6. Espresso

März 25, 2010

Georg unternahm erneut einen Versuch in dem Manuskript Verwertbares zu finden. Das Telefon klingelte.

 „Bringst du auf dem Heimweg bitte noch ein Kilo Auberginen mit.“ Annas Stimme klang zärtlich und bestimmend wie immer.

„Ja, sicher. Noch ‚was vom Türken?“

„Nein. Sonst hab‘ ich schon alles. Du wirst dich freuen. Ich mach‘ eins deiner Lieblingsgerichte. Also, mach‘ heut‘ nicht so lange im Verlag. Bis gleich, Schatz.“

Georg hörte noch einen Schmatzer, bevor das Knacken in der Leitung anzeigte, dass Anna sich wieder um die abendliche Nahrungsmittelaufnahme in trauter Zweisamkeit kümmern würde. „Soweit also das Thema neuer Anfang“, ging es ihm durch den Kopf.

Zwei Stunden saß er noch an seinem Schreibtisch. Dachte an nichts. Das Manuskript diente nur noch als Unterlage für die Ellbogen. Er blickte auf die ungeordneten Regale, voll mit Büchern aus dem Verlag, mit Ordnern, mit Briefverkehr mit den Autoren, mit nie Gelesenem von der letzten Messe, mit Büchern, deren Einbände wie in den Möbelhäusern auch leer sein könnten. „Vielleicht sind sie das sogar?“, fragte er sich. Auf seinem Tisch sah er wieder den Espresso-Fleck auf der Einladung. „Darauf läuft es am Ende wieder hinaus. Ein Espresso am Schluss eines vorzüglichen Mahles. Und vielleicht noch einen Quickie als Finale, solange das Koffein noch wirkt. Mit vollen Bäuchen ist eh nicht viel mehr drin.“ Der Dire-Straits-Song ‚Expresso Love‘ kam ihm ins Ohr. Berührte ihn unangenehm. Er liebte dieses Stück. Und er dankte der Zivilisation für die Erfindung der Repeat-Taste. Dieses Lied konnte er endlos hören. Und das machte er auch oft genug. Schon seit unzähligen Jahren. Aber mit dem Beat dieses Stückes verband er schon immer etwas anderes als das, was sich für heute wieder am Horizont des Abends abzeichnete. Die Heftigkeit des treibenden Basses und das verzierende Spiel der Gitarre waren das völlige Gegenteil von dem, was sich nach sieben Jahren mit Anna auf oder neben der Matratze noch abspielte. Und unter der Bettdecke war auch längst kein Liebestunnel mehr. Selbst während der Espresso noch die Blutbahnen durchlief.

Advertisements