Zum Nachlesen die ersten fünfundzwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr:

 1. – 25. Espresso

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13. Espresso

Mai 8, 2010

Georg fand die richtige Taste zum Löschen der Nachricht und schaltete das Handy wieder aus. Er war unschlüssig. Was sollte er tun? Den nächsten Zug nach München zu nehmen erschien ihm seltsam. Anrufen bei Anna? Dazu fiel ihm nichts ein. Was sollte er sagen? Er hatte nichts zu sagen. Es gab nichts zu beichten. Es gab nichts zu erklären. Ein Anruf im Verlag? Allein der Gedanke an die Sitzungen zusammen mit der Verlagsleitung ließ ihn diese Idee sofort verwerfen. Es wurde ihm plötzlich klar, dass er immerhin mindestens eine Sitzung verpassen würde. „Das alleine war den Ausflug über die Alpen eigentlich schon wert.“

Er musste lächeln. „Im Grunde ein schöner Spaß, dort jetzt anzurufen. Einfach mitzuteilen, ich wäre gerade in Italien zum Espressotrinken. Ich könnte erst später kommen. Zum zweiten Tagesordnungspunkt wäre ohnehin nicht viel zu sagen gewesen. Sie sollen sich doch gleich um den dritten Punkt kümmern, dann wäre das Ende eher in Sicht und damit auch der nächste Treff an der Maschine, die nicht annähernd so einen Duft entfalten würde, wie es hier noch außerhalb der Bar wahrzunehmen ist. Oder ich könnte erzählen, dass ich einem großen schriftstellerischen Talent in meinen Manuskriptenturm begegnet bin und nun auf dem Weg zu dessen Hof in der Toskana bin, um diesen noch unbekannten Autor an unseren Verlag zu binden. Nett wäre es auch zu erzählen, vor allem Peter würde es beeindrucken, ich hätte durch Zufall gestern eine italienische Bekannte von der letzten Buchmesse vor dem Hauptbahnhof getroffen und wäre Hals über Kopf mit ihr in den Zug gestiegen, hätte eine wahnsinnige Nacht im Abteil mit ihr hinter mir und versuchte gerade mit größeren Dosen Koffein wieder zu Kräften zu kommen. Ich würde von mir hören lassen. Und speziell für Peter: ‚Weißt du, manchmal musst du als Mann einfach deinem Schwanz folgen.‘ Ja, so ähnlich wäre es gut. Aber glauben würde es niemand. Jeder erwartet gerade, dass ich gleich zur Tür herein käme und auf meinem Stuhl Platz nähme, meine Unterlagen zurechtlege, um gut vorbereitet den zweiten Punkt kurz und präzise darlegen zu können.“

10. Espresso

April 17, 2010

Vor dem Bahnhof arbeiteten die Angestellten der Stadt immer noch an der Politur der Altstadt.

„In fünf Minuten würde in München der Wecker klingeln. Ein kurzer Kuss. Espressokanne mit Wasser füllen. Bohnen mahlen. Pulver schlaftrunken halb in das Sieb der Kanne löffeln, halb auf dem Tisch verteilen. Kanne zuschrauben. Herd anstellen. Ins Bad wanken. Zähne putzen. Rasieren. Im Radio das Neueste aus der Welt. Unter der Dusche kriege ich davon dann endlich nichts mehr mit. Dafür bin ich anschließend wach. Auch nicht besser. Und nun stehe ich im Morgengrauen in Italien. Trento wird für mich oder für jemand anderen geputzt. Koffein im Körper. Kleingeld in der Jackentasche. In München würde ich in spätestens 50 Minuten wieder auf den Stapel Manuskripte treffen. Mich zusammenreißen. Trotzdem auf Zeilen wie die von gestern treffen.“

Bevor er dazu kam, sich die Zeile in Erinnerung zu rufen, kam Bewegung in seine Hose. Es fühlte sich befremdlich an. Aber auch bekannt. Einen kurzen Moment war er völlig irritiert. Zwei Menschentrauben auf zwei Busbahnsteigen vor dem Bahnhof warteten gelangweilt und schauten umher, auf der Suche nach etwas, das im Büro Gesprächsstoff bieten würde.

Der Vibrationsalarm des Handys in seiner Hosentasche war in dieser ungewohnten Umgebung für Georg nicht einfach zu identifizieren. Die Empfindungen erinnerten ihn an kühne geheime Erwartungen. Einen kurzen Moment lang sah er sich selbst im Mittelpunkt einer überraschenden Affäre. Und dann auch noch auf der Piazza Dante. Eine Affäre wie ein Inferno. Vielleicht war das der Grund, warum er sich überhaupt in den Zug gesetzt hatte.

Auf dem Display war die eigene Nummer in München. „Anna! Was ist, wenn ich rangehe? Was soll ich sagen?“ Georg war klar, dass er nichts zu sagen hatte. „Warum habe ich das Handy überhaupt angelassen? Warum ruft Anna erst jetzt an?“ Schon vor einem halben Tag sollte er zum Abendessen zu Hause sein. „Was hat Anna eigentlich in der Zeit gemacht, wenn sie mich nicht angerufen hat?“ Die Vibration fand ein abruptes Ende.

Georg stellte das Gerät aus. Piazza Dante also. Wo soll ein Lektor schon landen, wenn er abends einfach ohne nachzudenken einen Zug aus der Stadt nimmt? „Trento, da war etwas. In irgendeinem Buch. Oder war es in einem der nie veröffentlichten Manuskripte auf dem Schreibtisch? Irgend jemand hatte etwas über Trient geschrieben. Ein Dom? Eine Burg? Ein Brunnen? Die Atmosphäre? Eine leidenschaftliche Liebe? Es bleibt soviel hängen nach tausenden von Seiten und doch ist nichts erinnerbar. Nur Fetzen bleiben übrig.“