Die ersten 30 Kapitel

November 23, 2010

Zum leichteren Nachlesen die ersten 30 kurzen Kapitel als PDF zum Download: 1. – 30. Espresso

Zum Nachlesen die ersten zwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr: 1. – 20. Espresso

4. Espresso

März 15, 2010

Der Lavazza, um sich diese Zeile aus dem Kopf zu schlucken, war völlig wirkungslos. Die Zeile verband sich sofort mit dem Geschmack, klebte an ihm fest, lief die Speiseröhre entlang und strömte aus in die Blutbahnen. „Man sollte in Lavazza neu anfangen“, dachte er. „Gibt es einen Ort mit dem Namen Lavazza? Man sollte in einem Ort anfangen, der Lavazza heißen könnte. Neu anfangen? Lavazzanfangen? Lavanfangen? Lava fangen? Richtig: Lava sollte man fangen. Irgendwo. Wenn ich irgendwann diesen Mist hier endgültig ….“

„… ist zum Prestel-Verlag gewechselt. Kriegt dort doch mehr Geld. Macht Bücher über Gauguin und Munch. Versucht, die Sätze von Kunsthistorikern in verdaubare Einheiten zu zerkleinern. Du weißt ja, die fangen mit dem Satz auf Seite Eins an und dann hört der einfach nicht mehr auf. Die würden am liebsten noch den Klappentext mit in ihren einzigen Satz einbauen und ….“ Peter kam jetzt richtig in Fahrt.

„Muss am Lavazza liegen“, dachte Georg und drückte nochmals auf den Schalter der Maschine. „Dass der Verlag es hier Lava aus der Maschine regnen lässt, macht diesen seltsamen Beruf überhaupt erst aushaltbar.“ Schon vor dem Bewerbungsgespräch war ihm die Maschine angenehm aufgefallen. „Wenn die hier Espresso verteilen, ist es das Richtige für mich“, hatte er damals gedacht. Seit diesem Espresso vor sechs Jahren war allerdings nichts anderes Richtiges mehr dazu gekommen. „Ich lass‘ mich von einem Espresso ködern. Von einer lächerlich kleinen Tasse Kaffee lasse ich mich überrumpeln.“ Und täglich sagte ihm dieses fast nicht wahrnehmbare schwarze Etwas: „Hier bist du richtig.“

„Und ich glaube das auch noch. Vertraue dem Inhalt einer winzigen Porzellantasse“, wunderte er sich.

„… ich denke ja auch oft, schmeiß das hier hin. Aber ehrlich, Georg: Das bringt doch nichts. Du kriegst ein paar Euro mehr, du siehst ein paar neue Gesichter und dann ….“

Während Georg einige Worte von Peters Standard-Espresso-Monolog auffing, drängte sich ihm der Verdacht auf, sein Kollege wäre längst mit diesem Kaffee in den Stand der Ehe getreten, hätte bereits den Doppelnamen Ranzmoser-Lavazza angenommen. Peter lebte förmlich auf, lebte eigentlich nur noch dann auf, wenn er in der linken Hand die Untertasse hielt und mit der rechten Hand hastig den Zucker einrührte. Hier an der Maschine, das war sein Leben. Oder der kümmerliche Rest davon. Die sechzig Sekunden des Trinkens und die sieben bis zehn Minuten, in der das Koffein wirkte. Ihn kurz aufbegehren ließ. Ihn dann wieder in ein immer gleiches resignierendes Finale seines Selbstgespräches hineinmurmeln ließ.