43. Espresso

April 27, 2011

 

Como lag schon hinter ihm. Nur noch eine Stunde bis Lugano. Georg war zufrieden mit sich und dem, was er von der Welt sah. Der Zug fuhr durch das Alpenvorland. Diese Landschaft war seine Heimat. In Bayern, wo er aufgewachsen war, sah es ähnlich aus, zumindest schien es ihm so, wenn auch nicht ganz so mediterran. Staffelsee, Walchensee und Eibsee. Vom Wasser aus immer der Ausblick auf die Berge. Die Berge, die er als kleines Kind nie mochte. Sein Vater drängte ihn und seine Mutter zu ausgiebigen Wandertouren. Die Gipfel waren ständig eine Nummer zu groß für Georg. Stärker zog es ihn auf den Fußballplatz. Doch sein Vater sah seine Mission darin, ihm die bayerische Bergwelt zu erschließen. Die gesamte.

Die Berge, die im Grunde erst seit zweieinhalb Jahrhunderten als etwas Schönes angesehen wurden. Hatte er im Germanistikstudium mal zu seiner Überraschung aufgeschnappt, als das Thema auf Albrecht von Haller und sein Gedicht ‚Die Alpen‘ kam. Überraschend, weil sein Vater ihm als Junge immer vermittelt hatte, es wäre ein dem menschlichen Dasein inne wohnender Drang, auf Gipfel zu klettern. Kurz danach hörte er Ähnliches, als es in Anglistik um ‚The Alps‘ von George Keate ging. Vor dieser Zeit sollen sich Menschen und Bergmassive eher feindlich gegenüber gestanden haben. So ähnlich wie an den Wochenenden Georg und sein Vater. Die Welt der Gipfel als unerfreuliche Schranke. Niemand hatte vorher ernsthaft die Idee, deren Anblick zu genießen. Auch Georg kam als Junge nicht auf solche Gedanken.

Eigentlich war er nie weg gewesen aus Oberbayern. Jugend in Murnau, Zivildienst bei der Bergwacht in Garmisch, Studium in München. Wenigstens ein Praktikum in London und eins in Augsburg. Zu Urlaubsreisen trieb ihn meist Anna an. Vor allem zu Wanderungen im Hochgebirge. Im Wallis, in den Dolomiten und in Tirol. Mit ihr hatte er sogar Freude an den Bergen bekommen. Mal raus aus dem städtischen Einerlei. Einmal hatte sie ihn sogar bis zum Himalaya überredet. Ins Langtang-Hochtal auf 4000 Metern. Anna war glücklich, aber er machte schlapp. Höhenkrankheit. Jetzt war er auf der anderen Seite der Berge, die er von Murnau aus sehen konnte. Auf der italienischen.

Nun, da er sich auch offiziell dem süßen Nichtstun zugewandt hatte, fühlte er sich leichter. Er spürte es als Belebung seines Aufenthaltes im Süden jetzt nicht mehr Urlauber zu sein, sondern ein Reisender. Dessen Lust an einem Urlaubsland nicht von vornherein begrenzt war. Mit dem Fax an den Verlag kaufte er sich Zeit.

Der Unterschied zwischen dem lombardischen Italien und der italienischen Schweiz fiel nur wenig ins Auge. Alles war ein wenig sauberer. Die Espressoschilder an den Bars verhießen weiterhin eine Grundversorgung mit italienischem Lebensgefühl. Eine Verabredung mit Monika mit nordeuropäischem Filterkaffee oder gar Tee konnte er sich nicht vorstellen. Georg wurde nervöser, je näher der Zug Lugano kam. „Wie wird sie sein in ihrem Alltag? Leuchten Ihre Augen noch, wenn nur ich in Ausflugsstimmung bin.“ Er traf eine Entscheidung: „Wenn sie von der Arbeit kommt und mir auch ihr Alltagsgesicht gefällt, werde ich es Anna erzählen müssen. Was immer es dann zu erzählen gibt.“ Zum Glück hatte sie in den letzten zwei Tagen nicht angerufen. Er müsste das Handy ausstellen, sobald er auf dem Bahnsteig Monika erblickt.

