Verlag erzählen muss. Peter würde sie mir sofort abkaufen und mich für meine Geradlinigkeit in Details der Lebensführung bewundern“, dachte er sich.

„Krieg‘ ich da jetzt noch mal eine Antwort?“

„Ja, sicher. Hmm, das heißt, es gibt eigentlich keine Antwort. Es gibt keinen Grund. Ich weiß es einfach nicht und es wäre Unfug, dir jetzt irgendeine überzeugende Geschichte vor die Füße zu legen, nur damit du aufhörst Fragen zu stellen, auf die ich keine Antwort habe. Die Crema jedenfalls ist in Italien auch nicht besser oder schlechter.“

„Wir reden von Kaffee oder von Frauen?“ Anna schien in Form zu kommen, sauer und ironisch in perfekter Mischung.

„Von kleinen Tassen Kaffee“, sagte Georg obwohl er sich in Gedanken ausmalte, was passiert wäre, wenn er in Trento nicht nur Blicke erwidert hätte.

„Also, das ist mir jetzt zu blöd. Außerdem habe ich einen Termin. Und Leute, die nicht Georg heißen, halten wahrscheinlich sogar Verabredungen ein und erwarten ebenso, dass auch ich komme. So etwas scheint dir zwar seit gestern befremdlich vorzukommen, aber solche Menschen soll es geben.“

Auf dem Display erschien die Dauer des Gespräches.

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