9. Espresso

April 10, 2010

 „Eine schöne Reise noch“, sagte er kurz angebunden und ohne jeden Zusammenhang zu den letzten Fetzen, die er im Rauschen wahrgenommen hatte. Es ging, wie er undeutlich gehört hatte, um irgendwelche messbaren Formen von intersubjektiver Interaktion, die auf einer interdisziplinär ausgerichteten internationalen Tagung in Padua intensiv debattiert werden sollten. „Wäre es doch um Inter in Mailand gegangen“, leuchtete es in ihm auf. Er wäre bis Verona im Abteil geblieben.

Als er ins Gepäckfach griff, bemerkte er, dass sein Koffer dort nicht zu finden war. Neben seinem Sitz lag seine kleine Aktentasche. Er fasste in die Innentasche seiner Jacke. „O.K., die Wertsachen sind da.“ Es dauerte einige panikerfüllte Sekunden, bis ihm einfiel, dass er natürlich ohne Gepäck vom türkischen Lebensmittelladen zum Bahnhof gegangen war. Mit kleinen Schweißperlen auf der Stirn verließ er den Zug.

Trento. Ein Bahnsteig. Ein Schild ‚Bar‘ fünf Bahnsteige weiter. Die Unterführung. Der Kellner an der Theke verwies auf die Kasse am Eingang. „No, zu große Scheine. Mi dispiace.“

„Prima. Das fängt ja gut an.“

Vor der Bahnhofshalle die Straßenkehrer, die allmorgendlich die Innenstadt auf Hochglanz bringen. „Irgendwo ein Zeichen, das auf einen Geldautomaten hindeuten könnte?“ Geheimzahl. Scheine kamen aus dem Schlitz. Zurück in der Bahnhofsbar empfand Georg zum ersten Mal, seitdem er gestern abend Anna hinterhergeschaut hatte, ein Gefühl von – „… ja, was ist es eigentlich? Freiheit? Abenteuer? Ungebundenheit? Marlboro-Klischees?“ Oder waren es nur die üblichen Empfindungen nach einer wachen Nacht, wenn man zwischendurch kurzzeitig von einem tiefen Wohlgefühl durchströmt wird, bevor man dann den Rest des Tages nur noch mit dem Einschlafen zu kämpfen hat?

„Un caffè.“

„Altro?“

„Non caldo.“

Ein irritierter Blick des Hüters der Kasse. „Vielleicht bin ich ein seltsamer Anblick. Wer steigt auch sonst schon frühmorgens in Trento nur mit einer kleinen Aktentasche aus und hat nur große Scheine in der Tasche?“

„Uno cinquanta.“

Der Kassierer gab auf zwanzig heraus und schaute Georg mit belustigtem Interesse nach, wie er den richtigen Platz an der Theke suchte, um endlich an seinen Espresso zu gelangen, vom Hüter der Maschine um den Kassenbeleg gebeten wurde, diesen in drei verschiedenen Hosentaschen suchen musste, ihn endlich fand und versuchte, das zerknitterte Stück Papier auf der Theke glattzustreichen. Dabei in eine kleine Lache mit Kaffee und aufgelöstem Zucker geriet und den klebrigen sich braun verfärbenden Bon übergab.

„Allora, un caffè?“

„Si“, und nach einer kleinen Pause, „prego.“