Die ersten 30 Kapitel

November 23, 2010

Zum leichteren Nachlesen die ersten 30 kurzen Kapitel als PDF zum Download: 1. – 30. Espresso

Advertisements

Zum Nachlesen die ersten fünfundzwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr:

 1. – 25. Espresso

23. Espresso

August 16, 2010

Er wurde mit einem Mal aus seiner Urlaubsstimmung heraus gerissen. Daran hatte er jetzt fast zwei Wochen nicht mehr gedacht. Dass er sich klar werden musste über die Frage, ob dies nur eine Reise war oder ein Anfang von einem Ende. Oder von mehreren Enden. „Und was passiert, wenn dann wirklich etwas zu Ende gehen würde? Fängt dann etwas Neues an? Was fange ich dann Neues an?“ Unschlüssig lag er auf dem Bett. Er starrte an die Decke.

Nach einer Stunde stand er auf und packte die Sachen aus dem Koffer. Nach wenigen Augenblicken war diese Arbeit getan. Er setzte sich auf die Bettkante. Das Bild an der Wand zeigte den Mailänder Dom. Das Zimmer war etwas muffig. Gegen das Fensterglas prallten einige Regentropfen. Er nahm den Zimmerschlüssel und sein Jackett, schloß hinter sich ab, fragte an der Rezeption, wie er ins Zentrum gelangen könnte und verließ das Hotel. Lange musste er an der Bushaltestelle warten.

Er wollte sich ablenken. Er wollte wieder in diese freudige Ungewißheit seiner Stimmung in Verona zurück. Der Regen, auch wenn er nicht heftig war, beschnitt seine Pläne, einfach etwas herum zu streunen. Es wurde eher ein Weg von einer Bar, die ihm Unterschlupf bot, zur nächsten. Irgendwann erreichte er den Dom, ging hinein und versuchte sich in das Betrachten der Architektur zu versenken. So wie die anderen kunstbeflissenen Touristen wollte er sein.

Am Abend saß er alleine in einer Trattoria. Georg spielte Möglichkeiten durch, wie er die nächsten Gespräche mit Anna und mit Peter führen wollte. Weit kam er nicht. Die Unschlüssigkeit war größer. Das Einzige, was ihm klar vor Augen stand, war, dass er den Moment nicht aushalten könnte, zurück an seinem Schreibtisch zu kehren. Dort das begonnene Manuskript weiter lesen zu müssen und dabei ohne Zweifel auf die Zeile zu stoßen, die von einem fiktiven Neuanfang handelte. Diese Zeile zu lesen und dabei dumpf wie immer im Verlag zu sitzen, diese Situation, so stellte er sich vor, würde er nur schwer aushalten.

Der Espresso nach dem Essen beflügelte ihn zu einer endgültigen Entscheidung. „Ich werde noch heute Abend Peter anrufen.“ An Anna wollte er nicht denken. Schon gar nicht an Entscheidungen. Trotzdem rief er dort zuerst an, nachdem er wieder in seinem Hotelzimmer war. Nur die Mailbox war erreichbar. Da es sonst nichts mehr zu tun gab, wählte er Peters private Nummer. Ein Anrufbeantworter meldete sich. Georg legte auf.

„Also dann erst morgen“, fluchte er leise.

Kurz vor acht am nächsten Morgen versuchte er es wieder bei Peter. Er wollte es nun hinter sich bringen, eine Entscheidung unumkehrbar machen und endlich wieder zum Urlauber werden. Wieder war nur der Anrufbeantworter erreichbar.

„Verdammt.“

22. Espresso

August 11, 2010

In seinem Zimmer legte er sich auf das Bett. Er rief die eingespeicherten Nummern des Verlages auf und entschied sich für Peter.

„Ranzmoser.“

„Hallo Peter, hier ist Georg.“

„Na, wieder im Lande. Auf Goethes Spuren zu Ende gewandert?“

„Ich bin nicht in München. Bin in Mailand. Goethe war nie in Mailand.“

„War auch nur so daher gesagt. Übrigens morgen steht dein Projekt wieder auf der Tagesordnung. Dem Boss brennt es offensichtlich unter den Nägeln. Ich hoffe du bist gut vorbereitet. Wann geht dein Flieger in Mailand?“

„Ich nehme keinen Flieger in Mailand. Ich bin gerade erst angekommen. Erst seit fünf Minuten auf dem Zimmer. Und, ähm, und ich werde morgen nicht da sein. Egal, was der Alte meint.“

