15. Espresso

Mai 31, 2010

 

Noch zwei Minuten bis der Zug in Verona ausrollen würde. Die Frau war in Trento nicht mehr auf dem Bahnsteig erschienen. Für den Lektor in Georg gab es also aus den bisherigen Reiseerlebnissen nichts zu streichen.

„Wo hätte ich überhaupt streichen sollen? Wenn es tatsächlich zu dieser Szene vor dem Zug gekommen wäre. In meinen Reiseerlebnissen? In meinen Urlaubsgeschichten? Oder“, und ihm fiel tatsächlich wieder eine andere eindeutig streichenswerte Zeile ein, „in meinen Gefühlswallungen während meines Neuanfangs? Schon alleine dieses Wort. Neuanfang? Kann man neu anfangen? Macht man nicht einfach weiter, während man sich selbst vormacht, einen neuen Anfang zu starten? Will ich überhaupt einen neuen Start? Eigentlich mache ich bloß einen Ausflug. Mehr nicht.“

Georg widerstand der Versuchung im Bahnhof die Bar aufzusuchen. Ein Espresso. Ein langer Blick. Ein anderes Ende der Szene. Der Lektor strich diese Szene bereits, bevor sie Gestalt annehmen konnte. Bevor zu dem Blick zwei Pupillen gehören würden. Bevor sich vielleicht diesmal zu diesem Blick ein Lächeln gesellen konnte.

Zielstrebig schritt Georg an der Bar, am Espresso und weiteren Verheißungen vorbei. An der Tourist Information ließ er sich drei Hotels im Zentrum empfehlen. Im ersten Hotel nahm er das erste Zimmer. Eine weitere Nacht würde er nicht in München sein. Danach sah es jetzt aus. Als ihm dies klar wurde, griff er nach seinem Handy und schaute es lange an.

„Sie haben eine neue Nachricht. Hallo Georg. Was ist? Der Boss war sauer. Anna ruft ständig hier an. Die ist sowieso sauer. Kommst du heute noch in den Verlag oder nicht? Wie gesagt, überleg‘ dir schon mal gute Ausreden. Ciao. Zum Wiederholen der Nachricht drücken Sie …“

Georg sah weiter auf sein Handy. „Es gehört sich einfach, dass ich Anna anrufe, damit sie sich keine Sorgen um Leib und Leben machen muss. Wahrscheinlich ruft sie ohnehin bald die Polizei und die Krankenhäuser in der Stadt an. Würde ich ja auch so machen.“

Das Geräusch zweier unter dem Hotelfenster vorbei rasender Vespas riss ihn aus dem Gedanken. Georg sah zum Fenster hin. „Was wäre, wenn ich einfach vom Erdboden verschwinde. Mich nirgendwo mehr melde. Auf den Schreibtisch könnte ich nun wirklich verzichten. Auch wenn ich jahrelang auf diesen Schreibtisch hinstudiert habe. Andere beneiden mich um diesen Job. Genauso wie sie mich um Anna beneiden. Aber die gleichen Leute würden mich auch darum beneiden, wenn ich einfach hier in Italien verschwinde und schaue, wie viele Tassen Espresso meine Kreditkarte hergibt. Also gut, ich rufe Anna an.“

14. Espresso

Mai 14, 2010

 

In der Wartehalle des Bahnhofs studierte er die Alternativen. Roma, Milano, Venezia, Brennero, Verona.

„Verona klingt immer noch gut.“ Er fühlte sich überraschend behaglich.

„Un per Verona. Prego.“

„Andata o ritorno?“

„Ähmmm.“

„Allora. Hinoderruckfaart?“

„Hin nur, ähm solo. Prego.“

„Cinqueotto.“

„Ähmmm.“

„Funfeurounachzig“

„Ah, si, si.“

Plötzlich fiel ihm ein, dass er für Verona ja noch das Ticket von der Nacht hatte.

„Entschuldigung. Scusi. Ich habe schon ein Ticket. Grazie.“

Missmutig schüttelte der Beamte den Kopf. „Buon giorno.“

„Si. Buon giorno. Scusi.“

Schnell schlich er vom Schalter weg. „Schön“, dachte sich Georg, „also Verona. Muss schön da sein. Eine Stadt, die so heißt.“ Dort kann es einfach nicht so aussehen, wie seine Vorstellung von Städten, die Leverkusen oder Bottrop heißen. „Außerdem alleine schon wegen Romeo und Julia.“ Seine Stimmung hellte sich deutlich auf. Kein Gedanke an Fragen im Handyspeicher. Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt.

Auf dem Bahnsteig drehte er sich noch einmal um. Bevor er in den Zug eintrat ein Blick nach rechts und nach links. „Jetzt müsste diese Frau auftauchen. Als Lektor würde ich das als das Letzte ansehen und durchstreichen.“ Als Georg hätte er es jedoch akzeptiert.