Zum Nachlesen die ersten fünfundzwanzig espressolangen Kapitel vom Lektor, der am Feierabend vom Verlag nicht nach Hause fuhr:

 1. – 25. Espresso

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Auf mehrfachen Wunsch die ersten 15 Kapitel in einem Dokument zum leichteren Nachlesen:  1. – 15. Espresso

17. Espresso

Juni 20, 2010

 

„Du willst mir also erzählen, es gäbe keinen Grund, abends nicht vom Einkauf nach Hause zu kommen, einen Teil des Gemüses für unser Essen nicht mitzubringen, sich die ganze Nacht nicht zu melden und mittags dann aus Verona anzurufen?“

„Ja, es gibt keinen Grund.“

„Hältst du mich für völlig bescheuert?“ Anna stand kurz vor einer Explosion und Georg wollte dem gegensteuern. Aber es gab weit und breit nichts zur Vermeidung einer Detonation zu erkennen.

„Nein, ich halte dich nicht für bescheuert und es gibt keinen richtigen Grund dafür, dass ich jetzt in Verona bin.“

„O.k., halten wir mal fest, was du mir erzählst: erstens, du bist in Italien, zweitens, du hast keinen Grund dort zu sein und drittens, ich soll nicht bescheuert sein, wenn ich dir das abkaufe. Oder?“

„Ja, alle drei Punkte richtig. Ich weiß nicht, warum ich hierhin gefahren bin. Ich weiß nicht, warum ich überhaupt weggefahren bin. Ich weiß nur, dass ich losgefahren bin, dann weitergefahren bin und jetzt hier in einem Hotel in Verona bin.“

„Wieso ‚weitergefahren bin‘?“ Anna war zunehmend irritiert.

„Zuerst war ich in Trento.“

„Was, bitte schön, hast du in Trento gemacht?“

„Nichts eigentlich.“

„Wie bitte? ‚Nichts‘?“

„Doch, Espresso habe ich getrunken. Sogar zweimal.“ Georg gingen die Blicke der Frau in der Bar durch den Sinn, konnte sich aber gerade noch soweit konzentrieren, dass er nur die koffeinhaltigen Erlebnisse über das Handy weitergab.

„Espressi hast du getrunken?“

„Ja.“

„Und, wo wir gerade so auskunftsfreudig sind, wie hat er geschmeckt? Welche Marke? Wieviel Löffel Zucker? Ist die Crema nicht beim Einrühren in sich zusammengefallen wie in Deutschland? Ist es die Crema, die dich nach Italien getrieben hat. Ist es die Crema, die Deutschland, die ich dir nicht bieten kann?“

Georg hütete sich, darauf direkt zu antworten. „Eigentlich eine gute Erklärung. Ist ausbaufähig. Auch für die Geschichte, die ich dem Verlag erzählen muss. Peter würde sie mir sofort abkaufen und mich für meine Geradlinigkeit in Details der Lebensführung bewundern“, dachte er sich.

„Krieg‘ ich da jetzt noch mal eine Antwort?“

„Ja, sicher. Hmm, das heißt, es gibt eigentlich keine Antwort. Es gibt keinen Grund. Ich weiß es einfach nicht und es wäre Unfug, dir jetzt irgendeine überzeugende Geschichte vor die Füße zu legen, nur damit du aufhörst Fragen zu stellen, auf die ich keine Antwort habe. Die Crema jedenfalls ist in Italien auch nicht besser oder schlechter.“

„Wir reden von Kaffee oder von Frauen?“ Anna schien in Form zu kommen, sauer und ironisch in perfekter Mischung.

„Von kleinen Tassen Kaffee“, sagte Georg obwohl er sich in Gedanken ausmalte, was passiert wäre, wenn er in Trento nicht nur Blicke erwidert hätte.

„Also, das ist mir jetzt zu blöd. Außerdem habe ich einen Termin. Und Leute, die nicht Georg heißen, halten wahrscheinlich sogar Verabredungen ein und erwarten ebenso, dass auch ich komme. So etwas scheint dir zwar seit gestern befremdlich vorzukommen, aber solche Menschen soll es geben.“

Auf dem Display erschien die Dauer des Gespräches.