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27. Espresso

Oktober 14, 2010

„Was möchten Sie trinken?“

„O.k., du kannst mich duzen. Ich glaub‘ dir, dass du nur schwer einen Bellini von einem van Gogh unterscheiden kannst …“

So schlimm war es nun auch nicht, dachte Georg, aber über die Hintergründe seines van-Gogh-Wissens wollte er jetzt lieber nicht reden.

„… aber was für ein Spezialist bist du dann?“

Georg schaute fragend.

„Was du beruflich machst?“

„Ich bin, ich habe“, er geriet erst ins Grübeln, dann endgültig ins Stocken, „hatte eher mit Büchern zu tun.“

„Bücher, aha. Kunstbücher weniger. Was für Bücher? Romane, Kochbücher, Comics oder Fußballer-Memoiren?“

In Georgs Grinsen mischte sich leichte Enttäuschung. „Nein, leider nicht, nur Romane. Deutsche Autoren vornehmlich. Also ich bin Lektor in einem Verlag.“

„Du bist oder du warst?“

„Gute Frage, nächste. “

„Na gut. Wo kommst du her?“

„Aus München. Ich habe bei einem Verlag in München gearbeitet. Dort bin ich auch noch beschäftigt. Noch ungefähr drei Tage.“

„Du hast gekündigt?“

„Nein, noch nicht. Also ich muss es noch tun. Ich habe noch drei Tage Rest an Urlaub. Dann muss ich entweder wieder an meinem Schreibtisch auftauchen oder ich provoziere die Kündigung.“

„Und du magst nicht mehr?“

„Nicht mögen wäre übertrieben. Ich weiß nur nicht, was ich da soll.“

„Lektor klingt doch nicht schlecht.“

„Ja, klingen tut es nicht schlecht“, wiederholte Georg.

„O.k., war blöd daher gesagt. Was machst du jetzt hier in Italien, also wenn du nicht gerade Bilder suchst, von denen du beim Cappuccino an Nachbartischen gehört hast?“

„Eigentlich nichts Bestimmtes.“ Er dachte nach. „In erster Linie bin ich nicht in München.“

„Das ist ja ein tagesfüllendes Reiseprogramm. Wie lange bist du so schon unterwegs?“

„Zwei Wochen, oder ein wenig mehr. Ich habe natürlich schon was gemacht. Sachen angesehen, Kaffee getrunken und so das Übliche in Italien. Nichts Besonderes.“

„Ja, nehme ich dir sofort ab. Ein Bild eines bedeutenden Malers der venezianischen Frührenaissance aufzusuchen, von dem man nicht das Geringste weiß, ist für dich so das Alltägliche. Du musst ansonsten ein ziemlich spannendes Leben führen, wenn das so das Übliche ist. Was hast du sonst noch Langweiliges vor in Mailand?“

Der unruhig auf ihn gerichtete Blick brachte seine Gedanken durcheinander. Ihre dunklen Augen verrieten Neugierde, was ihn gleichermaßen verunsicherte als auch ermunterte, das Bild des Kunstkenners Haag in seinem Gegenüber durch ein ihm ähnlicheres zu ersetzen.

„Ich würde gerne ins San Siro Stadion, mir ein Spiel von Inter oder notfalls auch vom AC Mailand anschauen. Wenn ich Karten kriege.“

„Hast du sicher in einem Café aufgeschnappt, dass die besonders tollen Fußball spielen, oder?“

„Nein. Natürlich nicht. Von italienischem Fußball verstehe ich mehr als von italienischer Malerei.“

„Das ist ja schon mal was. Aber das übliche touristische Italienprogramm ist das auch wieder nicht. Musst du zugeben.“

„Auch richtig. Jedenfalls wollte ich da als kleiner Junge schon ein Spiel sehen. Das heißt, als kleiner Junge wollte ich da eigentlich spielen. Aber die Talente reichten nur für Germanistik an der Uni, nicht für eine Karriere auf dem Rasen. Wie auch immer, jetzt würde ich gerne mal in dieses Stadion. Kenne ich nur vom Fernsehen.“

„Klingt so, als wenn du wirklich mehr davon verstehen würdest als von Malerei.“