Heute ist „Tag des Kaffees“, passend hierzu der Blogroman „Espresso“.

Morgen „Tag des Kaffees“

September 29, 2011

Morgen ist Tag des Kaffees:

http://www.tag-des-kaffees.de/

 

43. Espresso

April 27, 2011

 

Como lag schon hinter ihm. Nur noch eine Stunde bis Lugano. Georg war zufrieden mit sich und dem, was er von der Welt sah. Der Zug fuhr durch das Alpenvorland. Diese Landschaft war seine Heimat. In Bayern, wo er aufgewachsen war, sah es ähnlich aus, zumindest schien es ihm so, wenn auch nicht ganz so mediterran. Staffelsee, Walchensee und Eibsee. Vom Wasser aus immer der Ausblick auf die Berge. Die Berge, die er als kleines Kind nie mochte. Sein Vater drängte ihn und seine Mutter zu ausgiebigen Wandertouren. Die Gipfel waren ständig eine Nummer zu groß für Georg. Stärker zog es ihn auf den Fußballplatz. Doch sein Vater sah seine Mission darin, ihm die bayerische Bergwelt zu erschließen. Die gesamte.

Die Berge, die im Grunde erst seit zweieinhalb Jahrhunderten als etwas Schönes angesehen wurden. Hatte er im Germanistikstudium mal zu seiner Überraschung aufgeschnappt, als das Thema auf Albrecht von Haller und sein Gedicht ‚Die Alpen‘ kam. Überraschend, weil sein Vater ihm als Junge immer vermittelt hatte, es wäre ein dem menschlichen Dasein inne wohnender Drang, auf Gipfel zu klettern. Kurz danach hörte er Ähnliches, als es in Anglistik um ‚The Alps‘ von George Keate ging. Vor dieser Zeit sollen sich Menschen und Bergmassive eher feindlich gegenüber gestanden haben. So ähnlich wie an den Wochenenden Georg und sein Vater. Die Welt der Gipfel als unerfreuliche Schranke. Niemand hatte vorher ernsthaft die Idee, deren Anblick zu genießen. Auch Georg kam als Junge nicht auf solche Gedanken.

Eigentlich war er nie weg gewesen aus Oberbayern. Jugend in Murnau, Zivildienst bei der Bergwacht in Garmisch, Studium in München. Wenigstens ein Praktikum in London und eins in Augsburg. Zu Urlaubsreisen trieb ihn meist Anna an. Vor allem zu Wanderungen im Hochgebirge. Im Wallis, in den Dolomiten und in Tirol. Mit ihr hatte er sogar Freude an den Bergen bekommen. Mal raus aus dem städtischen Einerlei. Einmal hatte sie ihn sogar bis zum Himalaya überredet. Ins Langtang-Hochtal auf 4000 Metern. Anna war glücklich, aber er machte schlapp. Höhenkrankheit. Jetzt war er auf der anderen Seite der Berge, die er von Murnau aus sehen konnte. Auf der italienischen.

Nun, da er sich auch offiziell dem süßen Nichtstun zugewandt hatte, fühlte er sich leichter. Er spürte es als Belebung seines Aufenthaltes im Süden jetzt nicht mehr Urlauber zu sein, sondern ein Reisender. Dessen Lust an einem Urlaubsland nicht von vornherein begrenzt war. Mit dem Fax an den Verlag kaufte er sich Zeit.

Der Unterschied zwischen dem lombardischen Italien und der italienischen Schweiz fiel nur wenig ins Auge. Alles war ein wenig sauberer. Die Espressoschilder an den Bars verhießen weiterhin eine Grundversorgung mit italienischem Lebensgefühl. Eine Verabredung mit Monika mit nordeuropäischem Filterkaffee oder gar Tee konnte er sich nicht vorstellen. Georg wurde nervöser, je näher der Zug Lugano kam. „Wie wird sie sein in ihrem Alltag? Leuchten Ihre Augen noch, wenn nur ich in Ausflugsstimmung bin.“ Er traf eine Entscheidung: „Wenn sie von der Arbeit kommt und mir auch ihr Alltagsgesicht gefällt, werde ich es Anna erzählen müssen. Was immer es dann zu erzählen gibt.“ Zum Glück hatte sie in den letzten zwei Tagen nicht angerufen. Er müsste das Handy ausstellen, sobald er auf dem Bahnsteig Monika erblickt.

36. Espresso

Februar 13, 2011

Unzählige Male hatte Georg jetzt schon auf die Uhr geschaut. Eigentlich sollte der Zug schon längst eingefahren sein. Es gab keine Durchsage. Andere warteten wie er, doch niemand lief so oft den Bahnsteig auf und ab. Endlich kam eine Stimme aus dem Lautsprecher. Sie war schwer zu verstehen. Etwas mit treno, ritardo und dieci minuti. Welcher Bahnsteig gemeint war, konnte Georg nicht heraushören. Aber er blieb auf dem Bahnsteig, da auch die anderen Wartenden keine anderen Anstalten machten.

„Hallo, wir waren eigentlich am Blumenladen verabredet.“

„Huch, hallo Monika! Wo kommst du denn jetzt her?“

„Wie gesagt, vom Blumenladen. Ich hab‘ schon gedacht, du würdest mich versetzen. Ich hab‘ schon eine ganze Weile gewartet. Jetzt bin ich etwas spazieren gegangen. Es ist nicht immer einfach in Italien als Frau eine längere Zeit alleine rumzustehen.“

„Oh, Mist, das tut mir leid. Ich wollte dich direkt vom Bahnsteig abholen. Ich hatte jetzt alle Züge aus der Richtung Tessin in den letzten eineinhalb Stunden abgepasst. Es ist mir schleierhaft, wie ich dich übersehen konnte.“

„Ganz einfach, du konntest mich hier nicht sehen. Ich bin aus Bergamo gekommen. Da war gestern eine Feier eines Großkunden meiner Firma. Ich bin dann gleich in einem Hotel über Nacht geblieben.“

„Wie dumm, jetzt hängen wir beide im Mailänder Bahnhof herum statt …“, Georg bemerkte wie gehemmt er plötzlich war, „aber ich freu‘ mich, dass du da bist.“

„Ich mich auch. Und jetzt?“

„Ja, stimmt, du hast recht, das Spiel.“

„Du hast gar kein Fantrikot an, keinen Vereinsschal oder so etwas“, stellte Monika leicht überrascht fest.

„Doch, doch. Das Spiel war jetzt kein Vorwand. Man kann auch in normaler Kleidung ein Stadion betreten. Magst du erst einmal einen Kaffee trinken?“