20. Espresso

Juli 25, 2010

Am nächsten Tag saß er bereits am späten Vormittag in dem Café an der Piazza Bra. Die nötigsten Einkäufe hatte er schnell erledigt. Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm, Deo. Eine grundsätzliche Entscheidung verlangte der Besuch der Herren-Unterwäsche-Abteilung. Sollte er sich eine Unterhose kaufen, ein Doppelpack oder gleich das preisgünstige Zehnerpack? Er ging etwas unschlüssig zwischen den Sonderangebotsständen auf und ab. Der Hilfe anbietenden Verkäuferin gegenüber versuchte er so zu tun, als ob er sich nicht zwischen den Materialien und Qualitäten entscheiden könnte. Um in naher Zukunft solche schwerwiegenden Entscheidungsprozesse zu umgehen, verließ er das Kaufhaus mit zwei Zehnerpaketen Unterhosen, ebenso vielen Paar Socken, zehn T-Shirts, einer Jeans, einem Hemd und einem kleinen Koffer.

Er gehörte ab jetzt zu dem Heer der Touristen in Verona. Sein Aufenthalt war nun nicht mehr ein vorübergehender. Ungeplant. Für ihn selbst nicht erklärbar. Georg versuchte sich – der Inhalt der Plastiktüten neben seinem Cafétisch drängte ihn dazu – seine nächsten Tage vorzustellen. Er würde herumreisen. Nach Venedig. Nach Padua. Nach Mailand. Nach Turin. Er würde sich die Kunstschätze Italiens ansehen. Er würde ans Meer fahren. Tagelang am Strand liegen. Er würde sich eine Vespa leihen und durch Umbrien und die Toskana trödeln. Im Chianti würde er länger verweilen. Die unterschiedlichsten Weine wollte er kennenlernen.

Am Nachbartisch saß eine Gruppe vertieft in die Diskussion, ob die Bilder eines Bellini in Museen in Venedig oder in Mailand von größerer Bedeutung wären für die Entwicklung eines anderen Malers. Auch der zweite Künstlername sagte Georg nichts. Aber Bellini hörte sich gut an für ihn. Seine Italienischkenntnisse waren immerhin so groß, dass er wusste, was eine Bella war. Damit waren auch seine Gedanken wieder bei der Frau in Trento, die nicht am Bahnsteig erschienen war. Ab und zu nahm er zwischen seinen Tagträumen Fetzen aus dem Gespräch vom benachbarten Tisch auf. Illusionäre Tiefenwirkung, Übersteigerung des Symbolgehaltes, fast schon expressiv zu nennende Farbkontraste und präraffaelitische, coloristische Interdependenz. Über was dort gesprochen wurde, blieb ihm verschlossen. Allein der Name des Malers war etwas, das ihn anzog. Georg beschloss, auch die Bilder dieses Bellini in seine Urlaubsplanungen zwischen Chianti und Vespa einzufügen.

Erst nach etwa einer Viertelstunde halb abwesenden Zuhörens bemerkte er, dass sich hinter einem Teil der ihm unverständlichen Bildbeschreibungen ein schönes Gesicht verbarg. Sofort setzte sich bei ihm die Tagtraummaschine in Gang. Er schätzte das Gesicht auf Ende zwanzig. Er wusste nicht, was ihm daran gefiel, nahm sich jedoch nach weiteren dreißig Minuten vor es anzusprechen. Fast im gleichen Moment brach die Gruppe auf.

Georg legte Münzen auf den Tisch, die für fünf Cappuccini ausreichen müssten und folgte ihr. Das Gesicht verwandelte sich plötzlich in lange braune Haare und einen magnetisch anziehenden Hintern. Die Gruppe lief mit eiligem Schritt durch Gassen, verweilte vor bestimmten Fassaden und machte an keiner Bar halt. Er hielt sich in größerem Abstand. Niemand schien sein Verfolgen zu bemerken. Er kam sich komisch vor, sich selbst beim Herumdrücken an Hausecken zu beobachten. Über was bei der Betrachtung von Häusern und Kirchen gesprochen wurde, konnte er nicht verstehen. Nach etwa drei Stunden verschwanden die langen Haare, die Pobacken und die restliche Gruppe in einem Hoteleingang. Georg schaute irritiert auf sein Spiegelbild in der Scheibe der Tür.

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16. Espresso

Juni 14, 2010

„Was soll ich ihr sagen?“ Diese Frage blieb im Raum, trotz seines plötzlichen Dranges, Anna zu beruhigen. Knatternde Vespas unterbrachen seine Unsicherheit. Er sah sich im Zimmer um. Ein gerahmtes Photo der Arena. In der Nacht beleuchtet. Menschen, die in eine der Opern strömen.

Nur wenige gewohnte Tastenkombinationen und das Handy wählte Annas eingespeicherte Nummer. Seine Hoffnung, es würde sich nur die Mailbox melden, erfüllte sich nicht. Zum Auflegen war es zu spät. Seine Nummer musste schon auf ihrem Display erschienen sein.

„Ja, verdammt. Wo steckst du? Ist was passiert? Oder tickst du nicht mehr richtig?“

„Ich bin in Verona.“

„Und warum wissen die im Verlag nichts davon, wenn du so plötzlich dahin musst? Und überhaupt: warum kannst du mir nicht wenigstens kurz Bescheid sagen?“

„Ich bin nicht wegen dem Verlag hier.“

„Wie, ähm, du, du bist nicht, ähm“, Anna versuchte ihre Gedanken zu ordnen, „also du bist nicht vom Verlag geschickt worden?“

„Nein, ich bin nicht von Wörgl geschickt worden?“

„Ja, das verstehe ich jetzt nicht. Außer Wörgl gibt es doch sonst niemanden, bei dem immer alles ganz plötzlich sein muss und sofort erledigt werden soll.“

„Es muss auch nichts sofort erledigt werden.“

„Ich verstehe dich jetzt richtig? Es gibt nichts Dringendes?“

„Nein es gibt schon dringende Sachen zu erledigen. Aber nicht in Verona.“

„Ähm, was machst du dann in Verona?“

„Das weiß ich auch nicht. Das heißt, ich weiß schon, was ich mache. Ich liege auf einem Hotelbett und telefoniere mit dir …“

„Zu zweit?“

„Natürlich telefonieren wir zu zweit. Alleine telefonieren geht ja …“

„Ich meine das Bett, nicht das Telefonieren!“

„Ach so. Ich bin alleine auf dem Bett. Und auch im Zimmer und überhaupt alleine hier in Italien.“

„Ja?“

„Was ‚ja‘?“

„Ja, vielleicht erzählst du mir endlich mal, was du alleine, also wenn das stimmt, was du in Verona machst, wenn es stimmt, dass du von dort anrufst, was dich dazu bringt, ein Hotelzimmer in Verona zu nehmen? Reden wir eigentlich von der Stadt oder ist das eine Sie?“

„Ja ich bin in Verona. Also der Stadt in Italien. Romeo und Julia und so weiter.“

„Bist du also doch wegen der Literatur dort“, klang es erleichtert und feststellend.

„Nein, es hat nichts mit Büchern und Schriftstellern zu tun.“

„Ja verflucht! Mit was hat es denn zu tun?“

„Mit nichts.“