„Wie? Willst du noch weiter Urlaub machen?“

„Ja. Wahrscheinlich.“

„Hast du denn noch Urlaub?“

„Ja, ich glaube schon. So drei oder vier Tage.“

„Soll ich dem Alten sagen, dass er sich auf nächste Woche verlassen kann.“

„Ja“, und mit wenig Sicherheit in der Stimme, „ja, wahrscheinlich bin ich da.“

„Wie? ‚Wahrscheinlich bin ich da‘?“

„Ach, ich weiß nicht.“

„Kommt jetzt etwas Grundsätzliches?“

„Nein, ja, nein, erst mal nicht. Sag einfach Bescheid, ich würde meine restlichen Urlaubstage auch noch nehmen.“

„Ah, ja.“

„Also sag in der Personalabteilung und im Vorzimmer vom Boss Bescheid. Du wüsstest auch nicht mehr. Das Gespräch wäre dann einfach unterbrochen worden. Genaueres wüsstest du auch nicht. Schlechte Verbindung in Italien. Und so weiter. Könntest du das für mich tun?“

„Soll ich, wo ich schon dabei bin, gleich auch Anna Bescheid geben?“

„Nein, nicht nötig. Habe ich schon gemacht. Beziehungsweise habe ich nicht gemacht. Ähm, also wir haben nicht über ein bevorstehendes Ende meines, ähm, meiner Reise gesprochen.“

„Ah, ja.“

„Ja.“

„Und du meinst, das wird jetzt hier nichts Grundsätzliches, oder?“

„Was weiß ich. Jedenfalls bin ich jetzt in Mailand. Keine Ahnung, was in drei Tagen ist.“

„Ah, ja.“

„O.k., du hast recht. Ich sollte mir darüber wohl Gedanken machen.“

„So ähnlich würde ich es ausdrücken. Wenn du mich gefragt hättest.“

„Ich hab dich zwar nicht gefragt, aber du hast trotzdem Recht.“

„Also dann. Ich beneide dich nicht um die nächsten Tage.“

„Gut, bis dann.“

20. Espresso

Juli 25, 2010

Am nächsten Tag saß er bereits am späten Vormittag in dem Café an der Piazza Bra. Die nötigsten Einkäufe hatte er schnell erledigt. Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm, Deo. Eine grundsätzliche Entscheidung verlangte der Besuch der Herren-Unterwäsche-Abteilung. Sollte er sich eine Unterhose kaufen, ein Doppelpack oder gleich das preisgünstige Zehnerpack? Er ging etwas unschlüssig zwischen den Sonderangebotsständen auf und ab. Der Hilfe anbietenden Verkäuferin gegenüber versuchte er so zu tun, als ob er sich nicht zwischen den Materialien und Qualitäten entscheiden könnte. Um in naher Zukunft solche schwerwiegenden Entscheidungsprozesse zu umgehen, verließ er das Kaufhaus mit zwei Zehnerpaketen Unterhosen, ebenso vielen Paar Socken, zehn T-Shirts, einer Jeans, einem Hemd und einem kleinen Koffer.

Er gehörte ab jetzt zu dem Heer der Touristen in Verona. Sein Aufenthalt war nun nicht mehr ein vorübergehender. Ungeplant. Für ihn selbst nicht erklärbar. Georg versuchte sich – der Inhalt der Plastiktüten neben seinem Cafétisch drängte ihn dazu – seine nächsten Tage vorzustellen. Er würde herumreisen. Nach Venedig. Nach Padua. Nach Mailand. Nach Turin. Er würde sich die Kunstschätze Italiens ansehen. Er würde ans Meer fahren. Tagelang am Strand liegen. Er würde sich eine Vespa leihen und durch Umbrien und die Toskana trödeln. Im Chianti würde er länger verweilen. Die unterschiedlichsten Weine wollte er kennenlernen.

Am Nachbartisch saß eine Gruppe vertieft in die Diskussion, ob die Bilder eines Bellini in Museen in Venedig oder in Mailand von größerer Bedeutung wären für die Entwicklung eines anderen Malers. Auch der zweite Künstlername sagte Georg nichts. Aber Bellini hörte sich gut an für ihn. Seine Italienischkenntnisse waren immerhin so groß, dass er wusste, was eine Bella war. Damit waren auch seine Gedanken wieder bei der Frau in Trento, die nicht am Bahnsteig erschienen war. Ab und zu nahm er zwischen seinen Tagträumen Fetzen aus dem Gespräch vom benachbarten Tisch auf. Illusionäre Tiefenwirkung, Übersteigerung des Symbolgehaltes, fast schon expressiv zu nennende Farbkontraste und präraffaelitische, coloristische Interdependenz. Über was dort gesprochen wurde, blieb ihm verschlossen. Allein der Name des Malers war etwas, das ihn anzog. Georg beschloss, auch die Bilder dieses Bellini in seine Urlaubsplanungen zwischen Chianti und Vespa einzufügen.

