Zum Nachlesen die ersten zwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr: 1. – 20. Espresso

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10. Espresso

April 17, 2010

Vor dem Bahnhof arbeiteten die Angestellten der Stadt immer noch an der Politur der Altstadt.

„In fünf Minuten würde in München der Wecker klingeln. Ein kurzer Kuss. Espressokanne mit Wasser füllen. Bohnen mahlen. Pulver schlaftrunken halb in das Sieb der Kanne löffeln, halb auf dem Tisch verteilen. Kanne zuschrauben. Herd anstellen. Ins Bad wanken. Zähne putzen. Rasieren. Im Radio das Neueste aus der Welt. Unter der Dusche kriege ich davon dann endlich nichts mehr mit. Dafür bin ich anschließend wach. Auch nicht besser. Und nun stehe ich im Morgengrauen in Italien. Trento wird für mich oder für jemand anderen geputzt. Koffein im Körper. Kleingeld in der Jackentasche. In München würde ich in spätestens 50 Minuten wieder auf den Stapel Manuskripte treffen. Mich zusammenreißen. Trotzdem auf Zeilen wie die von gestern treffen.“

Bevor er dazu kam, sich die Zeile in Erinnerung zu rufen, kam Bewegung in seine Hose. Es fühlte sich befremdlich an. Aber auch bekannt. Einen kurzen Moment war er völlig irritiert. Zwei Menschentrauben auf zwei Busbahnsteigen vor dem Bahnhof warteten gelangweilt und schauten umher, auf der Suche nach etwas, das im Büro Gesprächsstoff bieten würde.

Der Vibrationsalarm des Handys in seiner Hosentasche war in dieser ungewohnten Umgebung für Georg nicht einfach zu identifizieren. Die Empfindungen erinnerten ihn an kühne geheime Erwartungen. Einen kurzen Moment lang sah er sich selbst im Mittelpunkt einer überraschenden Affäre. Und dann auch noch auf der Piazza Dante. Eine Affäre wie ein Inferno. Vielleicht war das der Grund, warum er sich überhaupt in den Zug gesetzt hatte.

Auf dem Display war die eigene Nummer in München. „Anna! Was ist, wenn ich rangehe? Was soll ich sagen?“ Georg war klar, dass er nichts zu sagen hatte. „Warum habe ich das Handy überhaupt angelassen? Warum ruft Anna erst jetzt an?“ Schon vor einem halben Tag sollte er zum Abendessen zu Hause sein. „Was hat Anna eigentlich in der Zeit gemacht, wenn sie mich nicht angerufen hat?“ Die Vibration fand ein abruptes Ende.

Georg stellte das Gerät aus. Piazza Dante also. Wo soll ein Lektor schon landen, wenn er abends einfach ohne nachzudenken einen Zug aus der Stadt nimmt? „Trento, da war etwas. In irgendeinem Buch. Oder war es in einem der nie veröffentlichten Manuskripte auf dem Schreibtisch? Irgend jemand hatte etwas über Trient geschrieben. Ein Dom? Eine Burg? Ein Brunnen? Die Atmosphäre? Eine leidenschaftliche Liebe? Es bleibt soviel hängen nach tausenden von Seiten und doch ist nichts erinnerbar. Nur Fetzen bleiben übrig.“