24. Espresso

August 28, 2010

Zwei Sachen wollte er in Mailand sehen: das Bild von Bellini und ein Fußballspiel im San Siro Stadion. An der Rezeption ließ er sich den Weg zur Pinacoteca di Brera erklären. Vor der Museumskasse wunderte er sich zuerst über die Preise und dann über die lange Schlange.

„Ob die alle wegen Bellini hier sind“, fragte er sich. Georg wußte nicht im Geringsten, um was für ein Museum es sich handelte. Ob dort van Goghs hingen, die Lieblingsbilder von Anna, ob dort griechische Vasen in Massen die Säle füllten oder zeitgenössische Kunstwerke ausgestellt werden mit dem Zweck, ihn zu erschrecken. Für was auch immer man sich anstellte, Georg bemerkte, dass nicht nur er dies als eine brauchbare Alternative zu einem Spaziergang durch das verregnete Mailand ansah.

Als er nach einer kleinen Ewigkeit endlich an der Reihe war, versuchte er sofort die vielleicht auf ihn lauernde moderne Kunst oder die ihn wahrscheinlich langweilenden antiken Säle zu umgehen.

„Scusi, dove trovare io Bellini?“

„Signora Bellini o Bellini, il artista?“

Georg war verwirrt. Auf Gegenfragen war sein Italienisch nicht eingerichtet. Mit den Händen machte er Bewegungen, die zusammengenommen die rechteckigen Umrisse eines Bilderrahmens darstellen sollten.

Der Mann an der Kasse schien ihn zu verstehen. „Allora, signora Bellini é cosi“, wozu er die Formen einer sehr weiblich gerundeten Mailänderin beschrieb, „questa tu non cerca, é vero?“

„Si, si“, nickte Georg.

„Da Bellini, il artista, abbiamo molte pitture.“

Was mochte dies nun bedeuten? Er war zunehmend ratlos. Hinter ihm nahm in der Schlange das Verständnis für zeitraubende seltsame Fragen ab. Murren wurde deutlich wahrnehmbar. Er wurde nervös. Ein letzter Versuch schnell an sein Ziel zu gelangen.

„Parla tedesco?“

„No, mi dispiace“

Ein allerletzter Versuch. „Parla inglese?“

„Si, un po'“

„Can you show me the way to the picture of Bellini?“

„Yes, signore, it is a bit difficult. Because we are having a lot of rooms under construction. You go up, turn right, go along the floor, at the Veronese you turn right again and then the third room to the left and you will stand just in front of one of the Bellinis.“

„Oh, there is more than one Bellini?“

„Si, I know two paintings from Bellini here. Maybe we have more. I don’t know. I’m just an old man here a la cassa. For this question you have to ask the direzione.“

„Ah, si. Grazie. Molto grazie, signore.“

Ein erleichtertes Seufzen ging durch die Schlange, als Georg endlich zur Seite trat. Um so unwilliger war das Murren, als er kurz vor dem Eingang ins Museum umdrehte und Anstalten machte, sich wieder an den Kassierer zu wenden.

„Scusi, un biglietto, prego. Per favore.“

Wortfetzen wie „Idiot“, „it’s ridicolous“, „what a fuckin‘ artsucker“ drangen bis nach vorne.

Die Frau, die gerade an der Reihe war, rettete Georg mit der Bemerkung „Allora, due bigletti per me“, vor übleren Beschimpfungen.

„Die ist für Sie“, wandte sie sich an Georg.

„Oh, danke, dass Sie mir aus der Patsche geholfen haben. Ich hätte mich sonst zwischen nochmaligem Anstellen und Tumult entscheiden müssen. Was hat die Karte gekostet?“

„9 Euro.“

Georg begann in seinem Portemonnaie zu kramen.

„Lassen Sie es gut sein. Sie laden mich nachher zum Kaffee ein und vorher zeigen Sie mir die Bilder von diesem Bellini. Müssen ja ganz besondere Kunstwerke sein.“

„Oh, ähm, danke, sicher. Also sicher lade ich Sie auf einen Kaffee ein. Gerne. Aber, ähm, was dieses Bild, also diese Bilder angeht, also ich weiß nicht, ob ich Ihnen da dienen kann.“

„Na, jetzt kein falsches Understatement. Sie sind bestimmt ein großer Kenner der frühen italienischen Renaissancemalerei.“