Erst nach etwa einer Viertelstunde halb abwesenden Zuhörens bemerkte er, dass sich hinter einem Teil der ihm unverständlichen Bildbeschreibungen ein schönes Gesicht verbarg. Sofort setzte sich bei ihm die Tagtraummaschine in Gang. Er schätzte das Gesicht auf Ende zwanzig. Er wusste nicht, was ihm daran gefiel, nahm sich jedoch nach weiteren dreißig Minuten vor es anzusprechen. Fast im gleichen Moment brach die Gruppe auf.

Georg legte Münzen auf den Tisch, die für fünf Cappuccini ausreichen müssten und folgte ihr. Das Gesicht verwandelte sich plötzlich in lange braune Haare und einen magnetisch anziehenden Hintern. Die Gruppe lief mit eiligem Schritt durch Gassen, verweilte vor bestimmten Fassaden und machte an keiner Bar halt. Er hielt sich in größerem Abstand. Niemand schien sein Verfolgen zu bemerken. Er kam sich komisch vor, sich selbst beim Herumdrücken an Hausecken zu beobachten. Über was bei der Betrachtung von Häusern und Kirchen gesprochen wurde, konnte er nicht verstehen. Nach etwa drei Stunden verschwanden die langen Haare, die Pobacken und die restliche Gruppe in einem Hoteleingang. Georg schaute irritiert auf sein Spiegelbild in der Scheibe der Tür.

18. Espresso

Juli 4, 2010

Mit halber Aufmerksamkeit betrachtete Georg das Leben vor der Arena. Der Stuhl, den er vor dem Café seit vier Stunden besetzte, gab ihm die Möglichkeit, das Treiben aus der ersten Reihe betrachten zu können. Der Platz füllte sich seit Stunden mit Menschen, die noch eine Karte für die Opernaufführung ergattern wollten. Es traten Menschen auf Georgs Bühne, die während der Stunden vor dem Konzert das Flair der Piazza genießen wollten. Das, was der Reiseführer ihnen versprochen hatte. Junge Leute aus der Stadt mischten sich, je später es wurde, in immer größer werdenden Gruppen unter die Touristen, die den Platz am späten Nachmittag noch in ihrer Hand wähnten.

Georg hatte in diesen vier Stunden mehrere Stücke auf seiner Bühne erlebt. Zwei Aufführungen davon ähnelten sich sehr und handelten von einem erfolgreichen Taschendiebstahl. Auch bemerkte er, dass in beiden Darbietungen die Hauptrolle von dem gleichen Darsteller gespielt wurde. Georg erlebte die Ehedramen, die sich abspielten, wenn es für die ersehnte Opernaufführung in der Arena keine Karten oder nur welche niederen Ranges zu erwerben gab. „Ich habe dir schon zu Hause gesagt, du sollst dich besser in Deutschland drum kümmern. Aber immer denkst du nur an andere Dinge. Nie an mich!“ Und nachdem sich der Besitzer einer Karte der preiswerteren Ränge mit dem Vorzeigen des Billets zu verteidigen suchte. „Soviel bin ich dir also wert.“ Auch dieses Stück erlebte auf der Bühne vor der Arena mehrere Aufführungen, wobei die Dialoge manchmal variierten, niemals aber die Gesten.

Zu Wiederholungen auf dem Spielplan kam es auch bei einem Stück für verschieden große Ensembles. Der Protagonist erschien auf der Bühne, schoss ein Photo von der Arena. Er blätterte in seinem Reiseführer, peilte sein nächstes Ziel an. Währenddessen kam eine Gruppe aus der Tiefe der Bühne, bestehend aus einer Frau und mehreren quengelnden Kindern, die um die Gnade baten, eine Pause machen zu dürfen. Die meisten Aufführungen endeten mit der unerbittlichen Stimme des Hauptdarstellers, dessen Herz sich nicht erweichen ließ. Worauf die gesamte Gruppe eiligen Schrittes wieder von der Piazza verschwand. Lediglich eine Aufführung dieses Stückes endete mit dem Satz „Wenn du mir diese Freude auch noch nehmen willst, dann sind wir geschiedene Leute!“, worauf sich der Protagonist von der Gruppe entfernte.

