35. Espresso

Februar 7, 2011

Seltsam unerwartet für Georg war diese Wendung am Ende des Gespräches. Die lärmende Schulklasse kam ihm nun entgegen und holte ihn zurück in den Park am Castello. Warum hatten sie sich ihrer Liebe versichert, wenn bei beiden keine großen Gefühle mehr da waren. Georg war durcheinander. War es Vertrautheit? War es vielleicht doch mehr, was sie zusammenhielt, als der Komfort einer eingespielten Gemeinschaft. Oder war es die Angst, den letzten Schritt zu machen. War es ein Neuanfang in ihrer Beziehung? Ein neues Feld tat sich für seine Tätigkeit als Neuanfangswissenschaftler auf. Wieviele Neuanfänge geschehen fast unbemerkt. Etwas ändert sich vollkommen im Innern, aber der äußere Rahmen bleibt bestehen.

Man müßte eine Liste von Zeichen entwickeln, an denen man ablesen könnte, dass es sich untrüglich um einen Neuanfang handelt, obwohl niemand ihn bemerkt. Damit wäre er in diesem Forschungszweig auf Jahre unerreichbar. Er sah bereits das Cover der dazu passenden Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse vor sich: ‚Das Neue im Alten‘. Ein schöner offener Titel. Auch hervorragend für Vorträge zu jeglichen Anlässen geeignet. Er müsste versuchen herauszufinden, warum manche Menschen es nicht bemerken, dass sie ganz von vorne anfangen. Warum sie denken ‚Tja, ich mach‘ mal weiter‘, während sie es nun völlig neu angehen.

Nun gut, er würde die Neuanfangswissenschaft damit in die Nähe der obskuren philosophischen Wissenschaften führen. Georg war sich jedoch sicher, dass sich schon ein paar mathematische Formeln entwerfen ließen, die niemand verstehen würde, die aber den Status eines fundierten Universitätsfaches sicherten. „Summe der beibehaltenen Faktoren dividiert durch die Differenz von Änderungen und Beibehaltenem multipliziert mit dem Lebensalter abzüglich der Wurzel aus durchschnittlicher Lebenserwartung multipliziert mit dem Produkt aus p und der Anzahl von an der Situation beteiligten Daumen sowie der Differenz aus bisher erfolglosen und erfolgreichen Neuanfängen beim Untersuchungsobjekt. So ähnlich könnte das funktionieren“, dachte er sich.

Andere Felder ergäben sich aus der Suche nach typischen Neuanfängern und notorischen Neuanfangsverweigerern. Aus letzteren müßte er dann die Gruppe der unbewußten Neuanfänger separieren. Wenn er die dazu notwendigen Indikatoren bestimmt hätte, könnte er sich dann selbst die Frage beantworten, zu welcher Gruppe er und Anna nun gehören würden. Ihm wurde klar, dass diese Forschungsaufgabe nicht so nebenher zu erledigen wäre. Ohne ein Heer an Assistenten, die ihm zuarbeiten würden, wäre eine derartige Fragestellung nicht einmal in Frage zu stellen.

Sofort stellte sich eine andere Frage seinen Gedanken in den Weg: „Musste das mit dem ‚Ich hab‘ dich lieb – Ich dich auch‘-Gesäusel wirklich sein?“

Erleichtert stellte er fest, dass auch hier die Wissenschaft von den Neuanfängen in Zukunft Erklärungen anbieten würde. „Vielleicht gehört das einfach zu dem Versuch neu anzufangen, ohne deutlich zu machen, das etwas geändert werden soll? Wer weiß. Hier wird man eine ausreichend große Menge an standardisierten Interviews führen müssen.“ Georg sah zum Himmel. Es gab keinen Sonnenuntergang, keinen Sonnenaufgang. Hier müßte er, für den Fall, das tatsächlich gerade ein Neuanfang stattgefunden hätte, bei Haag eine Null in die Liste eintragen. „Vielleicht ist das mit den leuchtenden Farben am Himmel auch nur eine Neuanfangsform im Film und in mäßigen Manuskripten? Vielleicht fehlt hier tatsächlich jeglicher Bezug zur Realität?“

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