11. Espresso

April 26, 2010

Noch verharrte er in diesem ratlosen Zustand, während er begann, dorthin zu schlendern, wo er die Altstadt vermutete. Wieso er sie da vermutete, wusste er genauso wenig, wie, an was er sich erinnern wollte. Er bemerkte zuerst gar nicht, dass er auf dem Platz vor dem Dom stand. Ihm fiel nur auf, dass seine Schritte anders von den Hauswänden reflektiert wurden, als er die Piazza betrat. Hauswände mit Fresken geschmückt, ein Springbrunnen, der eiligen Frühaufstehern im Weg zu sein schien, massive Wände des Domes. Georg setzte sich auf die Stufen des Brunnens. Schaute, wie der Platz belebter wurde, ohne sich mit Leben zu füllen. Die Menschen eilten über den Platz. Gedankenverloren, aber mit festem Schritt. Er schaute ihnen nach. Eine hastige junge Frau erwiderte seinen Blick. Und rannte weiter. Georgs Blick blieb an ihr haften, aber sie drehte sich nicht mehr um, bevor sie hinter einer Hausecke verschwand. Es war kalt auf den Stufen des Brunnens.

Zurück in der Bar des Bahnhofs empfing ihn wohlige Wärme. „In wenigen Minuten hätte mich auch die Wärme des Büros wieder. Peter würde mich zur Espressomaschine begleiten. Der Duft wäre der gleiche“, ging es ihm durch den Kopf.

„Un caffè?“

„Si. E mangiare.“

„Vuole panini? Toast? Tramezzini? Dolce?“

„Panini. Prego.“

„Tre cinquanta.“

Es war lauter in der Bar als vorhin. Niemand schenkte ihm diesmal Beachtung. Er lehnte an der Theke, rührte eine Ewigkeit den Zucker in den Espresso. Das Panino kam. Der Kaffee war längst kalt, als er ihn trinken wollte. Er stand nur da und sah das Treiben um sich herum. Obwohl die Menschen hier Halt machten, war es doch so wie auf der Piazza. Nichts machte auf ihn den Eindruck, als wenn die Eile aus ihren Körpern verschwinden könnte.

„Bin ich sonst auch so? Wäre ich jetzt auch so, während ich mit Peter mit der kleinen Untertasse in der Hand über die Fehler gedruckter und nie gedruckter Autoren reden würde? Wäre ich so, wenn ich jetzt nicht hier im Bahnhof von Trient stehen würde?“

An der Kasse stand die Frau, der er auf der Piazza hinterhergeschaut hatte. Wieder kreuzten sich die Blicke. Der einzige Mensch unter den Gästen der Bar, der es für Sekunden nicht eilig hatte. Der Blick dauerte schon zu lange. Er war längst kein flüchtiger mehr. Kein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nur ihr haftender Blick ruhte auf Georg.

„Und wenn ich jetzt mit ihr ginge?“ Georg blieb an ihrem Blick kleben. Die Frage beantwortete er sich nicht. Sie kam ihm nicht noch einmal in den Kopf. Dieses ‚Was-wäre-wenn?‘ und ‚Was-riskiere-ich-dabei?‘ war plötzlich ausgeschaltet in seinem Kopf. Er stand nur an der Theke. Vier Meter entfernt schenkte ihm eine attraktive Frau einen nicht enden wollenden Blick.

10. Espresso

April 17, 2010

Vor dem Bahnhof arbeiteten die Angestellten der Stadt immer noch an der Politur der Altstadt.

„In fünf Minuten würde in München der Wecker klingeln. Ein kurzer Kuss. Espressokanne mit Wasser füllen. Bohnen mahlen. Pulver schlaftrunken halb in das Sieb der Kanne löffeln, halb auf dem Tisch verteilen. Kanne zuschrauben. Herd anstellen. Ins Bad wanken. Zähne putzen. Rasieren. Im Radio das Neueste aus der Welt. Unter der Dusche kriege ich davon dann endlich nichts mehr mit. Dafür bin ich anschließend wach. Auch nicht besser. Und nun stehe ich im Morgengrauen in Italien. Trento wird für mich oder für jemand anderen geputzt. Koffein im Körper. Kleingeld in der Jackentasche. In München würde ich in spätestens 50 Minuten wieder auf den Stapel Manuskripte treffen. Mich zusammenreißen. Trotzdem auf Zeilen wie die von gestern treffen.“

Bevor er dazu kam, sich die Zeile in Erinnerung zu rufen, kam Bewegung in seine Hose. Es fühlte sich befremdlich an. Aber auch bekannt. Einen kurzen Moment war er völlig irritiert. Zwei Menschentrauben auf zwei Busbahnsteigen vor dem Bahnhof warteten gelangweilt und schauten umher, auf der Suche nach etwas, das im Büro Gesprächsstoff bieten würde.

Der Vibrationsalarm des Handys in seiner Hosentasche war in dieser ungewohnten Umgebung für Georg nicht einfach zu identifizieren. Die Empfindungen erinnerten ihn an kühne geheime Erwartungen. Einen kurzen Moment lang sah er sich selbst im Mittelpunkt einer überraschenden Affäre. Und dann auch noch auf der Piazza Dante. Eine Affäre wie ein Inferno. Vielleicht war das der Grund, warum er sich überhaupt in den Zug gesetzt hatte.