Georg genoß diese Schauspiele und bestellte mittlerweile seinen sechsten Cappuccino. Er wunderte sich selbst über seine stille Freude über die Dramen, die sich vor ihm abspielten. Sein Handy hatte er im Hotel gelassen. Es konnte ihn nicht mehr dabei stören, sich von seiner eigenen Bühne stückweise zu entfernen. Im Verlag hatte er nicht angerufen. Er verspürte kein Interesse etwas erklären zu müssen, das ihm selbst unerklärlich war, ihm selbst aber bereits als überraschendes Erlebnis vertrauter wurde. Sollte er Anna nochmals anrufen? Auch sie würde Gründe wissen wollen. Ihm wurde die Suche danach zunehmend gleichgültiger.

17. Espresso

Juni 20, 2010

 

„Du willst mir also erzählen, es gäbe keinen Grund, abends nicht vom Einkauf nach Hause zu kommen, einen Teil des Gemüses für unser Essen nicht mitzubringen, sich die ganze Nacht nicht zu melden und mittags dann aus Verona anzurufen?“

„Ja, es gibt keinen Grund.“

„Hältst du mich für völlig bescheuert?“ Anna stand kurz vor einer Explosion und Georg wollte dem gegensteuern. Aber es gab weit und breit nichts zur Vermeidung einer Detonation zu erkennen.

„Nein, ich halte dich nicht für bescheuert und es gibt keinen richtigen Grund dafür, dass ich jetzt in Verona bin.“

„O.k., halten wir mal fest, was du mir erzählst: erstens, du bist in Italien, zweitens, du hast keinen Grund dort zu sein und drittens, ich soll nicht bescheuert sein, wenn ich dir das abkaufe. Oder?“

„Ja, alle drei Punkte richtig. Ich weiß nicht, warum ich hierhin gefahren bin. Ich weiß nicht, warum ich überhaupt weggefahren bin. Ich weiß nur, dass ich losgefahren bin, dann weitergefahren bin und jetzt hier in einem Hotel in Verona bin.“

„Wieso ‚weitergefahren bin‘?“ Anna war zunehmend irritiert.

„Zuerst war ich in Trento.“

„Was, bitte schön, hast du in Trento gemacht?“

„Nichts eigentlich.“

„Wie bitte? ‚Nichts‘?“

„Doch, Espresso habe ich getrunken. Sogar zweimal.“ Georg gingen die Blicke der Frau in der Bar durch den Sinn, konnte sich aber gerade noch soweit konzentrieren, dass er nur die koffeinhaltigen Erlebnisse über das Handy weitergab.

„Espressi hast du getrunken?“

„Ja.“

„Und, wo wir gerade so auskunftsfreudig sind, wie hat er geschmeckt? Welche Marke? Wieviel Löffel Zucker? Ist die Crema nicht beim Einrühren in sich zusammengefallen wie in Deutschland? Ist es die Crema, die dich nach Italien getrieben hat. Ist es die Crema, die Deutschland, die ich dir nicht bieten kann?“

Georg hütete sich, darauf direkt zu antworten. „Eigentlich eine gute Erklärung. Ist ausbaufähig. Auch für die Geschichte, die ich dem Verlag erzählen muss. Peter würde sie mir sofort abkaufen und mich für meine Geradlinigkeit in Details der Lebensführung bewundern“, dachte er sich.

„Krieg‘ ich da jetzt noch mal eine Antwort?“

„Ja, sicher. Hmm, das heißt, es gibt eigentlich keine Antwort. Es gibt keinen Grund. Ich weiß es einfach nicht und es wäre Unfug, dir jetzt irgendeine überzeugende Geschichte vor die Füße zu legen, nur damit du aufhörst Fragen zu stellen, auf die ich keine Antwort habe. Die Crema jedenfalls ist in Italien auch nicht besser oder schlechter.“

„Wir reden von Kaffee oder von Frauen?“ Anna schien in Form zu kommen, sauer und ironisch in perfekter Mischung.

„Von kleinen Tassen Kaffee“, sagte Georg obwohl er sich in Gedanken ausmalte, was passiert wäre, wenn er in Trento nicht nur Blicke erwidert hätte.

„Also, das ist mir jetzt zu blöd. Außerdem habe ich einen Termin. Und Leute, die nicht Georg heißen, halten wahrscheinlich sogar Verabredungen ein und erwarten ebenso, dass auch ich komme. So etwas scheint dir zwar seit gestern befremdlich vorzukommen, aber solche Menschen soll es geben.“

Auf dem Display erschien die Dauer des Gespräches.