21. Espresso

August 5, 2010

Der frisch erworbene Koffer lag geöffnet auf dem Hotelbett. T-Shirts und Hemden, Unterhosen und Strümpfe wanderten hinein. Zwei Wochen war Georg nun in Verona. Er hatte nicht viel gesehen von der Stadt. Eigentlich saß er die meiste Zeit in Straßencafés und ließ das Leben an sich vorbeihuschen. Einmal schloss er sich diesem Leben an. Er kaufte ein Ticket für die abendliche Aufführung in der Arena. Die Oper beeindruckte ihn weniger als die erwartungsvollen Gesichter der anderen Zuschauer. Das Erleben von etwas Einmaligem spiegelte sich in ihren Augen. Die milde Abendluft. Der Himmel über ihnen. Das bunte Bühnenbild. Die Stimmen der Sänger. Auch diese Erinnerungen wanderten in seinen Koffer.

Er hatte mehrere Gespräche mit Anna gehabt. Sie bestanden aus ihren Fragen und seinen nicht gegebenen Antworten. Die schweigenden Anteile an diesen Gesprächen wurden immer länger, während die Gespräche immer kürzer wurden. Anna vermied es, Entscheidungen zu fordern. Ihm schien es, als ob Anna insgeheim hoffe, dass sich alles in Luft auflösen würde. So lange müsste sie versuchen, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Gleichzeitig nahm er jedoch auch wahr, dass sie ihn vom Mann zum Jungen herabstufte. Ein Junge, der sich mal austoben muss. Sie müsste nur eine Weile die geduldige Mutter spielen, dann würde er wohl, hoffentlich endgültig erwachsen geworden, zurückkommen.

Der Koffer war gepackt. Ein letzter Blick aus dem Fenster. Ein Blick durch das Zimmer. Er würde ein Hotelzimmer verlassen, in dem er keine einzige Seite eines Buches gelesen hatte. Ein Zimmer, in dem er sich die Zeit mit Tagträumen vertrieben hatte. Er bezahlte an der Rezeption. Seinen Schlüssel gab er ab und nahm den Bus zum Bahnhof.

„Das war also Verona, die Stadt von Romeo und Julia,“ ging es ihm durch den Kopf. Er ging zum Schalter und besorgte sich ein Ticket. Anschließend ging er in die Bar, die er vor vierzehn Tagen noch gemieden hatte. Ein letzter Espresso, bevor er in den Zug steigen würde. Die Barista, eine blondierte Sophia-Loren-Kopie, die ihn bediente, brachte ihn kurzfristig aus der Bahn. Außer einer vom Espresso verbrannten Unterlippe zog er sich jedoch keine weiteren Schäden zu. Er ging zum Bahnsteig, suchte sich im Zug einen freien Platz und verstaute den Koffer.

Die ganze Strecke bis Mailand schaute er zum Fenster hinaus. Die Po-Ebene rauschte an ihm vorbei. Er genoss es, bei strömendem Regen geschützt im Zug zu sitzen. Es regnete noch immer als er in Mailand ankam. In der Tourist Information ließ er sich telefonisch ein preiswertes Zimmer reservieren. Es lag etwas außerhalb des Zentrums und schien nur beschwerlich mit Bussen erreichbar zu sein. Er nahm ein Taxi. Als er sich gewohnheitsmäßig eine Quittung geben lassen wollte, fiel ihm ein, dass er diese Taxifahrt nicht beruflich unternommen hatte. „Verflixt. Der Verlag. Ich muss dort anrufen. Hatte ja nur wegen zwei Wochen Urlaub angefragt. Wie viele Urlaubstage habe ich noch? Was ist, wenn der Boss sich quer stellt? Mist.“

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19. Espresso

Juli 16, 2010

Er ging durch die Stadt, streunte herum. Die Piazza delle Erbe gefiel ihm am besten, obwohl die Marktstände geschlossen waren. Trotzdem strahlte für ihn der Platz auch unbenutzt Leben aus. Vielleicht lag es daran, dass die Marktverkäufer diesen Platz nur vorübergehend verlassen hatten, alles aber darauf deutete, dass sie auf jeden Fall wiederkommen würden. Georg hatte, geleitet in seinem Streunen von einem Faltblatt der Tourist Information, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt gesehen, ohne sie unbedingt bewundert zu haben. Auch vor dem Balkon der Julia hatte er gestanden, ohne dass dies einen besonderen Eindruck auf ihn hinterließ, bevor er wieder die Piazza Bra, den Platz vor der römischen Arena, erreichte.

In erstaunlich kurzer Zeit entleerte sich nun seine Bühne. Die mehr oder wenigen stolzen Besitzer der Opernkarten strömten in das Amphitheater. Georg wurde auf das Stück zurückgeworfen, in dem er selbst, wie es schien, eine Hauptrolle inne hatte. Er ging zu seinem Hotel. Mit einem Buch wollte er sich ablenken.