Auf dem Display war die eigene Nummer in München. „Anna! Was ist, wenn ich rangehe? Was soll ich sagen?“ Georg war klar, dass er nichts zu sagen hatte. „Warum habe ich das Handy überhaupt angelassen? Warum ruft Anna erst jetzt an?“ Schon vor einem halben Tag sollte er zum Abendessen zu Hause sein. „Was hat Anna eigentlich in der Zeit gemacht, wenn sie mich nicht angerufen hat?“ Die Vibration fand ein abruptes Ende.

Georg stellte das Gerät aus. Piazza Dante also. Wo soll ein Lektor schon landen, wenn er abends einfach ohne nachzudenken einen Zug aus der Stadt nimmt? „Trento, da war etwas. In irgendeinem Buch. Oder war es in einem der nie veröffentlichten Manuskripte auf dem Schreibtisch? Irgend jemand hatte etwas über Trient geschrieben. Ein Dom? Eine Burg? Ein Brunnen? Die Atmosphäre? Eine leidenschaftliche Liebe? Es bleibt soviel hängen nach tausenden von Seiten und doch ist nichts erinnerbar. Nur Fetzen bleiben übrig.“

9. Espresso

April 10, 2010

 „Eine schöne Reise noch“, sagte er kurz angebunden und ohne jeden Zusammenhang zu den letzten Fetzen, die er im Rauschen wahrgenommen hatte. Es ging, wie er undeutlich gehört hatte, um irgendwelche messbaren Formen von intersubjektiver Interaktion, die auf einer interdisziplinär ausgerichteten internationalen Tagung in Padua intensiv debattiert werden sollten. „Wäre es doch um Inter in Mailand gegangen“, leuchtete es in ihm auf. Er wäre bis Verona im Abteil geblieben.

Als er ins Gepäckfach griff, bemerkte er, dass sein Koffer dort nicht zu finden war. Neben seinem Sitz lag seine kleine Aktentasche. Er fasste in die Innentasche seiner Jacke. „O.K., die Wertsachen sind da.“ Es dauerte einige panikerfüllte Sekunden, bis ihm einfiel, dass er natürlich ohne Gepäck vom türkischen Lebensmittelladen zum Bahnhof gegangen war. Mit kleinen Schweißperlen auf der Stirn verließ er den Zug.

Trento. Ein Bahnsteig. Ein Schild ‚Bar‘ fünf Bahnsteige weiter. Die Unterführung. Der Kellner an der Theke verwies auf die Kasse am Eingang. „No, zu große Scheine. Mi dispiace.“

„Prima. Das fängt ja gut an.“

Vor der Bahnhofshalle die Straßenkehrer, die allmorgendlich die Innenstadt auf Hochglanz bringen. „Irgendwo ein Zeichen, das auf einen Geldautomaten hindeuten könnte?“ Geheimzahl. Scheine kamen aus dem Schlitz. Zurück in der Bahnhofsbar empfand Georg zum ersten Mal, seitdem er gestern abend Anna hinterhergeschaut hatte, ein Gefühl von – „… ja, was ist es eigentlich? Freiheit? Abenteuer? Ungebundenheit? Marlboro-Klischees?“ Oder waren es nur die üblichen Empfindungen nach einer wachen Nacht, wenn man zwischendurch kurzzeitig von einem tiefen Wohlgefühl durchströmt wird, bevor man dann den Rest des Tages nur noch mit dem Einschlafen zu kämpfen hat?

„Un caffè.“

„Altro?“

„Non caldo.“

Ein irritierter Blick des Hüters der Kasse. „Vielleicht bin ich ein seltsamer Anblick. Wer steigt auch sonst schon frühmorgens in Trento nur mit einer kleinen Aktentasche aus und hat nur große Scheine in der Tasche?“

„Uno cinquanta.“

Der Kassierer gab auf zwanzig heraus und schaute Georg mit belustigtem Interesse nach, wie er den richtigen Platz an der Theke suchte, um endlich an seinen Espresso zu gelangen, vom Hüter der Maschine um den Kassenbeleg gebeten wurde, diesen in drei verschiedenen Hosentaschen suchen musste, ihn endlich fand und versuchte, das zerknitterte Stück Papier auf der Theke glattzustreichen. Dabei in eine kleine Lache mit Kaffee und aufgelöstem Zucker geriet und den klebrigen sich braun verfärbenden Bon übergab.

„Allora, un caffè?“

„Si“, und nach einer kleinen Pause, „prego.“