29. Espresso

November 6, 2010

 

Mit der Karte in der Hand stand er vor dem Museumscafé. Die Karte erinnerte ihn entfernt an den fälligen Anruf im Verlag. Und an die Fragen von Anna, die noch immer im Handy gespeichert waren. Er ging durch den Regen in sein Hotel zurück. Die nassen Kleidungsstücke hing er im Badezimmer auf. Er kuschelte sich unter die Bettdecke und wurde langsam wieder wärmer. Kurz überlegte er, ob er die frischen Erinnerungen an die Museumsbekanntschaft als Vorlage zum Selbstbefriedigen nutzen sollte. „Ein phantastischer Hintern“, ging es ihm durch den Kopf. Pflichtbewußt griff er jedoch zum Handy und rief Peter an.

„Hallo Peter, hier ist Georg.“

„Oh, hallo.“

„Wieso ‚oh‘?“

„Ähm, ich habe gerade mit einem anderen Anruf gerechnet.“

„Soll ich auflegen?“

„Nee, passt schon.“

„Ja, ich habe gestern und heute Morgen schon versucht dich zu erreichen, aber dein Handy war ausgestellt.“

„Ja, kann sein.“

„Hattest du ein Date?“

„Hm, so etwas ähnliches.“

„Also keine Frau, nur so was ähnliches wie eine Frau?“

Georg wollte witzig sein. Die Stimmung etwas auflockern. Bevor er Peter mitteilen würde, dass es den Kollegen Georg nicht mehr gab.

„Also schon eher Frau, aber …“, Peter stockte.

„Ja, was, ein Transvestit oder doch eher eine Frau?“

„Ja, eine Frau, aber ich weiß nicht, ob die Frau will, dass ich darüber rede.“

„Na jetzt red‘ schon, ich krieg‘ es ja eh irgendwann mit.“

Peter schwieg.

„Mach es nicht so spannend! Und keine falsche Namen, ich krieg‘ sowieso mit, wenn du flunkerst. Ich kenn‘ dich doch. Oder ist es doch ein Transvestit?“

Peter stotterte: „Nein, schon Frau, aber halt Anna, also deine Frau, also deine Freundin.“

Georg schwieg. Er musste sich fassen, bevor er zu weiteren Fragen fähig war.

„Und du hattest dein Handy ausgeschaltet?“

„Ja.“

„Die ganze Nacht?“

„Ja, kann sein, aber da war nichts. Also nichts Richtiges. Wir haben uns auf einen Kaffee getroffen im Tambosi. Anna wollte sich treffen, über dich reden.“

„Und dann?“

„Wir sind ins Kino gegangen. Und dann noch zu ihr. Also zu euch. Das heißt zu ihr. Aber da war nichts gelaufen. Nur halt ein Kuss. Du musst Anna verstehen ….“

„Und wie soll ich dich verstehen?“

„Keine Ahnung. Letztlich ist ja nix passiert.“

„Letztlich“, Georg schluckte. „Gut, ich höre sowieso im Verlag auf. Sag schon mal dem Chef Bescheid. Ich wollte es dir vorher sagen, bevor ich’s dem Verlag schreibe. Na, ja. Und Anna kannst du es auch gleich ausrichten. Damit sie auf dem Laufenden bleibt.“ Georg versuchte, nicht sauer zu klingen. „Mach’s gut. Ciao.“

Fast schon lässig das ‚ciao‘. Trotzdem, damit hatte er nicht gerechnet. Anna verbringt mit seinem vertrautesten Kollegen die Nacht. Ausgerechnet mit Peter, mit dem er ein fast freundschaftliches Verhältnis hatte. Eifersucht stieg in ihm auf und entglitt ihm wieder. Er hatte sich Gedanken über sein Verhältnis zu Anna gemacht in den letzten zwei Wochen. Auch wenn nicht wirklich etwas dabei heraus gekommen war. Aber die Möglichkeit, dass Anna auch ihre Gefühle zu ihm auf den Prüfstand stellen würde, daran hatte er nicht gedacht. Sollte er Anna zur Rede stellen? Nach einigen wütenden Minuten begriff er, dass er im Grunde kein Recht dazu hatte. Sofort war jedoch auch die Eifersucht wieder da.

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