An der Rezeption, gerade als er nach seinem Schlüssel fragte, fiel ihm ein, dass er keines dabei hatte. Immer hatte er einen kleinen Stapel auf seinen Reisen dabei. Ein Buch, auf das er sich schon seit langem freute. Ein Buch, falls diese Vorfreude bereits nach wenigen Seiten enttäuscht werden würde. Ein weiteres Buch, für den Fall, dass er das zweite an einem Tag verschlingen würde. Und ein viertes, fünftes und sechstes Buch als Versicherungspaket für den Fall, dass er wegen einer Krankheit die Rückreise nicht pünktlich antreten könnte. Nicht ein Buch hatte er nun bei sich. Nicht einmal eins aus der Abteilung Notfallapotheke, falls die Straßenbahn auf dem Weg heim von der Arbeit an einem falsch parkenden Auto scheitern würde.

Er gab den Schlüssel dem verdutzten Hotelangestellten zurück und ging wieder ins Freie. Das Erinnertwerden an die praktischen Seiten einer Reise schien ihn zu erleichtern. Nicht nur an Lektüre mangelte es ihm. Weder eine Zahnbürste noch ein Deo oder gar eine Unterhose zum Wechseln führte er bei sich. Er müßte sich entweder zum Bahnhof aufmachen und den nächsten Zug nach München nehmen oder sich den üblichen Erfordernissen des touristischen Alltags stellen. Gerne hätte er sich auf das Erledigen der Einkäufe gestürzt, doch die Läden, die das führten, was er benötigte, hatten bereits geschlossen.

In einer Bar auf dem Weg zurück ins Hotel bestellte er sich einen Grappa. Jetzt war er wieder auf der eigenen Bühne angelangt, es gab nichts mehr zu tun. An der Rezeption verlangte er mit deutlich wahrnehmbarem alkoholisiertem Atem nach seinem Zimmerschlüssel. Mit überraschtem Blick nahm der Portier zur Kenntnis, dass er ihn nicht sofort zurück bekommen würde, als er Georg die Zimmertür hinter sich schließen hörte.

16. Espresso

Juni 14, 2010

„Was soll ich ihr sagen?“ Diese Frage blieb im Raum, trotz seines plötzlichen Dranges, Anna zu beruhigen. Knatternde Vespas unterbrachen seine Unsicherheit. Er sah sich im Zimmer um. Ein gerahmtes Photo der Arena. In der Nacht beleuchtet. Menschen, die in eine der Opern strömen.

Nur wenige gewohnte Tastenkombinationen und das Handy wählte Annas eingespeicherte Nummer. Seine Hoffnung, es würde sich nur die Mailbox melden, erfüllte sich nicht. Zum Auflegen war es zu spät. Seine Nummer musste schon auf ihrem Display erschienen sein.

„Ja, verdammt. Wo steckst du? Ist was passiert? Oder tickst du nicht mehr richtig?“

„Ich bin in Verona.“

„Und warum wissen die im Verlag nichts davon, wenn du so plötzlich dahin musst? Und überhaupt: warum kannst du mir nicht wenigstens kurz Bescheid sagen?“

„Ich bin nicht wegen dem Verlag hier.“

„Wie, ähm, du, du bist nicht, ähm“, Anna versuchte ihre Gedanken zu ordnen, „also du bist nicht vom Verlag geschickt worden?“

„Nein, ich bin nicht von Wörgl geschickt worden?“

„Ja, das verstehe ich jetzt nicht. Außer Wörgl gibt es doch sonst niemanden, bei dem immer alles ganz plötzlich sein muss und sofort erledigt werden soll.“

„Es muss auch nichts sofort erledigt werden.“

„Ich verstehe dich jetzt richtig? Es gibt nichts Dringendes?“

„Nein es gibt schon dringende Sachen zu erledigen. Aber nicht in Verona.“

„Ähm, was machst du dann in Verona?“

„Das weiß ich auch nicht. Das heißt, ich weiß schon, was ich mache. Ich liege auf einem Hotelbett und telefoniere mit dir …“

„Zu zweit?“

„Natürlich telefonieren wir zu zweit. Alleine telefonieren geht ja …“

„Ich meine das Bett, nicht das Telefonieren!“

„Ach so. Ich bin alleine auf dem Bett. Und auch im Zimmer und überhaupt alleine hier in Italien.“

„Ja?“

„Was ‚ja‘?“

„Ja, vielleicht erzählst du mir endlich mal, was du alleine, also wenn das stimmt, was du in Verona machst, wenn es stimmt, dass du von dort anrufst, was dich dazu bringt, ein Hotelzimmer in Verona zu nehmen? Reden wir eigentlich von der Stadt oder ist das eine Sie?“

„Ja ich bin in Verona. Also der Stadt in Italien. Romeo und Julia und so weiter.“

„Bist du also doch wegen der Literatur dort“, klang es erleichtert und feststellend.

„Nein, es hat nichts mit Büchern und Schriftstellern zu tun.“

„Ja verflucht! Mit was hat es denn zu tun?“

„Mit nichts.“