25. Espresso

September 5, 2010

„Nicht wirklich. Eigentlich …“

„Jetzt tun Sie nicht so zurückhaltend. Sie werden ja schon wissen, warum Sie unbedingt die Bellinis sehen wollten.“

„Also im Grunde nicht. Ich habe nur woanders davon gehört. Dass heißt, dass sie bedeutend sein sollen. Deshalb bin ich nach Mailand gefahren.“

„Im Radio, im Fernsehen oder auf einer Kunsthistorikertagung gehört?“

„Nein, an einem Nachbartisch in einem Café in Verona.“

„Und dann reisen Sie nach Mailand, weil zwischen Cappuccino und Gelato jemand über schöne Bilder geredet hat.“

„Letzten Endes ja.“

„Nicht gerade üblich so eine Urlaubsplanung. Ich weiß nicht ob ich Ihnen das glauben soll.“ Sie musterte ihn von oben bis unten. „Sie sehen, wenn ich ehrlich sein darf, nicht so aus wie ein Mann, der sich ziellos dem Müßiggang widmet.“

„Tja, dass kann sein. Also, dass ich nicht so ausschaue.“

„Wie auch immer. Egal, ob Sie Kunstkenner oder Müßiggänger sind, suchen wir die Bellinis und dann können Sie ja beim Kaffeetrinken brillieren. Wenn ich Ihnen glauben soll, ist das ja eher Ihre Welt als das Innere von Museen. Aber eigentlich kaufe ich Ihnen Ihre Zurückhaltung nicht ab. Wahrscheinlich werden Sie mich gleich vor den Bildern mit Fachbegriffen erschlagen, und“ mit einem verschmitzten Lächeln, „können anschließend noch nicht einmal einen Cappuccino von einem Caffelatte unterscheiden.“

Georg fiel nichts Geistreiches darauf ein. Noch nicht einmal etwas Dummes. Wahrscheinlich sah er immer noch wie ein akribischer Lektor aus, dem man zutrauen konnte, dass er nach der Arbeit noch riesige Wälzer über die Kunst der Renaissance durchblättern würde. Gleich wieviel müßiges Nichtstun er in den letzten zwei Wochen vollbracht hatte, man sah es ihm nicht an. Georg stutzte darüber, dass von außen keiner wahrnahm, dass er im Innern nicht mehr der war, der damals aus dem Büro in den Feierabend gegangen war.

Die Frau, die all diese Gedanken in ihm ausgelöst hatte, befreite ihn auch wieder davon. „Ich heiße Monika Lyskirchen. Wenn Sie sich im Museum noch als heimlicher Spezialist für die schönen Künste entpuppen also Frau Lyskirchen, wenn Sie doch mehr von Kaffee verstehen, einfach Monika.“

Georgs Verunsicherung wurde immer größer. Trotzdem nahm er noch einmal einen Anlauf lässig zu erscheinen.

„Georg Haag, mein Name. Und weil ich weiß, dass ich nichts weiß, können wir gleich zu den Vornamen übergehen.“

„Das hat Sie jetzt endgültig verraten. Wer Philosophen zitiert, hat in der Regel keine Ahnung von den feinen Unterschieden in italienischen Bars. Also doch Frau Lyskirchen für Sie.“

Georg merkte, dass er mit dem Spruch von Sokrates endgültig keine Chance mehr hatte, als der zu erscheinen, als der er sich in den letzten Tagen gefiel.

„O.k., taktischer Fehler, um beim ‚Du‘ bleiben zu dürfen. Los, bringen wir die Bellinis hinter uns. Ich werde versuchen, Sie so stark zu enttäuschen, dass Sie mich dann doch Georg nennen.“

„Ich bin gespannt auf die Enttäuschungen, die Sie mir zu bieten haben.“